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StartseiteHintergrundIn den Städten braut sich ohnmächtige Wut zusammen20.02.2006

In den Städten braut sich ohnmächtige Wut zusammen

Die Krise in Äthiopien

Adigrat, in den Bergen der nordäthiopischen Provinz Tigray; es ist sechs Uhr früh. Dicht gedrängt sitzen etwa tausend Menschen in der schlichten katholischen Kathedrale; eingehüllt - bei eisiger Kälte – in die traditionelle weiße Gabi. In sich versunken feiern sie, wie orthodoxe Christen nebenan, die Erntedankmesse.

Von Brigitte Helfer

Eritreische Soldaten  (AP Archiv)
Eritreische Soldaten (AP Archiv)
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Äthiopien hat in dieser und der letzten Saison so viel Weizen, Sorghum und Mais geerntet wie seit langem nicht. Die Ernte könnte, richtig verteilt, die fast 75 Millionen Einwohner des Landes ernähren. Das bitterarme Äthiopien könnte auf einem guten Weg sein, wenn nicht vielerorts Konflikte zwischen den 80 Volksgruppen tobten – und der Konflikt mit dem kleinen Nachbarn Eritrea, unter dem vor allem die Bewohner Tigrays leiden, einer Region, wo von schwer zugänglichen Gipfeln das Türkis, Rosa und Gelb festungsartig angelegter orthodoxer Kirchen leuchtet; wo selbst bescheidenste Hütten und Einfriedungen aus grob behauenem Stein wie für die Ewigkeit gebaut wirken.

Außerhalb des Städtchens Adigrat mündet eine von zweirädrigen Maultierkutschen bevölkerte Hauptstraße in eine holprige Sand- und Schotterpiste, die zum Grenzort Salambessa führt – in abenteuerlichen Kehren durch tiefe Schluchten und über hoch aufragende Berge. "In diesem Gebirge wuchsen noch vor 40 Jahren hunderttausende Zedern", sagt Hagos Weldeioannes – ein tigreischer Sozialarbeiter. Jetzt wachsen nur noch um die Kirchen herum Bäume. – Kurz vor der Grenze deutet Hagos auf seltsam gerade Furchen in einem Hang – Schützengräben. Hier herrschte vor wenigen Jahren Krieg.

"Wir befinden uns hier im Irob-Distrikt außerhalb Salambessas, direkt an der Grenze zwischen Äthiopien und Eritrea. Das Problem hier ist, dass der Internationale Gerichtshof die Grenze in ganz absurder Weise verändert hat: Die neue Grenzlinie verläuft über jenen Berg dort, den wir Tassene nennen, hinunter zum Ort Monoxoito. Indem so mehrere Dörfer in der Umgebung Salambessas Eritrea zugeschlagen werden, wird zugleich der Lebensraum der Irob-Volksgruppe in der Mitte durchschnitten. 30.000 Menschen brauchen künftig Visa, um Verwandte zu besuchen. Diese direkt betroffenen Menschen wollen nun über eine vernünftige Lösung diskutieren. Die Eritreer aber verweigern jederlei Diskussion."

Eritrea – zum Feind mutierter Freund Äthiopiens. 1991 hatten tigreische und eritreische Kämpfer gemeinsam den kommunistischen Diktator Mengistu verjagt. 1993 wurde Eritrea unabhängig; Äthiopiens neuer Machthaber Meles Zenawi verzichtete auf den Zugang zum Meer und auf eine klar definierte Grenze. Man war ja befreundet. – Bald jedoch wuchsen politische wie wirtschaftliche Konflikte; 1998-2000 forderte ein Krieg um 400 Quadratkilometer öden Gebirges 80.000 Menschenleben. Dann verpflichteten sich beide Seiten, die Grenzziehung dem Internationalen Gerichtshof zu – wovon Äthiopien jedoch nichts mehr wissen wollte, als das Gericht äthiopisch besetztes Gebiet Eritrea zusprach. Inzwischen zeigt sich Eritrea frustriert, weil an der Grenze stationierte UN-Blauhelme den Schiedsspruch nicht durchsetzen; die Regierung in Asmara hat den Operationsspielraum der Blauhelme deshalb drastisch eingeschränkt. Beide Seiten ziehen wieder Truppen an der Grenze zusammeln; sie rasseln immer lauter mit dem Säbel.

