Montag, 22.04.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteKommentare und Themen der WocheGerade noch mal gut gegangen03.03.2019

Indien-Pakistan-KonfliktGerade noch mal gut gegangen

Mit der Freilassung eines indischen Piloten durch Pakistan sei eine Eskalation des Konflikts zwischen den Erzfeinden vorläufig abgewendet worden, kommentiert Sabina Matthay. Doch Pakistans staatlich gelenkter Terrorismus werde weitergehen. Indiens Einfluss auf diese Dynamik sei begrenzt.

Von Sabina Matthay

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Indische Soldaten und Anwohner stehen in Kaschmir um die Reste eines abgestürzten Militärhubschraubers (AFP/Tauseef Mustafa)
Indische Soldaten und Anwohner stehen in Kaschmir um die Reste eines abgestürzten Militärhubschraubers (AFP/Tauseef Mustafa)
Mehr zum Thema

Lage zwischen Pakistan und Indien "Krieg ist keine Lösung"

Demarkationslinie von Indien und Pakistan Leben in der Krisenregion

Indien und Pakistan Aufgeheizte Stimmung auf beiden Seiten

Pakistan-Indien-Konflikt "Die roten Linien haben sich verschoben"

Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan Das Trauma ewiger Feindschaft

Vier Kriege haben Indien und Pakistan seit 1947 gegeneinander geführt, die meisten im Streit um die Himalaja-Region Kaschmir. Ein weiterer Krieg konnte in dieser Woche vermieden werden. Am Freitag ließ Islamabad einen indischen Piloten frei, dessen Jet von der pakistanischen Luftwaffe abgeschossen worden war. 

Eine Geste des Friedens, erklärte Pakistans Premierminister Imran Khan. Doch das ist sie keineswegs, sondern ein pakistanisches Schuldbekenntnis. Wer die Verantwortung für die jüngste Episode des verfahrenen Konflikts zwischen den beiden südasiatischen Atommächten Neu-Delhi zuschreibt, der zäumt das Pferd von hinten auf. 

Es stimmt, dass Indiens Regierungschef Narendra Modi im Wahlkampf martialische Töne gegen den Erzfeind anschlägt. Bestimmt wird der indische Luftangriff auf Pakistan auch Wähler zugunsten seiner hindunationalistischen Partei BJP mobilisieren, die diesen Zulauf dringend braucht.

Pakistanisches Schuldbekenntnis

Doch den Grund lieferte Islamabad Mitte Februar. Die Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed verübte im indischen Teil von Kaschmir einen Anschlag auf indische Soldaten. 40 Männer starben. Jaish-e-Mohammed gehört zu jenen islamistischen Untergrundorganisationen, die vom pakistanischen Militär und seinen Geheimdiensten finanziert, ausgerüstet, ausgebildet und mit Anschlägen in Nachbarstaaten beauftragt werden. 

Einen solchen Angriff konnte Neu-Delhi sich nicht gefallen lassen und ließ Luftangriffe auf ein Lager der Extremisten in Pakistan führen. Es waren die ersten derartigen Angriffe, seit beide Staaten über Atomwaffen verfügen, daher die anfängliche internationale Besorgnis. Sie war unbegründet. Indien begnügte sich mit einem begrenzten Vergeltungsschlag, der sich ausschließlich gegen die Terroristen richtete. Die Version der pakistanischen Regierung lautet anders. Die Konzilianz, mit der Islamabad jetzt eingelenkt hat, spricht allerdings für sich. Sie ist Eingeständnis der Verhältnismäßigkeit der indischen Aktion.

Die Eskalation des Konflikts zwischen den Erzfeinden ist also vorläufig abgewendet. Doch Pakistans staatlich gelenkter Terrorismus wird weitergehen. 

Das Gleichgewicht des Schreckens, das die Großmächte während des Kalten Krieges von Atomangriffen abhielt, hat zwischen den Kernwaffenstaaten Indien und Pakistan keine Stabilität geschaffen, sondern konventionelle Kriege und hybride Kriegführung begünstigt. Darunter fällt Pakistans systematischer Einsatz islamistischer Terroristen für Attacken gegen Indien.

Extremistische Handlanger Pakistans

Zur Erinnerung: 2001 überfielen pakistanische Jihadis das indische Parlament, 2008 überzogen Extremisten die indische Finanzmetropole Mumbai tagelang mit Terror – um nur die spektakulärsten Attentate seit Beginn des Jahrhunderts zu nennen.

Extremistische Handlanger ermöglichen dem bankrotten Pakistan eine kostengünstige irreguläre Kriegführung, die Indien trotz seiner atomaren und konventionellen Übermacht ins Hintertreffen versetzt. Militär und Geheimdienste erhalten den Konflikt mit dem größeren Nachbarn aufrecht, weil er den Machtanspruch der Generäle über den pakistanischen Staat zementiert. Und er dient der Vergeltung: Kaschmir, Ursprung der Feindschaft, ist nicht der einzige wunde Punkt der Pakistaner. Indiens militärische Unterstützung für die Abspaltung Bangladeschs 1971, die Pakistan mit einem Schlag halbierte, hat das Militär bis heute nicht verschmerzt. Wenn pakistanische Regierungschefs versöhnliche Töne gegenüber Indien anschlagen, dann nur mit Genehmigung der Generäle, aus rein taktischen Gründen. So wie jetzt Imran Khan. 

Indiens Einfluss auf diese Dynamik ist begrenzt. Mit ausländischer Hilfe, insbesondere Washingtons, wäre zumindest eine Eindämmung möglich. Doch zeigt sich der Abschied Amerikas von einer übergreifenden Vorstellung internationaler Ordnung auch in der Reaktion auf die aktuelle Krise in Südasien: laue Ermahnungen des Präsidenten, die Pakistan nicht nachhaltig beeindrucken dürften. Zum Nachteil Indiens, des natürlichen Partners des Westens in der Region.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk