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StartseiteHintergrundIndien boomt - die Deutschen zögern21.04.2006

Indien boomt - die Deutschen zögern

Der indische Premier wirbt in Deutschland um Investoren

1991 begann Indiens Weg in die Weltwirtschaft. Der damalige Finanzminister Manmohan Singh öffnete die sozialistische Planwirtschaft schrittweise nach außen. Seitdem wurden immer mehr Zoll- und Steuerhindernisse beseitigt, Beteiligungsgrenzen gesenkt, Einfuhrhürden aufgehoben. Heute ist Manmohan Singh indischer Premierminister und versucht Indiens Weg zur wirtschaftlichen Weltmacht weiter voranzutreiben - die Bundesrepublik ist auf dem Subkontinent aber immer noch unterrepräsentiert.

Von Christoph Heinzle

Manmohan Singh, Premierminister von Indien (AP Archiv)
Manmohan Singh, Premierminister von Indien (AP Archiv)
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" Wir sind mit drei Anlagen in Saudi-Arabien im Moment dran. "

Michael Thiemann kann zufrieden sein. Der Geschäftsführer von Uhde India hat prall gefüllte Auftragsbücher. Die Tochterfirma von ThyssenKrupp plant und betreut den Bau großer Industrieanlagen - von der Chemiefabrik über die Düngemittelproduktion bis zur Raffinerie. Längst realisiert der Ableger des deutschen Konzerns in Bombay nicht nur Projekte in Indien, sondern zu etwa einem Drittel auch in anderen asiatischen Ländern und im Mittleren Osten.

In den 60er Jahren kam das deutsche Ingenieur-Unternehmen Uhde mit einem kleinen Konstruktionsbüro nach Indien. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen in Bombay nahezu 700 Mitarbeiter.

Eine Sackfabrik, das war hier dieses Gebäude, und das haben wir dann umgebaut und umgestaltet, das geht bis da hinten hin.

Das Uhde-Haus in Vikhroli nahe dem Flughafen der Finanz- und Wirtschaftsmetropole Bombay ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Die deutsche Firma profitiert von der Nachfrage auf dem Weltmarkt, vor allem aber vom Boom der indischen Wirtschaft, auch in der Chemieindustrie. Seit der Liberalisierung Anfang der 90er Jahre entstanden immer mehr neue Anlagen, erzählt Michael Thiemann. Zunächst schienen sie überdimensioniert.

" Diese Fabriken werden heute mit dem steigendem Bedarf, mit der steigenden Markt-Nachfrage hier in Indien voll ausgefahren. Man hat auch die starken Mannschaften, die man noch aus Ende der 80er Jahre, der Vor-Liberalisierungszeit mitgeschleppt hat, erheblich runtergebaut, so dass Sie, wenn Sie heute die Performance der Firmen sehen, die sind alle am oberen Ende. Gucken Sie sich die Börsenentwicklung an, also Gewinnsteigerungsraten von 10, 20 Prozent ist überhaupt nichts Außergewöhnliches. Also hier bewegt sich sehr viel."

"Nichts kann uns aufhalten - wir können uns selbst übertreffen", heißt es in der Firmenwerbung von Siemens in Indien. Zu Bescheidenheit hat der Ableger des deutschen Konzernriesen auf dem Subkontinent keinen Anlass. Gewinne, Umsatz, Auftragswert - alles hat sich bei Siemens Indien in den vergangenen beiden Jahren verdoppelt. Das Geschäftsvolumen der Gruppe mit etwa 12.000 Beschäftigten hat inzwischen eine Milliarde Euro überschritten. Dabei durchlief Siemens in Indien in den 90er Jahren eine schmerzhafte Konsolidierung. Das Unternehmen musste erst schrumpfen, um dann umso schneller wachsen zu können. Dabei habe man Wichtiges gelernt, macht Jürgen Schubert deutlich, seit zehn Jahren Geschäftsführer der indischen Siemens-Gruppe in Bombay.

" Wir haben hier eigene Konditionen. Und wenn Sie hier in Indien allein die Temperatur sehen, wenn Sie die Ausbildung der Leute sehen, wenn Sie die Kaufkraft sehen, dann haben Sie eine Situation, auf die Sie sich einstellen müssen. Nur ein Beispiel: 170 Volt oder 260 Volt sind hier normale Abweichungen von der deutschen Norm, die da heißt 220 Volt plus minus fünf Prozent. Sie müssen die Produkte so robust machen."

Siemens importiert etwa 40 Prozent seiner in Indien verkauften Produkte aus Deutschland. Doch für 60 Prozent nutzt das deutsche Unternehmen Indien als Produktionsstandort. Schubert:

" Der indische Markt wächst rasant, wenn man die Mittelklasse-Entwicklung anguckt und die Kaufkraft. Man darf es nicht eins zu eins übersetzen, aber das ist ein riesiges Wachstum für Indien. Und wenn Sie sehen, Bruttosozialprodukt-Entwicklung bei 7, 8 Prozent, und ich würde sagen das wird anhalten in den nächsten Jahren, dann können Sie sich das Wachstum in etwa vorstellen. Aber dann kommt natürlich eine zweite Sache für uns dazu hier als Siemens in Indien, dass wir auch das Exportvolumen in angrenzende Länder ausgeweitet haben."

Die meisten deutschen Unternehmen in Indien schreiben Erfolgsgeschichten. Dennoch sehen deutsche Manager und indische Experten die Bundesrepublik auf dem Subkontinent immer noch unterrepräsentiert. So sagt Jürgen Schubert von Siemens:

" Also wenn ich es mal vergleiche mit den Amerikanern, dann kann man sagen existiert Deutschland nicht. Da ist ein großes Defizit da. Ich habe zwei Erklärungen. Eine ist die Sprachbarriere immer noch. Und dann sehe ich sehr oft, dass man sehr prinzipiell darüber nachdenkt. Aber wenn man hierher kommt und nur vergleicht, dann hat man auch Probleme. Man muss Indien aus Indien heraus verstehen. Und Indien ist immer Plural. Ich meine, das ist größer als Europa - Norwegen bis Nordafrika, London bis Moskau."

Kopfschüttelnd nimmt man vielerorts in Indien wahr, dass viele deutsche Unternehmer beim Thema Asien immer noch vor allem auf China fixiert sind. Auf das ostasiatische Wirtschaftswunderland mit guter Infrastruktur und straffen Entscheidungsprozessen fiel immer schon mehr Glanz als auf den vergleichsweise schmuddeligen und weniger effizienten Nachbarn Indien. Doch Experten warnen.

" Bei uns heißt nicht die Frage China oder Indien, sondern eher die Aussage China und Indien. Man sollte sicherlich nicht alle Eier in einen Korb legen,"

rät Jens-Michael Otte von der Deutschen Bank in Bombay.

" Aus unserer Sicht ist es ein später Zeitpunkt. Gerade deutsche Unternehmen haben im Vergleich zu anderen Unternehmen westlicher Provenienz Nachholbedarf. Es ist spät, aber halt nicht zu spät. Deswegen wer sich den Markt bisher nicht angeschaut hat, sollte dies sicherlich nun tun, aber auch nichts überstürzen."

Zu zögerlich und zu unflexibel sieht Rajiv Kumar viele deutsche Unternehmen. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Direktor von ICRIER, dem indischen Forschungsrat für internationale Wirtschaftbeziehungen in Neu Delhi.

" Die Deutschen bereiten sich sozusagen immer noch auf den Einsatz vor, sammeln ihre Siebensachen zusammen. Ich denke es ist Zeit, jetzt hierher zu kommen. Und da wäre großer Bedarf für ein Engagement der Regierung. Denn entscheidend ist: wirkliche Informationen fehlen. Deutsche Investoren haben ein falsches Indienbild. Es wird sehr lange dauern, wenn man es dem Markt überlässt, das aufzuklären. Eine viel wichtigere Rolle käme da der deutschen Regierung zu."

1991 begann Indiens Weg in die Weltwirtschaft. Der damalige Finanzminister, der Wirtschaftswissenschaftler Manmohan Singh öffnete die sozialistische Planwirtschaft schrittweise nach außen. Seitdem wurden immer mehr Zoll- und Steuerhindernisse beseitigt, Beteiligungsgrenzen gesenkt, Einfuhrhürden aufgehoben. Heute ist Manmohan Singh indischer Premierminister und versucht Indiens Weg zur wirtschaftlichen Weltmacht weiter voranzutreiben.

" Indien ist heute eine der am schnellsten wachsenden Wirtschaftsnationen weltweit. Und die ganze Welt blickt auf dieses Wunder. Dass ein Land mit einer Milliarde Menschen, mit dieser großen Vielfalt von Religionen und Kasten es fertig bringt, sein wirtschaftliches und soziales Heil zu suchen, indem es seine Wirtschaft und Gesellschaft öffnet. Deshalb ist Indien überall so gefragt."

Ausländische Investitionen wurden erleichtert. Der Zugang von Weltkonzernen auf den indischen Markt ist in den meisten Branchen inzwischen problemlos möglich. Und gleichzeitig fanden indische Produkte immer besser Zugang zum Weltmarkt. Entscheidend dafür war: Was Manmohan Singh vor 15 Jahren begonnen hatte, führten alle Regierungen seitdem fort, über Parteigrenzen hinweg, wie der Ökonom Rajiv Kumar betont.

"1991 war nur der Anfang. Wir hatten seitdem sechs Regierungen in allen möglichen Koalitionen. Aber die Richtung hat sich nicht verändert. Das hat die indischen Investoren, die viel wichtiger sind als die ausländischen Anleger, überzeugt, dass ihr Geld sicher ist und sie in Indien ihre Investitionen zurückbekommen. Für das private Unternehmertum ist damit der Geist aus der Flasche. Und dabei bleibt es. Es gibt kein Zurück."

Der Aufschwung erreicht nicht alle. Die Landwirtschaft tut sich weiterhin schwer, die ländliche Entwicklung hinkt hinterher. Etwa 300 Millionen Inder leben unter der Armutsgrenze. Doch immerhin konnte die Armut in den Jahren des Wirtschaftsbooms erheblich reduziert werden. Die gesamtwirtschaftlichen Zahlen scheinen Manmohan Singh recht zu geben.

" Beachten Sie unser Wirtschaftswachstum: drei Jahre in Folge verzeichnete Indien sieben bis siebeneinhalb Prozent. Und jetzt bewegen wir uns auf eine Wachstumsrate von acht bis zehn Prozent zu."

Doch allgemeine Wirtschaftsdaten reichen ausländischen Investoren nicht, wenn sie über ein Engagement in Indien nachdenken. Gerade deutsche Unternehmer blicken häufig kritisch auf die konkreten Investitionsbedingungen und lassen sich nicht selten abschrecken. Rajiv Kumar vom indischen Wirtschaftsforschungsinstitut ICRIER sieht drei Hauptgründe:

" Zum einen liegt das an den Erwartungen der Investoren, dass alles überall nach ihren Bedingungen geschehen soll. In Indien funktioniert das nicht. Zweitens gibt es Bürokratie, vor allem auf der Ebene der Bundesstaaten. Und drittens Defizite in der Infrastruktur. Ausländer sind nicht gewohnt, dass sie selbst die Straßen zu ihrer Fabrik bauen müssen."

Doch die Verkehrsinfrastruktur steht angesichts milliardenschwerer Ausbauprogramme und erster sichtbarer Erfolge inzwischen nicht mehr so stark im Mittelpunkt. Viel schwerer wiegen in der übereinstimmenden Meinung von Unternehmern und Experten der Mangel und die Unzuverlässigkeit der Stromversorgung. Das bestätigt etwa Michael Thiemann vom deutschen Ingenieur-Unternehmen Uhde.

" Indien hat natürlich ein Problem, das ist der Energiesektor. Die hohen Ölpreise tun natürlich weh. Denn Indien hat eine eigene Ölproduktion, aber muss sehr viel einführen. Indien hat eine infrastrukturelle Schwäche wenn Sie allein an elektrische Power denken. Wenn hier einer ein größeres Werk bauen will, muss er im Grunde genommen seine eigene elektrische Vorsorgung mitnehmen. Das heißt selbst wenn die Investition unter indischen Bedingungen vielleicht etwas günstiger ist, da Sie sehr viel von diesen Nebenanlagen selbst mitmachen müssen, ist das schon eine Belastung. Also das sind schon wirkliche Unternehmer, die also auch Mut zeigen, die hier reingehen."

Mut brauchen die Newcomer auf dem indischen Markt. Und Geduld. Vor allem für die immer noch beeindruckende Bürokratie des Landes. Von Briten eingeführt, von Indern weiterentwickelt bleiben der überall präsente Papierkrieg und das Behördenwirrwarr Ursache vieler Beschwerden. Während die Zentralregierung viele Hindernisse abgebaut hat, gibt es auf Länder- und Bezirksebene noch viele Hürden.

"Sie können im Prinzip eine Menge machen. Aber Sie müssen sich durch diesen ganzen Bürokratismus durchgehen. Und sicherlich eines der Probleme ist, dass die Genehmigungsverfahren auch von Staat zu Staat variieren. Was die Sache dann hier spannend macht: Sie wissen nie genau, wann Sie am Ende sind. "

Indien ist sich der Defizite bewusst und arbeitet daran. Dass die Schwächen der Infrastruktur viele Ausländer bereits abschrecken bevor sie die Stärken der indischen Wirtschaft entdecken, hat Premierminister Manmohan Singh erkannt. Wie sein Vorgänger und politischer Gegner Atal Bihari Vajpayee setzt auch Singh auf die rasche Umsetzung von Großprojekten und verweist auf Erfolge und Zwischenergebnisse.

" Im Telekommunikationssektor läuft es hervorragend. Der Straßenbau erlebt eine Aktivität wie nie zuvor. In den Häfen gibt es gewaltige Bewegung. Genauso bei den Flughäfen: die Airports in Bombay und Neu Delhi werden modernisiert. In Bangalore und Hyderabad werden neue Flughäfen gebaut. Es tut sich eine Menge bei der Infrastruktur. Wir haben Schwierigkeiten bei der Stromversorgung. Doch wir werden dieses Problem mit Entschlossenheit angehen und wir werden es ebenfalls lösen."

Wirtschaftswissenschaftler wie Rajiv Kumar sehen den indischen Staat auf dem richtigen Weg und bitten um Geduld.

" Die Zentralregierung und immer mehr auch die Regierungen in den Bundesstaaten auf allen Ebenen versuchen die Mängel zu beheben. Das braucht Zeit wegen unserer chaotischen Demokratie und der Bürokratie. Aber tatsächlich ist das nun Teil der öffentlichen Debatte. Und die Regierung ist unter Druck, muss etwas tun."

Einige Jahre und einige Mühe bräuchten ausländische Unternehmen, um sich ihr lokales Umfeld in Indien zu schaffen, meint Jens-Michael Otte. Der Deutsche-Bank-Berater in Bombay betreut deutsche Unternehmen in Indien und Indien-Interessenten aus Deutschland.

" Man kann eigentlich jeden Aufsatz über Indien so titeln: Trotz allem, es geht. Trotz allem. Man findet für jede Herausforderung eine Lösung in Indien. Es dauert nur einige Zeit, bis man in einem lokalen Umfeld die richtige Lösung gefunden hat."

Trotz einiger Schwierigkeiten locken in Indien glänzende Geschäfte. Längst nicht mehr nur in der Informationstechnologie. Überdurchschnittliches Wachstum vermelden Automobilzulieferer und -hersteller, Maschinen- und Anlagenbauer, die Chemie- und Pharmaindustrie, der Finanz- und Versicherungssektor. Deutsche-Bank-Berater Otte hält Investitionen hier für lohnenswert.

" Es gibt drei Gründe, nach Indien zu kommen: Das ist erstens einmal der große Markt, den es zu erschließen gilt. Das heißt man bringt seine Produkte nach Indien, versucht die im lokalen Markt abzusetzen. Der zweite Grund ist, hier lokal günstig zu produzieren und dann hinterher entweder die Produkte innerhalb Asiens zu vertreiben, also als Export-Hub. Oder sogar zurück nach Europa zu exportieren. Und der dritte Grund nach Indien zu gehen könnte sein, es als Outsourcing- oder wie man sagt Offshoring-Standort zu nutzen für Services. Das heißt für Rechnungsabwicklung, für Call-Center, von dem Sie wissen, Sie können es in einem anderen Teil der Welt auch machen. Und wo Sie den Vorteil der Sprache haben, sprich der englischen Sprache hier in Indien."

Wenn Michael Thiemann in eine der Schulungsräume von Uhde kommt, dann blickt er auf das Potenzial für seine Firma und für Indien: Junges, qualifiziertes, englischsprachiges Personal.
" Wir haben hier in Indien natürlich einen Pool von gut ausgebildeten jungen Leuten. Die bringen schon eine Menge theoretisches Wissen von den Colleges und Universitäten mit. Unsere Aufgabe ist, dieses angelernte Wissen in Praxis verwendbares Wissen umzusetzen. Und das ist der Riesen-Vorteil von Indien. Die Leute sind unglaublich engagiert, sie sind hoch intelligent. Und in diesem Zusammenhang fordern sie auch. Das macht mir auch jeden Tag Spaß wieder hier her zu kommen. Es ist keine Routine."

Zwar werden auch in Indien die gut ausgebildeten Ingenieure, Jung-Manager und Wissenschaftler allmählich teurer und knapper. Doch wohl kein anderes Land der Welt kann im Personalbereich so aus dem Vollen schöpfen. Am Ende ist es eine Frage der schieren Masse, meint Jürgen Schubert von Siemens:

"550 Millionen Menschen sind jünger als 20 hier. Und im Jahr 2025 wird es hier 800 Millionen Leute geben, die in den Arbeitsprozess einzubeziehen sind. Und keiner hat ein soziales Netz. Jeder weiß, ich muss es selber hinkriegen oder ich falle unten durch. Da können Sie sich mal vorstellen, was hier auf uns zukommt."

