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StartseiteEuropa heute"In Würde gedenken"20.05.2005

"In Würde gedenken"

Tschechische Roma streiten für ein Holocaust-Mahnmal

Seit Jahren fordern die tschechischen Roma eine Gedenkstätte für ihre Holocaust-Opfer. Bislang vergeblich. Auf dem Gelände des früheren Roma-KZ im mährischen Hodonin befindet sich heute ein Erholungszentrum. Und in Lety bei Pisek, dem Standort des zweiten ehemaligen Lagers für Roma, wird eine Schweinefarm betrieben. Zahlreiche Appelle von Roma-Verbänden, die Farm zu beseitigen, sind bislang gescheitert. Silja Schultheis berichtet aus Tschechien.

Tschechiens Präsident Vaclav Klaus sieht keine Notwendigkeit für die Errichtung einer Roma-Gedenkstätte in Lety.  (AP Archiv)
Tschechiens Präsident Vaclav Klaus sieht keine Notwendigkeit für die Errichtung einer Roma-Gedenkstätte in Lety. (AP Archiv)

Eine Roma-Gedenkfeier im südböhmischen Lety für die Opfer des Holocaust. Auf dem provisorischen Friedhof, rund 150 Meter vom ehemaligen Konzentrationslager entfernt, haben sich rund 120 Menschen versammelt, dort wo der damalige Präsident Vaclav Havel 1995 ein Mahnmal errichten ließ.

Auf dem Lagergelände selbst befindet eine Schweinefarm mit 14.000 Tieren. Damit der Gestank nicht zum Friedhof herüberzieht, haben die Betreiber die Belüftung ausgeschaltet. Dennoch sei dies ein unwürdiger Ort für die Opfer des Holocaust, sagt Cenek Ruzicka, der seinen Großvater und seinen Bruder im KZ Lety verloren hat und heute Vorsitzender des Komitees zur Entschädigung des Roma-Holocausts ist:

"Schon seit zehn Jahren gibt es diesen unglaublichen Streit darüber, wie man der Opfer des Rassenhasses in Würde gedenken kann. Aber diese Farm ist immer noch in Betrieb, allen Bemühungen zum Trotz. Das zeigt, wie kompliziert das Verhältnis zwischen Tschechen und Roma bis heute ist."

Wenige hundert Meter vom Mahnmal für den Roma-Holocaust entfernt, in einer Gartenkneipe in Lety. Drei junge Männer sitzen an einem Tisch und trinken Bier:

"Die Schweinefarm soll wegen dieser Gedenkstätte abgerissen werden? Das ist doch Unsinn. Hier haben die Menschen wenigstens Arbeit. Die sollen sich wegen einer Gedenkstätte mal nicht so aufführen. Außerdem gibt es dort ja schon ein Mahnmal. Wo ist also das Problem?"
Eine weit verbreitete Meinung im Ort: Die Schweinefarm als wichtiger Arbeitgeber müsse erhalten bleiben. Andererseits ist der noch von den Kommunisten erbaute und nach 1989 privatisierte Betrieb aber in doppelter Hinsicht ein schweres Erbe. Zusätzlich zum Streit um die Roma-Gedenkstätte verschandelt er ganz einfach die Umwelt, meint der Bürgermeister von Lety, Rostislav Jandera:

"Wir wären froh, wenn es hier keine Schweinefarm gäbe. Aber statt einfach zu sagen: wir schließen sie, sollte man den Menschen lieber eine andere Arbeit anbieten. Dann hätten beide Seiten, die Roma und die Angestellten, das Gefühl, dass man etwas für sie tut - und nicht nur redet."

Dass die tschechische Regierung bis heute nichts unternommen hat, liegt auch an den Kosten, die ein Abriss der Farm verursachen würde: nach Schätzungen zwischen 17 und 27 Millionen Euro. Doch egal wie hoch die Summe auch wäre, der Kern des Problems liegt woanders, meint Petr Pithart, Vizepräsident der oberen Parlamentskammer Tschechiens:

"Die öffentliche Meinung bringt nicht entschieden genug zum Ausdruck, dass die Schweinefarm sie stört. Wenn es die Öffentlichkeit wirklich stören würde, dann würde jede Regierung schnell und gerne die nötigen Mittel aufbringen. Wir müssen endlich die Opfer des Roma-Holocausts als unsere eigenen Toten begreifen."

Über 1300 Roma waren seit August 1942 in Lety interniert. Diejenigen, die überlebten, wurden 1943 zum großen Teil in Vernichtungslager deportiert. Nur knapp zehn Prozent der insgesamt 6500 Roma aus dem Protektorat Böhmen und Mähren haben den Holocaust überlebt. Dennoch hält es der heutige tschechische Präsident Vaclav Klaus nicht für nötig, dass in Lety eine Gedenkstätte entsteht. Denn Lety, so sagte Klaus kürzlich in einem Interview, sei gar kein KZ im "eigentlichen Sinne" gewesen.

Klaus reagierte damit auf eine Resolution der Europäischen Union von Ende April. Darin hatte die EU die tschechische Regierung zur Beseitigung der Schweinefarm aufgefordert. Für Klaus eine unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten. Ganz anders sieht das Milan Horacek. Der gebürtige Tscheche vertritt die deutschen Grünen im Europaparlament. Und genau dort hat er in einer Ausstellung über die Geschichte des KZ Lety informiert. Den Protest der EU hält Horacek für dringend geboten:

"Es geht darum, wie wir als Menschen zu der Problematik der Roma auf dem europäischen Kontinent stehen."

Cenek Ruzicka vom Komitee zur Entschädigung des Roma-Holocausts ist der Auffassung, dass sich eigentlich die tschechische Gesellschaft für die Beseitigung der Schweinefarm einsetzen müsste. Richtig glauben tut er daran jedoch nicht. Seine Organisation hat daher die Bundesregierung um finanzielle Hilfe gebeten, um Lety endlich zu einem Ort des würdigen Gedenkens an den Roma-Holocaust zu machen.

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