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Indische Delta-VarianteWie gefährlich ist B.1.617?

Virus-Mutation B.1.617 (IMAGO / Christian Ohde)
Virus-Mutation B.1.617 (IMAGO / Christian Ohde)

In Indien wurden zeitweise Hunderttausende Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages gemeldet. Das Gesundheitssystem in Teilen des Landes war überlastet: Es gab nicht genügend Klinikbetten und Sauerstoff für an Covid-19 erkrankte Menschen. In dem Land hat sich die neue Variante B.1.617 ausgebreitet, die auch als "Doppelmutante" bezeichnet wird. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Wie gefährlich ist die Mutation?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Coronavirus-Variante als "besorgniserregend" eingestuft - jedenfalls einen Strang davon, B.1.617.2, neuerdings auch als "Delta" bezeichnet. Es gebe Hinweise, dass diese Variante ansteckender und womöglich auch unempfindlicher gegen Antikörper sei, so die WHO. Es sei aber noch zu früh, um festzustellen, ob B.1.617.2 tatsächlich eine höhere Resistenz gegen Impfstoffe aufweise. Der britische Gesundheitsminister Hancock sagte der BBC, nach Einschätzung von Experten sei die Variante um 40 Prozent ansteckender als die Ursprungsform des Covid-19-Erregers.

Wann ist eine Variante "besorgniserregend"?

Dies gilt nach Angaben der WHO, wenn bekannt ist, dass sie sich leichter ausbreitet, schwerere Krankheiten verursacht, der Reaktion des Immunsystems ausweicht, das klinische Erscheinungsbild verändert oder die Wirksamkeit der bekannten Instrumente verringert.

Ist die Virus-Mutante auch für die schwierige Lage in Indien verantwortlich?

Dies lässt sich bisher nicht eindeutig beantworten. Für den massiven Anstieg der Zahlen werden neben der Virus-Mutante und dem Zustand des Gesundheitssystems auch religiöse, politische und sportliche Massenveranstaltungen verantwortlich gemacht. In der Hoffnung, in der Corona-Krise sei das Schlimmste vorbei, hatten die indischen Behörden Anfang des Jahres viele Auflagen gelockert und Veranstaltungen von großen Hochzeitsfeiern über Cricketspiele bis zu religiösen Versammlungen wieder erlaubt. Bei der Kumbh Mela, einer der größten religiösen Feiern der Welt, drängten sich Millionen Pilger dicht an dicht. Die meisten trugen keine Maske. In vielen indischen Bundesstaaten gab es zudem Wahlkampfveranstaltungen, darunter eine von Premierminister Modi mit Hunderttausenden Teilnehmern.

Korrespondenten ausländischer Medien wie der "New York Times" oder des "Guardian" berichten zudem über eine Sorglosigkeit, die sie in Indien vor der jetzigen Corona-Welle erlebt hätten. In dem Land habe nach einem harten Lockdown in der ersten Welle das Gefühl geherrscht, die Pandemie sei überwunden. Die Impfbereitschaft sei niedrig gewesen, viele Menschen hätten im Alltag Abstandsregeln nicht mehr eingehalten und auch keine Masken getragen.

Woher stammt die Bezeichnung "Doppel"-Mutation?

Die in Indien aufgetauchte Variante weist gleich zwei Veränderungen an einem Oberflächenprotein auf, somit erklärt sich der Begriff. Diese Mutationen sind jeweils für sich betrachtet bereits von anderen Varianten bekannt. Hier nun treten sie jedoch gleich gemeinsam, sozusagen "gedoppelt" auf. Genauer erläutert dies der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, im NDR-Podcast "Das Coronavirus-Update": "Es ist nicht so, dass man eine Kreuzung von zwei verschiedenen Mutanten hat, wie das in einigen Medienquellen gestanden hat."

Verändert an den Rezeptor-Bindungsstellen hätten sich die Positionen 484 und 452, letzteres Phänomen sei etwa von der in Kalifornien zirkulierenden Variante bekannt. "Es ist wahrscheinlich, dass auch dieses eine Mutante ist mit einem leichten Immunescape", schlussfolgert Drosten. Das Coronavirus hat bereits tausende von Mutationen durchlaufen, es gibt jedoch nur einige Varianten, die für Menschen bedenklicher sind als das Ursprungs-Virus.

