Mittwoch, 11.12.2019
 
Seit 13:30 Uhr Nachrichten

In Putins Schatten

Boris Reitschuster schreibt faktenreich über Dmitri Medwedew

Zwei Tage nach seiner Amtseinführung lieferte Russlands neuer Präsident eine Demonstration der Stärke. Erstmals seit dem Ende der Sowjetunion ließ der neue Oberbefehlshaber wieder Panzer, Raketenträger und Kampfjets über den Roten Platz donnern, um des Siegs über Deutschland im Mai 1945 zu gedenken. Aber auch nach dieser Truppenparade ist die entscheidende Frage unbeantwortet: Wie stark ist Dmitri Medwedew wirklich? Boris Reitschuster unternimmt in seinem neuen Buch den Versuch, eine Antwort zu liefern. Doch letzte Gewissheit, so unser Rezensent Dietrich Möller, kann auch Reitschuster nicht verschaffen:

Boris Reitschusters "Der neue Herr des Kreml? Dmitrij Medwedew"  (AP)
Boris Reitschusters "Der neue Herr des Kreml? Dmitrij Medwedew" (AP)

Wer ist Dmitri Medwedew? Diese Frage stellt sich ungeachtet der Antwort, dass er der Nachfolger Wladimir Putins im Amt des russischen Präsidenten ist. Die paar biographischen Hinweise und die wenigen Erkenntnisse seines Wirkens in der Regierung und in der Kreml-Administration, dann als Aufsichtsratsvorsitzender von Gasprom, des größten Gaskonzerns der Welt, schließlich als Chef von Putins Präsidialamt sind zu dürftig, als dass sich aus ihnen ein klares Persönlichkeitsbild ergeben könnte - und schon gar keine Prognosen seines politischen Handelns als Hausherr im Kreml. Eine Konstante freilich enthält Medwedews Vita: Alle jene Ämter verdankte er Putin. Ist er also nicht mehr als ein von Putin abhängiger Protegé? Und wird er als Präsident auch nur Günstling und Gehilfe des Ministerpräsidenten Putin sein?

Während noch immer allerhand Mutmaßungen angestellt und - nach kurzen Begegnungen oder einer Rede - hoffnungsfroh Annahmen geäußert werden, hat Boris Reitschuster, der Moskauer Korrespondent des Magazins Focus, ein mustergültig recherchiertes und überaus informatives Porträt Medwedews gezeichnet. "Der neue Herr im Kreml" heißt sein Buch, und indem er den Titel mit einem Fragezeichen versieht, äußert er einerseits Skepsis, andererseits aber überlässt er die Antwort schlicht der Zukunft. Freilich, gegen Ende seines Porträts bietet er dem Leser zwei Szenarien an:


Vieles spricht für eine Machtverteilung nach dem Vater-Sohn-Prinzip, in der Putin als der Ältere das letzte Wort hat, während Medwedew den Juniorpartner gibt, der seinen Übervater nach wie vor siezt, sich von ihm in patriarchalisch-russischer Manier aber duzen lässt.

Und noch eine Metapher zu dieser Erwägung:

Das Verhältnis der beiden erinnert an eine Fahrstundensituation: Medwedew sitzt zwar am Steuer, lenkt auch fleißig und darf aufs Gas drücken, doch Putin sitzt daneben, mit eigenem Gaspedal und eigener Bremse und dem Recht, jederzeit ins Lenkrad greifen zu können, wenn er es für nötig hält. Das große Rätsel bleibt, ob hinten auf dem Rücksitz noch ein "Prüfer" sitzt, der entscheidet, ob der Eleve weiterfahren darf, oder die Prüfung vorzeitig beendet und ihn aus dem Wagen wirft. Einiges spricht dafür, dass dort hinten die Geheim- und Sicherheitsdienste, jene mächtigen Organe, die unter Putin in weite Teile des Staatsapparates vorgedrungen sind, das Sagen haben, und dass denen der Fahrschüler Medwedew überhaupt nicht gefällt.

Die andere Möglichkeit sieht Reitschuster darin, dass

auf Medwedew sofort nach dem Einzug in den Kreml ganz neue Kräfte und Einflüsse wirken. Da ist zum einen die Aura des Amtes. Schon nach seiner Ausrufung zum Thronfolger im Dezember 2007 war zu spüren, wie er beinahe von Woche zu Woche an Selbstsicherheit gewann, wie seine Stimme fester und sein Blick entschiedener wurden.