Doch die Abgänger der viel gepriesenen Elite-Hochschulen Indiens sind nicht repräsentativ für das ganze Land. Immer noch ist jeder dritte Inder Analphabet. Immer noch bekommt ein großer Teil der Kinder eine allenfalls grundlegende Schulbildung in schlecht ausgestatteten staatlichen Schulen. Nahezu die Hälfte der Schüler geht bereits nach sechs Klassen ab. Wirtschaftswissenschaftler Kumar sieht darin Gefahr und Chance zugleich.

" Das staatliche Bildungssystem in Indien liegt in Trümmern. Wenn wir es nicht in Gang bekommen, vergeben wir unseren demographischen Vorteil. Nur sechs Prozent aller Grundschüler bekommen eine höhere Schulbildung. Doch damit gibt es keine an Wissen orientierte Wirtschaft. Damit ist man im 21. Jahrhundert nicht wettbewerbsfähig. Das zeigt aber auch das Potenzial: wenn man mit nur sechs Prozent der Schüler mit höherer Bildung acht Prozent Wachstum erreicht, können Sie sich vorstellen, wozu Indien fähig wäre."

Weiterer Vorteil für Indien neben den Arbeitskräften: das Regierungssystem. Indien ist seit seiner Gründung vor 59 Jahren eine Demokratie. Eine Demokratie mit bürokratischen Hemmnissen, mit Korruption und anderen Mängeln, aber eine stabile Demokratie mit funktionierendem Rechtsstaat. Jens-Michael Otte:

" Eine Demokratie, über die man streiten mag, ob sie wirklich eine perfekte Demokratie ist. Das würde ich nämlich eher nicht sagen. Aber es ist eine Demokratie, die auch in der Lage ist, einen Regierungswechsel, eine Mehrheitsveränderung nicht nur hinzunehmen, sondern auch zu begleiten, so dass es keine sozialen oder anderen Unruhen gibt im Land. Das ist alles möglich hier. Und das zeugt auch davon, dass entsprechend eine langfristige Stabilität vorhanden ist - aus meiner Sicht auch höher als in anderen Ländern in Asien - und somit auch langfristige Rahmenbedingungen herrschen, die ein erfolgreiches Wirtschaften auch möglich machen."

So die Meinung von Jens-Michael Otte von der Deutschen Bank in Bombay.
Weitere Stärke des Standorts Indien: ein wachsendes Qualitätsbewusstsein in einem Land, das lange für niedrige Standards vor allem in der Fertigung bekannt und berüchtigt war. Siemens-Geschäftsführer Schubert sieht inzwischen die goldenen Zeiten vorüber, als deutsche Qualität der indischen noch weit überlegen war.

" Damals waren wir natürlich in einer Super-Position. Also die Technologie war in Ordnung, die Qualität war in Ordnung und deutsche Technologie ist heute immer noch ein Begriff, der unheimlich Wertschätzung hat. Aber mittlerweile, und das ist nach der Liberalisierung, nach der Rezession Mitte der 90er haben die guten indischen Companies alle ihre Hausaufgaben gemacht und sind echte Wettbewerber geworden. Der Wettbewerb hat glühend zugenommen und deswegen müssen wir uns wappnen, dass wir da wettbewerbsfähig bleiben. Insofern würde ich mal heute sagen, ist es eine Mär, dass indische Produkte generell schlecht sind. Es gibt immer noch natürlich eine Mischung. Aber die guten indischen Companies, die machen wirklich heute Produkte, die konkurrenzfähig sind im internationalen Vergleich."

Dass sich Inder auf dem Weltmarkt inzwischen zuhause fühlen, zeigt ein anderer Trend: immer mehr indische Unternehmer investieren in westlichen Industriestaaten. Der Stahlbaron Lakshmi Mittal, der seine Hand nach dem europäischen Konzern Arcelor ausstreckte, ist da keine Ausnahme.
Doch als Schlüssel zum indischen Wirtschaftswunder im 21. Jahrhundert gilt vielen hier der schier unbezwingbare Optimismus von Unternehmern und Mitarbeitern. Eine besondere Art von positivem Denken, das im großen Chaos Indien die Ordnung erkennen lässt und hinter dem Berg von Problemen die Lösung. Und so meint Michael Thiemann von Uhde:

" Ein gesunder Optimismus ist doch sehr hilfreich. Manchmal bedauere ich es, wenn ich nach Deutschland komme, dass es immer gesehen wird, dass das Glas halbleer ist. Hier sieht man, egal was passiert, ist das Glas immer halb voll. Und das hilft einem auch, über Probleme wegzukommen. Und die leben damit. Und irgendwo verwirklichen sie ihren Traum."

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