Was bedeutet dies für unser Immunsystem?

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts werden die beobachteten Veränderungen mit einer "reduzierten Neutralisierbarkeit durch Antikörper oder T-Zellen" in Verbindung gebracht, deren "Umfang nicht eindeutig" geklärt sei. Konkret könnte dies bedeuten, dass Geimpfte sowie Genesene vor einer Ansteckung mit dieser Variante womöglich weniger gut geschützt sind. Auch die Weltgesundheitsorganisation geht offenbar davon aus. Dort heißt es, die Variante B.1.617.2 sei "womöglich" unempfindlicher gegen Antikörper.

Gibt es bereits als "besorgniserregend" eingeschätzte Varianten?

Insgesamt werden bisher vier Varianten als besorgniserregend eingestuft. Die WHO hat kürzlich beschlossen, diese nach dem griechischen Alphabet zu benennen. Damit will sie vermeiden, dass Länder oder Regionen mit bestimmten Varianten in Verbindung gebracht und Menschen stigmatisiert werden. Nach dem neuen Schema heißt die besorgniserregende Mutante aus Indien Delta. Die zuerst in Großbritannien aufgetauchte Virusmutante (B.1.1.7) wird nun als Alpha bezeichnet, die in Südafrika entdeckte (B.1.351) Beta und die in Brasilien bekannt gewordene (P.1) Gamma.

Inzwischen breitet sich Delta auch stark in Großbritannien. In Deutschland spielt die Variante laut RKI eine untergeordnete Rolle. Hier dominiert mit über 90 Prozent die Alpha-Variante B.1.1.7. Zu letzterer betont das RKI: "Alle Impfstoffe, die aktuell in Deutschland zur Verfügung stehen, schützen nach derzeitigen Erkenntnissen sehr gut vor einer Erkrankung durch B.1.1.7 und sie schützen auch vor schweren Erkrankungen durch die anderen Varianten."

Hierzu finden Sie auf der Webseite des Robert Koch-Instituts eine Übersicht mit Empfehlungen sowie einen ausführlichen Bericht.

Was bedeutet die Mutante für die weltweite Impfkampagne?

Die bisher in der EU zugelassenen Corona-Impstoffe schützen wohl auch vor der Virus-Variante, die in zuerst Indien aufgetreten ist. Davon geht die EU-Arzneimittelbehörde EMA aus. Ein Sprecher sagte, die bisher vorliegenden Daten seien beruhigend. Die Entwicklung würde aber weiter verfolgt und geprüft. Bislang sind in der EU vier Corona-Impfstoffe zugelassen. Auch der britische Gesundheitsminister Hancock betonte, nach aktuellem Erkenntnisstand schütze eine vollständige Impfung gegen die Delta-Variante.

Zuvor hatten sich bereits die Unternehmen Biontech und Pfizer optimistisch gezeigt, dass ihr Impfstoff auch gegen die Delta-Virusvariante wirkt. Biontech-Chef Sahin sagte, die entsprechenden Tests liefen zwar noch, aber er sei "zuversichtlich", dass das Vakzin auch gegen B.1.617 wirke. Die Mutante zeichne sich durch Veränderungen aus, die bereits aus anderen Corona-Varianten bekannt seien. Gegen diese wirke der Impfstoff. Insgesamt hätten Biontech und Pfizer inzwischen schon mehr als 30 Corona-Varianten getestet. Bei fast allen funktioniere das Vakzin genau so gut wie bei der Ursprungsform. Auch in den Fällen, in denen die Immunantwort nach der Impfung schwächer ausfalle, sei diese ausreichend, fügte er hinzu.

Nach Einschätzung der Virologin Ciesek kann die Variante die Wirkung einer Impfung schwächen, ihren Schutz aber nicht ausschalten. Was man beobachte, sei eine leichte Einschränkung, aber kein vollständiges Versagen der Impfungen, sagte die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt im NDR-Podcast. Zu Berichten aus Großbritannien, wonach sich Altenheimbewohner trotz vollständiger Impfung mit dieser Variante neu angesteckt hätten, meinte Ciesek, kein Impfschutz wirke vollständig. Gerade bei älteren Menschen mit schwächerem Immunsystem seien Neuansteckungen nicht verwunderlich. Das Wichtige sei, dass diese Menschen nicht schwer erkrankten.

(Stand: 06.06.2021)

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