Medwedew habe während der acht Jahre seines Aufstiegs beträchtliche Erfahrungen im harten Moskauer Machtkampf gesammelt. Ähnlich wie Putin frühere Kollegen im Geheimdienst in entscheidende Positionen beförderte, habe auch er mittlerweile für Gefolgschaft gesorgt.

In Moskau ist bereits von der "Jura-Connection" die Rede. Sie besteht aus rund 50 meist jungen Männern und Frauen, die Mehrzahl von ihnen noch auf Warteplätzen auf dem Weg nach oben, Kommilitonen, Gasprom-Kollegen, ehemalige Untergebene aus dem Präsidialamt und Freunde aus der Regierung. Hier könnte sich ein eigener Clan entwickeln.

Dennoch neigt Reitschuster der Annahme zu, dass Medwedew als ein eher schwacher Präsident eine - wie er schreibt -

Fußnote in der Geschichte Russlands bleiben wird.

Medwedew sei jedenfalls ein Gefangener des von Putin geschaffenen Systems, das keine liberale und demokratische Alternative zugelassen habe. Es sei ausschließlich auf Selbsterhaltung ausgerichtet, zitiert er eine renommierte russische Politologin, und darin lauere gar die Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes.

Ein Gefangener - ja. Aber ebenso ist Medwedew ein Produkt jenes Systems. Reitschuster zeichnet seinen Weg von der Schule über die Universität und die Stadtverwaltung von Petersburg bis nach Moskau und in den Kreml faktenreich nach, wobei er sich auf Auskünfte von Beobachtern und Weggefährten beziehen kann. So erfahren wir, dass Medwedew schon in Petersburg als juristischer Helfer Putins in allerhand dubiose Geldgeschäfte engagiert war. Dass er selbst als Mitgründer und Mitbesitzer eines Holzunternehmens und später dann als Aufsichtsratschef von Gasprom eigentlich mehrfacher Millionär sein müsste, sein Vermögen aber nur mit - umgerechnet - rund 76.000 Euro angibt. Dass er mit seinem angeblich Ersparten plus seinem offiziellen Verdienst weit über seine Verhältnisse leben würde, legte man nur die Kosten für seine Luxuswohnung zugrunde. Ja, und natürlich, dass Medwedew wie Putin die ungeheure Korruption als Pestgeschwür am russischen Körper beklage.

Reitschuster breitet nicht Klatsch und Tratsch aus - er berichtet, er beschreibt Anspruch und Wirklichkeit, das groteske Ausmaß an Intrigen, Willkür und Missständen. Für westliche Leser ist all das schwer zu begreifen; Reitschuster:

Es scheint allerdings eines der Probleme in der Wahrnehmung des heutigen Russlands im Ausland zu sein, dass die Missstände zum Teil derart unvorstellbar sind, dass Berichte über sie schlicht als übertrieben oder unrealistisch abgetan werden - ein Phänomen, das der Kreml für seine Öffentlichkeitsarbeit geschickt zu nutzen weiß.

Ein weiteres Problem besteht in Gutgläubigkeit und Oberflächlichkeit.

Die Entscheidungsträger in Moskau machen sich ganz offen lustig über die westlichen Wertvorstellungen und die Grundpfeiler unserer Demokratie. Und manche Politiker und Beobachter im Westen analysieren aufmerksam jede Aussage in jedem Halbsatz Putins wie auch Medwedews, aber eben nach westlichen Maßstäben - und ziehen entsprechende Schlussfolgerungen. Zumindest grob fahrlässig handelt, wer etwa die Bekenntnisse Medwedews zu Demokratie und Rechtsstaat wiedergibt, ohne darauf zu verweisen, dass solche Worte zumindest in der Vergangenheit in dem System, das Medwedew an seine Spitze beförderte, reine Lippenbekenntnisse blieben.

Ein höchst empfehlenswertes Buch, das viele Fragen beantwortet, nur eben nicht die nach Medwedjews künftiger Rolle und Politik.

Dietrich Möller über Boris Reitschuster: Der neue Herr des Kreml? – Dimitrij Medwedew. Das Buch ist bei Econ erschienen, hat 253 Seiten und kostet 16 Euro 90.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk