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StartseiteRock et ceteraRock aus Riga24.06.2018

Indie-Band Carnival YouthRock aus Riga

Gegründet wurde Carnival Youth in der Schule. Anfangs machten sie "dummen Indierock", erzählt Edgars Kaupers, mittlerweile touren sie mit ihren Songs durch Europa. Das Erstaunliche: Die Musiker von Carnival Youth können seit ihrem Abitur tatsächlich von der Musik leben.

Von Anja Buchmann

Drei Männer sitzen im Sonnenlicht vor einer Bretterwand. Sie lächeln in die Kamera. (Filips Smits)
Carnival Youth wurden beim Eurosonic-Nachwuchsfestival 2016 ausgezeichnet (Filips Smits)

Edgars Kaupers: Gitarre, Gesang. Und Emils Kaupers: Schlagzeug, Gesang; braune, etwas längere Haare, 22 Jahre, Zwillinge.

"Ich bin der Ältere, ich passe auf meinen kleinen Bruder auf, und bis jetzt war er ein guter kleiner Bruder. Ach ja, ich bin eine Minute älter."

Roberts Vanags, 23 Jahre, dunkelblonde, wellige, etwas längere Haare. Keyboards und Gesang.

"Es war einfach das gute Gefühl, etwas gemeinsam zu kreieren. Und dieses Gefühl ist bis heute geblieben. Begonnen haben wir mit 15."

"Für die die es nicht wissen: Die Hauptstadt von Lettland ist Riga."

"Die Musik entwickelt sich immer weiter. Und je näher du sie berührst, umso tiefer gelangst du."

Musik: "Connection Lost"

Ein Sommertag in Riga, der 700.000 Einwohner großen Hauptstadt Lettlands: Der Dom, Schloss und Schwarzbänderhaus, mit gotischen und barocken Bauten, Jugendstilhäusern und belebten Plätzen voller Restaurants und Cafés. Die zum Weltkulturerbe erklärte Altstadt wird von Straßenmusik beschallt: Hier ein klassischer Marimba-Spieler, dort improvisierender E-Cellist oder ein Gitarre-Gesang-Duo mit dezentem Jazz-Pop. Abseits des Gewühls, an einem Kanal gelegen, ein von jungen Rigaern frequentiertes Café. Dort treffe ich die drei Jungs von Carnival Youth. Die jungen Musiker sind gemeinsam in die Schule gegangen, die man vom Tisch des Cafés aus über den Kanal hinweg sieht. All dies begann vor über sechs Jahren, als sie einfach Lust hatten, Musik zu machen.

"Wir haben eine Handvoll Songs gecovert und dann mit unseren eigenen Sachen begonnen. Es war im Grunde einfacher, dummer Indierock und einige dieser ersten Songs sind auf dem ersten Album "No clouds allowed" erschienen. Ich erinnere mich auch noch an unsere ersten Proben, da ging es uns anfangs gar nicht darum, eine Band zu werden, es war einfach das gute Gefühl, etwas gemeinsam zu kreieren. Dieses Gefühl ist bis heute geblieben. Und da sind wir jetzt."

"Never have enough" heißt der erste Hit von Carnival Youth, veröffentlicht auf der gleichnamigen EP und dem folgenden Debutalbum im Jahr 2014. Unbekümmert, melodisch, leicht folkig - passend zum Alter der Musiker, die da noch 18 und 19 Jahre alt waren. Und ein Stück, an dem sie nicht lange gearbeitet haben. Er kam schnell zusammen, dieser Song, die Musik entstand an einem Abend, der Text am nächsten. Das Riff kam von unserem ehemaligen Bassisten. Es ging einfach schnell."

"Ich weiß noch, wie wir den Text geschrieben haben: Wir nahmen ein Stück Papier, haben uns in verschiedene Ecken verzogen, sind nach einer halben Stunde wieder zusammen gekommen und dann stand der Text. Ja, jeder hat quasi eine Strophe dazu beigetragen, wir haben es zusammen gepackt und fertig war der Song."

