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StartseiteKalenderblattIn seiner Zeit verkannt29.07.2006

In seiner Zeit verkannt

Vor 150 Jahren starb der Komponist Robert Schumann

Er sei einer der ersten großen Komponisten gewesen, der den "Gestus des sich Erinnerns, nach rückwärts Schauens und Hörens" entdeckt habe, schrieb Alban Berg über Robert Schumann. Im Banne einer als übermächtig empfundenen Tradition entwickelte Schumann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine radikale Musiksprache, deren Postulate heute immer mehr Komponisten wieder für sich entdecken.

Von Sabine Fringes

Vom Leipziger Klavierpädagogen Friedrich Wieck ließ sich Schumann zum Pianisten ausbilden. (AP)
Vom Leipziger Klavierpädagogen Friedrich Wieck ließ sich Schumann zum Pianisten ausbilden. (AP)

"Selbstcharakteristik: Mehr subjektiv, als objektiv in seinen Urteilen und Produkten; das Gefühl stärker als das Streben. Sein Verstand weniger Reflexion, als Eingebung des Gefühls, Einbildungskraft stark, nicht sehr tätig. Genial ist er nicht. Das 'Der Erste-Sein' ist ihm angeboren."

So porträtierte sich Robert Schumann 1830 selber. Es ist das Jahr, in dem der 20-Jährige endlich das ihm leidige Jurastudium aufgibt, um sich von dem renommierten Leipziger Klavierpädagogen Friedrich Wieck zum Pianisten ausbilden zu lassen.

Sein Streben nach jenem "Erste-Sein" wird dem Sohn eines Verlegers dabei zum Verhängnis: Durch nächtelanges Spielen mit einem selbst erfundenen Übungsapparat erlahmt seine rechte Hand. Ein Finger bleibt schließlich steif zurück, an eine Pianistenlaufbahn ist nicht mehr zu denken.

Zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes beginnt Schumann nun eine Zeitung herauszugeben: Mit seiner "Neuen Zeitschrift für Musik", macht er sich bald einen Namen - auch außerhalb Deutschlands. Schumanns Artikel tragen zur Wiederbelebung der Werke des späten Beethoven, und des beinahe vergessenen Schubert bei. Und natürlich widmet er sich auch der Musik seiner Zeit:

"Auf der Bühne herrscht noch Rossini, auf den Klavieren fast ausschließlich Herz und Hünten. Lasst uns nicht müßig zusehen, greift an, dass es besser werde, dass die Poesie der Kunst wieder zu Ehren komme."

Und Schumann griff an: Geschult an Bachs "Wohltemperiertem Klavier" läutet der Autodidakt mit seinen Kompositionen eine - wie er es nennt - "neue poetische Zeit" ein: In seinem Liedschaffen, mit den Zyklen "Dichterliebe" oder "Frauenliebe und -leben", verleiht er dem Klavier erstmals eine völlig eigene Bedeutungsebene.

Doch auch seine Klavierwerke sind durchdrungen von Poesie, voller Anspielungen und geheimer Mitteilungen: Seine "Kreisleriana", aus dem Jahr 1838 etwa, porträtieren nicht nur eine Figur aus E.T.A. Hoffmanns "Lebensansichten des Kater Murr", sondern spiegeln zugleich Schumanns eigene Zerrissenheit, seine tiefe Sehnsucht zu Clara Wieck, der Tochter seines Klavierlehrers.

Bei seinen Zeitgenossen stößt diese vieldeutige und ungewohnt verschlungene Musik nicht immer auf Verständnis. Schumann widmet sich nach der Eheschließung im Jahr 1840 - wie es auch Claras Wunsch war - besonders den großen Formen: So komponiert er zuerst Symphonien, dann Kammermusikwerke, Oratorien und schließlich die Oper "Genoveva". Es entstehen aber auch leichtere Kompositionen für die Hausmusik.

Doch die finanzielle Lage der Familie Schumann, deren Kinderschar im Laufe der Zeit auf sieben anwächst, bleibt angespannt: Im Jahr 1850 zieht die Familie nach Düsseldorf, wo Schumann als städtischer Musikdirektor seine erste - und einzige - feste Stelle als professioneller Musiker antritt. Doch bald macht sich eine - wohl vererbte - Nervenkrankheit immer stärker bemerkbar.

Nach einer Folge von starken Halluzinationen stürzt sich der Verzweifelte am Rosenmontag im Jahr 1854 schließlich in den Rhein. Auf eigenen Wunsch kommt er in eine private Heilanstalt in Endenich bei Bonn, wo er zwei Jahre später sterben wird.

Nun erfüllt sich, was Clara gut 20 Jahre zuvor ihrem Tagebuch anvertraut hatte:

"Die Zeit wird kommen, wo die Welt ihn erkennen wird, aber spät wird sie kommen."

Peter Tschaikowsky etwa bezeichnet die zweite Jahrhunderthälfte als "die Schumannsche Periode" der Musikgeschichte. Ähnlich sieht man es auch in Frankreich, wo von Bizet, bis hin zu Debussy und Ravel, die vielleicht stärkste Auseinandersetzung mit Schumanns Werk erfolgt.

In ihrem Tagebuch fährt Clara fort:

"Ich selbst finde bei jedem Mal mehr spielen seiner Sachen immer neue Schönheiten. Geist, Gemüth, Humor, größte Zartheit. Alles vereint sich darin, der feinsten Züge sind unendlich darin. Man muss ihn kennen - wie ich - und man wird sein ganzes Ich in seinen Compositionen allein finden."

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