Das Städtchen Salambessa ist Trümmerwüste, Großbaustelle und Marktzentrum zugleich. 1998 wurde der Ort von eritreischen Truppen zerstört; seit zwei Jahren bauen ihn die Äthiopier mit trotziger Energie wieder auf. Zwischen zerschossenen Mauern und Zeltunterkünften wachsen neue Häuser; verstaubte Menschen schichten Stein auf Stein; Frauen mit bunten Regenschirmen gegen die Sonne verkaufen Chili, Zwiebeln, Kaugummi. – Zwei alte Händlerinnen mit dunklen Schals um den Kopf, Tebletma Asho und Birhan Kedase, bitten den Besucher in ein frisch errichtetes Häuschen, wo es nach trocknendem Beton riecht. Die Einrichtung ist karg: Stühle, mit Wachstuch belegte Kisten; darauf Töpfe, Flaschen, der Korb mit Injera, dem aus Teff gebackenen Fladenbrot; Heiligenbilder. Auf einem blau lackierten Metallbett stillt eine noch sehr junge Frau ihr Baby, dessen Kopf über und über mit Ausschlag bedeckt ist.

"Als die Eritreer kamen, konnten meine Tochter und ihre Kinder gerade noch nach Adigrat fliehen. Mich nahmen die Eritreer mit und steckten mich – mit Tausenden anderen alten Leuten, Frauen und Kindern – in ein Lager. Vier Wochen saßen wirt dort – mit nur etwas Sorghum zu essen. Wer aufmuckte, den schlugen die Wächter mit Gewehrkolben. – Nach meiner Freilassung ging auch ich zu Verwandten nach Adigrat. Erst 2001 kehrten wir nach Salambessa zurück – in eine Trümmerwüste. Kein Stein hier stand mehr auf dem anderen. Unsere Möbel, unsere Kleider, alles hatten die Eritreer gestohlen – und überall Minen gelegt. Schauen Sie, die Ruine dort draußen war mal die größte Bäckerei der Stadt, das Brot wunderbar und der Bäcker ein reicher Mann. Drei Tage jedoch, nachdem er mit uns zurückgekehrt war, trat er auf eine Mine und starb."

"Mein Sohn hatte zwölf Jahre im eritreischen Assab gelebt und dort im Hafenbüro gearbeitet. 1998 aber nahmen ihn die Eritreer fest, weil er Äthiopier war. Sie folterten ihn mit Nägeln und brachten ihn schließlich um. Seine Leiche haben sie irgendwo in der Wüste verscharrt."

In dem Häuschen, das die alten Frauen gemietet haben, wohnt auch Tebletmas Tochter mit ihren fünf Kindern. Geld zum Überleben bringen neben dem Kleinhandel vom Ausland finanzierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Für sechs Birr, 60 Eurocent, am Tag, sammeln die Frauen Müll und helfen beim Wegebau. Sie lebe in Angst, sagt beim Abschied Tebletma, deren Gesicht von Gram gezeichnet ist – in Angst um die Gesundheit der Kinder, für die es hier keinen Arzt gibt; in Angst vor einem erneuten Angriff der Eritreer – vor dem sie diesmal nicht weglaufen werden.

"Wir sind einmal geflohen und haben alles verloren. Jetzt bleiben wir hier, egal ob es Krieg gibt oder nicht. – Manchmal bete ich, dass kein Krieg ausbricht; manchmal aber denke ich auch, dass ich nach einem Sieg Äthiopiens vielleicht meine Schwester wieder sehe. Die lebt mit ihrem Mann im Dorf Kohebai acht Kilometer von hier, auf der eritreischen Seite. Seit sieben Jahren habe ich nichts von ihr gehört."

Draußen marschiert eine Kompanie Soldaten vorbei, das AK 47 geschultert, macht halt an einem rostigen Schlagbaum außerhalb der Stadt. Von hier führt ein schmales Asphaltband nach Eritrea – durch die von UN-Blauhelmen kontrollierte entmilitarisierte Zone. Im Moment sei alles friedlich, sagt ein nervös wirkender Offizier.

Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ist ein Moloch aus Zement, Wellblech und qualmenden Schrottautos; aus zahllosen Bettlern und plärrender Kaffeehaus-Musik. Dazu Baustellen; neuerdings schießen überall schmucke Geschäftshäuser aus dem Boden, vor denen junge, gut gekleidete Leute ins Handy gestikulieren. Das Wirtschaftswachstum liege bei acht Prozent, schreiben die Zeitungen.

"Wovon wir Oromos nur wenig haben", sagt in einem winzigen, blech gedeckten Betonhäuschen am Stadtrand ein junger Student mit schmalem, fast ausgezehrt wirkendem Gesicht; ein Student von der Volksgruppe der Oromos, der größten Äthiopiens.

"Wir alle leben in Angst, weil so viele Soldaten in der Stadt sind. Sie schießen auf Dich; sie nehmen Dich fest und verschleppen Dich in ein Konzentrationslager. Das größte liegt 350 Kilometer von hier – im Didessa-Tal. Wir schätzen, dass sie dort 20.000 Oromos festhalten. Viele andere wurden umgebracht oder haben das Land verlassen."

Der Student deutet auf ein Foto über dem Sofa: "Meine Schwester bei der Examensfeier. Sie ist seit dem 3. November verschwunden." –Unterdrückung und wirtschaftliche Benachteiligung der heute 30 Millionen Oromos hätten mit der Kolonisierung durch Amharen-Kaiser Menelik von 120 Jahren begonnen, erzählt der Student; die Unterdrückung dauere an unter der Meles-Regierung, in der allein Tigreer den Ton angäben, obwohl sie ein eher kleines Volk repräsentieren. – "Ich bin Kämpfer der ‚Oromo Liberation Front’, der OLF", gibt sich der junge Mann zu erkennen. "Ich kämpfe bewaffnet für die Rechte der Oromos."

"Die "Oromo Liberation Front” ist zwar militärisch nicht stark, dafür jedoch politisch. – Die OLF will übrigens nicht, wie es oft heißt, Oromia vom Rest Äthiopiens trennen. Wir wollen was uns als größter Volksgruppe im Lande gerechterweise zusteht. Wir wollen in unserer Sprache lernen und unsere Ressourcen selbst verwalten. Fast der gesamte äthiopische Kaffee und fast alle Nahrungsmittel stammen ja aus Oromia; wir Oromos aber sehen davon herzlich wenig."

Bedrückt erinnert sich der junge Mann an die Zeit vor den Parlamentswahlen vom 15. Mai 2005. Regierungsvertreter und das bunt gemischte Oppositionsbündnis CUD hatten damals intensiv und fruchtbar debattiert – über das Verhältnis zwischen den 80 Ethnien des Landes, über wirtschaftliche und soziale Fragen; die Auflagen der Zeitungen hatten sich verdoppelt. – Mit dem Versuch der Regierung, das Wahlergebnis zu fälschen, schlug die Aufbruchstimmung im Juni 2005 um: in verzweifelten Widerstand der Opposition gegen den jetzt als Diktator wahrgenommenen Premier Meles Zenawi. Die Staatsmacht reagierte mit rabiater Gewalt; es gab 40 Tote. Ende Oktober rief die Opposition zum Generalstreik auf – woraufhin die Polizei hunderte Demonstranten erschoss. Zehntausende wurden im Rahmen nächtlicher Razzien festgenommen und in Internierungslager gesperrt, wo sie zum Teil noch heute sitzen. Gegen Dutzende Oppositioneller und Journalisten werden Hochverratsprozesse vorbereitet.

Begrenztes Verständnis für Premier Meles bringt Amare Aregawi auf, Chefredakteur der englischsprachigen Wochenzeitung "Reporter". Schlecht ausgebildete Polizisten, sagt der quirlige kleine Mann im Nadelstreifenanzug, seien im Juni und November 2005 einfach durchgedreht – angesichts Steine werfender Demonstranten und brennender Reifen. – Aregawis Zeitung berichtet sachlich, aber durchaus kritisch über innen- wie außenpolitische Turbulenzen. Ein Artikel über das Gefangenenlager Didessa etwa dokumentiert, wie Gefangene, tagelang im Freien sitzend, von Löwen, Hyänen und Schlangen getötet wurden.

"Trotzdem sei der "Reporter" ein Feigenblatt, das wenigen tausend englischsprachigen Äthiopiern und Ausländern Pressefreiheit vorspiegeln soll", meinen Beobachter. Von den tatsächlich wichtigen, den Zeitungen in der Amtssprache Amharisch seien 20 verboten; Dutzende von Journalisten säßen, angeklagt wegen Hochverrats, in Haft. – "Stimmt", sagt Aregawi. Zugleich aber fordert er Selbstkritik auch von den meist schlecht ausgebildeten Journalisten.

"Zu den Spannungen beigetragen haben sicherlich Teile der Presse, indem sie extrem polarisiert berichteten. Viele Zeitungen unterstützten bedingungslos eine Partei, fabrizierten in diesem Sinne Nachrichten und schürten Hass auch zwischen Ethnien; Fakten oder Ausgewogenheit waren ihnen egal. In einer bitterarmen, ungebildeten Gesellschaft wie der Äthiopiens kann so etwas verhängnisvolle Folgen haben. Ethnische Konflikte hier entzünden sich an Nichtigkeiten und werden dann zum Flächenbrand – so wie in Ruanda zwischen Hutu und Tutsi oder in Nigeria zwischen Haussa und Ibo. Wir Journalisten tragen deshalb enorme Verantwortung in einem Land wie Äthiopien, wo 80 ethnische Gruppen miteinander leben müssen."

Präsident dieses Landes war von 1995 bis 2001 Negaso Gidada – ein hoch gebildeter und als integer geltender Politiker, der 17 Jahre im deutschen Exil lebte. 2001 zerstritt sich Negaso mit Premier Meles, der das Regierungsprogramm eines demokratischen Sozialismus gegen eine Art Staatskapitalismus ausgetauscht hatte. Meles setzt auf Hilfe des Westens und reicher Auslandsäthiopier, Negaso dagegen will mehr soziale Gerechtigkeit; für ihn ist Äthiopien nicht reif für den Kapitalismus, der bestehende Ungleichheit nur verschärfe.

2005 ließ sich der Ex-Präsident als Unabhängiger ins Parlament wählen – woraufhin ihm der Premier sämtliche Privilegien strich: Negaso verlor Pension, Dienstwagen, Telefon- und Internetanschluss; um den Verbleib in seinem Wohnhaus kämpft er derzeit vor Gericht.

Ein nachdenklich und melancholisch erscheinender Skeptiker heute, der Mozart liebt und im riesigen, karg möblierten Wohnzimmer seines Hauses wie verloren wirkt. – Negaso hegt, sagt er, Respekt für einige brillante, sozialdemokratisch denkende Köpfe im Oppositionsbündnis CUD, von denen die meisten im Gefängnis sitzen. Für nicht so wichtig hält er allerlei Sprengstoff im CUD-Programm. So fordert das Bündnis eine Rückkehr zum Amharischen als Einheitssprache und vertritt gegenüber Eritrea eine deutlich aggressivere Position als Premier Meles. All das, meint Negaso, werde nicht so heiß gegessen wie gekocht. Höchst kritisch sieht er dagegen die Rolle des Westens in Äthiopien. Dieser träume, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung Muslime seien, von Äthiopien als christlichem Bollwerk gegen den Islamismus der Region. Deshalb sei der Westen primär an der Einheit Äthiopiens interessiert, wofür als bester Garant der Tigreer Meles erscheine, dem der Westen jüngst 4,4 Milliarden Dollar Schulden erließ. Bei den Bedingungen – gute Regierungsführung, Wahrung von Menschenrechten, mehr Demokratie und Wirtschaftsreformen – schauten westliche Diplomaten nicht so genau hin, klagt Negaso.

"Sie kritisieren die Regierung und präsentieren bisweilen auch Forderungen. Lehnt die Regierung diese jedoch ab, verlagern die westlichen Diplomaten ihren Druck auf die Opposition. Sie solle die Rolle einer so genannten loyalen Opposition einnehmen. – Klingt gut. Was aber heißt loyal? Loyal gegenüber unserer Verfassung, gegenüber unserem Land und seiner Bevölkerung? – Das ist für mich in Ordnung. Die westlichen Diplomaten aber fordern Loyalität gegenüber der Regierung, gegenüber der herrschenden Partei. Systematisch stärken die Geberländer die so genannten Gemäßigten in der Koalition für Einheit und Demokratie, drängen sie, ihre Parlamentssitze einzunehmen und ihre Führer im Gefängnis zu vergessen."

Äthiopiens Präsident blickt skeptisch in die Zukunft seines Landes, das geprägt ist von gewaltigen Strukturproblemen: Die Landwirtschaft, von der 85 Prozent der Äthiopier leben, ist hoffnungslos unterentwickelt; in den Städten braut sich ohnmächtige Wut von Millionen Erwerbslosen und perspektivlosen Studenten zusammen, entlädt sich immer häufiger in Protesten, schürt ethnische Konflikte, führt Regierungspolitiker in Versuchung, Schießbefehle zu geben oder sich mal wieder auf den äußeren Feind Eritrea zu konzentrieren.

"Im Amharen-Gebiet im Norden, bei Gondar, führt die "Patriotische Front" einen bewaffneten Kampf gegen die Regierung; in Oromia haben wir die OLF, im Gebiet der Somalis die "Befreiungsbewegung des Ogaden" in Gambela die "efreiungsfront Gambelas" – Alles bewaffnete Guerilla-Organisationen, deren Bedeutung künftig zunehmen dürfte. – Nach den blutigen Unruhen der jüngsten Zeit nämlich sind all die, die bislang legale Opposition betrieben, zutiefst frustriert. Einige sind in die innere Emigration gegangen; einige haben das Land verlassen; immer mehr jedoch schließen sich dem bewaffneten Widerstand an, der infolgedessen immer stärker wird. – Mag sein, wir taumeln nun zurück in eine Ära wie unter Mengistu, als starke Befreiungsbewegungen in Eritrea und Tigray operierten. Damals war der Widerstand der Oromos und Somalis noch schwach; das aber dürfte sich jetzt ändern."

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