Musik: "Never have enough"

Kreativcamps und ein Highschool-Album

"Never have enough" ist einer von vielen Titeln, die die Jungs von Carnival Youth in einem selbstbezeichneten "Kreativcamp" geschrieben haben. Dahin ziehen sie sich regelmäßig für ein paar Tage oder Wochen zum Proben und Komponieren zurück: in Sommerhäuser von Freunden, mitten in der Natur, an einem Fluss, im Wald oder am Meer", wie Emils Kaupers erzählt.

"Warum müssen wir der Stadt dafür entkommen? Naja, alles was wir dort tun, hat mit dem kreativen Prozess zu tun. Wir schreiben die ganze Zeit Musik, wenn wir nicht gerade essen, schwimmen oder schlafen. Oder interaktive Computerspiele spielen. Und in der Stadt ist das schwieriger, da hat man Termine, muss irgendwann zu Hause sein, regelmäßig ins Theater gehen. Normalerweise spielen wir in so einem Camp bestimmt zehn Stunden am Tag: Schreiben, kreieren, teilen."

Wichtig dabei: Das Endergebnis muss Allen gefallen. Die befreundeten beziehungsweise verwandten Musiker komponieren und texten meist basisdemokratisch.

"Jeder Song und jeder Teil eines Songs wird von uns intensiv besprochen. Es kommt nicht vor, dass einer bestimmt: Wir machen das so und so; wenn die anderen nicht einverstanden sind, dann muss es geändert werden. Denn – wenn es nicht gut genug für uns drei ist, dann wird es auch nicht gut genug für andere sein. Und ich denke, wir haben in den Jahren dazugelernt. Beim ersten Album war es noch schwierig, wenn einer einen Songteil sehr mochte und die anderen nicht so begeistert waren. Und heute bleiben wir alle offener bis der Song wirklich fertig ist."

Jugendliche Sorglosigkeit

Auf dem Debut "Open your mouth" singen die damals noch vier Musiker von Carnival Youth - der Bassist ist inzwischen nicht mehr dabei - hauptsächlich über Freundschaft und Liebe, zuweilen über Einsamkeit, meist mit einer jugendlichen Sorglosigkeit. Die Songs bestechen mehr durch die unbekümmerte, verspielte mal folkige, mal rockige Musik als durch die eher schlichten Texte.

"Unter uns nennen wir es das Highschool-Album. Weil wir noch auf der Schule waren, als es entstand: Ein bisschen naiv, fröhlich, gute Energie und Sorglosigkeit, das waren unsere ersten Aufnahmen und wir wussten noch nicht genau, was wir tun."

"Hier und da hört man einen leichten lettischen Akzent beim Singen der englischen Texte. Aber ich bin froh, dass wir es gemacht haben"

Musik: "Brown eyes and all the rest"

Lettische Gesangstradition

Mit dem zweiten Album, das auch durch ihre damaligen Lieblings-Bands Arcade Fire oder Other Lives beeinflusst ist, stellten die jungen Musiker größere Ansprüche an sich.

"Ich glaube, da wollten wir beweisen, dass wir komplizierten, schrägen Indie Rock machen können. Wir wollten uns etwas beweisen. Und wir wollten experimentieren, uns nicht so sehr an Grenzen stören. Und in dieser Beziehung ist es auch sehr farbenfroh geworden. Die Songs klingen sehr unterschiedlich. Wenn man zum Beispiel einen sehr fröhlichen Song anhört und einen sehr harten – dann würde man nicht vermuten, dass die von einem Album stammen. Oder sogar von einer Band.

"Naja, ich denke du kannst nicht vor dir selbst weglaufen. Und es ist definitiv dieselbe Band."

Ist es - auch wenn immer wieder jemand anderes den Leadgesang übernimmt und die anderen dann meist zur mehrstimmigen Verstärkung mitsingen. Vielleicht ist es eine unbewusste Verbindung zur starken Vokaltradition in Lettland. An Schulen und Musikschulen ist die lettische Volksmusik sehr präsent, was auch einen geschichtlichen Hintergrund hat, denn traditionelle Lieder waren für die sogenannte "singende Revolution" der baltischen Staaten verantwortlich: Am 23. August 1989 demonstrierten zwei Millionen Menschen in Estland, Lettland und Litauen gemeinsam für ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion und sangen die alten verbotenen Volkslieder. Edgars, Emils und Roberts von Carnival Youth sind mit dieser Gesangstradition aufgewachsen - auch wenn ihre Musik keinerlei Überschneidungen mit an lettischen Volksliedern hat. Emils Kaupers:

"Vielleicht gibt es unbewusste Verbindungen. Weil der Butterfly-Effekt existiert. Und alles, was wir in unserem Leben getan haben, Spuren hinterlässt. Und vielleicht auch der Chorgesang. Aber als wir angefangen haben, Musik zu machen, war mein Gedanke erst mal: So weit weg von dieser Tradition zu kommen, wie nur möglich."

Musik: "I love yous"

Alle drei Musiker von Carnival Youth haben, zumindest eine Zeitlang, eine Musikschule in Riga besucht. Und diese Musikschulen sind nicht vergleichbar mit den deutschen, wo die jungen Leute in der Regel eine Stunde Instrumentalunterricht in der Woche haben. Es ist zeitaufwändig und auf einem sehr hohen Level - wie auch Roberts Vanags bestätigt.

"Ich habe mit fünf Jahren an der Musikschule mit Klavier begonnen und zehn Jahre später meinen Abschluss dort gemacht. Ich musste dort mindestens vier Tage die Woche hin, für mehrere Stunden. Wenn du zusätzlich in einem Orchester spielst, dann hast Du noch Orchesterproben, du hast Theorie, Harmonielehre, Notenlehre und so weiter. Es ist wie eine zweite Schule nach der "normalen", du spielst nicht nur dein Instrument, du hast bis zu zehn verschiedene Klassen, die du besuchst. Du gehst zur Schule von acht bis drei, anschließend von fünf bis vielleicht 20 Uhr noch zur Musikschule. Und danach wiederum machst Du deine Hausaufgaben…Das Ganze steht ein bisschen in der Tradition der ehemaligen Sowjetunion, mit ihren strikten Regeln. Andererseits bringt das auch etwas und es gibt viele gute lettische Musikerinnen und Musiker, die in der ganzen Welt tätig sind."

Musik: "Seagulls on bicycles"

Europaweite Konzerte

"Wir haben versucht, unseren Namen und unsere Musik nicht nur in Lettland, sondern in ganz Europa zu streuen. In den ersten zwei Jahren haben wir fast alle europäischen Showcases gespielt. Und das funktionierte ganz gut, wir spielten Tourneen, erst kleinere in Cafés und so, dann größere. Inzwischen haben wir sechs größere Touren in Europa gemacht. Gerade sind wir erst von einer sechswöchigen zurückgekehrt, zwölf Länder, 27 Shows. Das war viel. Und anstrengend, wir sind 14.000 km mit unserem Bus gefahren."

"Wir haben auch einen Tourmanager, der meist fährt, aber wir wechseln eben auch. Also, es läuft alles in allem sehr gut."

Es ist erstaunlich: Die Musiker von Carnival Youth können seit ihrem Abitur tatsächlich von der Musik leben. Das liegt auch an der Unterstützung der renommierten Managerin Guna Zucika, die unter anderem die lettische Band Prata Vetra bekannt gemacht hat - bis hin zur Vorband bei Depeche Mode, den Cranberries und R.E.M. Carnival Youth haben einen Agenten, der Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz bucht, sowie einen weiteren in Großbritannien, der sich auch um Auftritte in weiteren europäischen Ländern kümmert. Ihr Song "Never have enough" wurde für ein Werbevideo einer dänischen Biermarke verwendet und der Gewinn des EBBA-Awards -European Border Breakers Award - beim holländischen Eurosonic Festival 2016 brachte ebenfalls weitere Kontakte und Konzerte mit sich – darunter auch ungewöhnliche Anfragen.

"Wir haben mal in der Ukraine gespielt, bei der öffentlichen Präsentation eines Auto-Modells. Unser erster Auftritt in der Ukraine. Das war lustig, ein Gig, der ganz gut bezahlt wurde - sie brauchten einfach eine englischsprechende Band und haben uns über den EBBA-Award gefunden. Naja, so bezahlten sie uns unsere Tickets und einen kleinen Trip in die Ukraine."

Auch die lettische Regierung fördert seit kurzem Pop- und Rock-acts, wodurch die Band für 2018 in ein Förderprogramm für Tourkosten gelangt ist.

"In den letzten zwei Jahren ist es besser geworden, denn seitdem gibt es ein Exportbüro für lettische Musik. Aber ich glaube es ist in den meisten europäischen Ländern so, dass die klassische Musik sehr unterstützt wird vom Staat, aber nicht Pop oder Rock."

"Das wird erst in letzter Zeit besser bei uns, wir sind auch in einem Programm, das uns ein bisschen in Sachen Touren und Reisekosten unterstützt. Wir sind sehr glücklich über diesen Fortschritt."

Musik: "Saules Bulvari"

Neue Single "Love is the answer"

Im letzten Jahr haben Carnival Youth eine weitere EP mit ausschließlich lettischen Texten veröffentlicht - um auch ihr heimisches Publikum speziell anzusprechen. Denn in Lettland sind die Musiker, die aber auch in Europa immer präsenter werden, sehr bekannt. 2019 soll es ein neues Album geben, eine Single wurde schon jetzt veröffentlicht: "Love is the answer": Ein Song mit stoischem Bass und Schlagzeug, weichem Gesang, Chören und flirrenden Keyboards, zwischen melancholisch und hymnisch. Und in der Bridge konnte Edgars Kaupers seine Fähigkeiten als Amateur-Trompeter einsetzen.

"Mein Bruder Emils und ich waren in der Musikschule, in der Chorklasse. Und nach fünf Jahren dort sagten sie mir, ich könne nicht mehr singen, da ich etwas an den Stimmbändern habe. Also musste ich wechseln und ging dann in die Trompetenklasse. Allerdings war das ein Sprung von der fünften in die erste Klasse, da ich mit Trompete neu begann. Und ich musste dort mit kleinen Kindern zusammen sein. Deshalb bin ich nur ein Jahr geblieben; und entsprechend kann ich auch nicht viel auf der Trompete, nur C-Dur. Der Trompetensatz klingt auch sehr gedämpft. Wenn es allerdings ein professioneller Trompeter gespielt hätte, würde es nicht passen, das wäre dann zu perfekt, zu orchestral. Und so passt es einfach perfekt zu der Stimmung des Songs."

Musik: "Love is the answer"

Carnival Youth ist eine Band, die immer noch sehr jugendlich klingt, auch wenn sie nun schon sechs Jahre zusammen spielen: Frisch und unbekümmert, mit gutem Instinkt für eingängige Melodien und kompakte Songs, klaren, direkten Gitarren, mehrstimmigem Gesang und dezenter Elektronik. Auch diesen Sommer werden sie noch auf ein paar Festivals spielen, sie sind regelmäßig in vielen ost- und westeuropäischen Ländern zu hören und werden, wenn es weiter so läuft, ihren Weg gehen - zumal sie derzeit das wohl bekannteste Exportprojekt der lettischen Pop- und Rockmusikszene sind.

"Ich glaube, viele Bands können die Musik gar nicht als Vollzeit-Job betreiben, weil es zu wenig Unterstützung gibt. Es ist hart, den Proberaum zu zahlen, die Wohnungsmiete zu zahlen, dann noch einen anderen Job zu machen. Du musst die Instrumente bezahlen und machst fünf Jahre unterbezahlt Musik, bis Du ein bisschen bekannt geworden bist und endlich etwas Geld verdienst. Es ist ein langer Weg, aber wir sind glücklich, dass wir so früh begonnen haben. So dass wir noch keine Verantwortung als Familienväter hatten oder so, wir mussten nur für uns sorgen. Und: Uns geht es gut."

Musik: "Surf / Oktopus"

"Etwas zu kreieren, in unserem Fall eben Musik, ist eines der wichtigsten Dinge überhaupt für Menschen, denke ich."

"Wir haben uns da rein begeben, mit Haut und Haar. Und es funktioniert. Es ist uns einfach wichtig. Man erfährt viel über sich selbst und wird immer besser. Außerdem eröffnet jeder neue Song auch eine neue Welt. Es ist ein endloser Prozess, den du immer weiter führen kannst."

Musik: "Flowers"

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