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StartseiteVerbrauchertippNutzen oft zweifelhaft02.05.2019

Individuelle GesundheitsleistungenNutzen oft zweifelhaft

Professionelle Zahnreinigung oder Ultraschall-Untersuchungen zur Brustkrebsvorsorge - viele Ärzte bieten solche individuellen Gesundheitsleistungen an. Dafür müssen Patienten beim Arzt selber zahlen. Etwa eine Milliarde Euro im Jahr geben die Deutschen dafür aus. Aber nicht alle Leistungen sind sinnvoll.

Von Alexander Moritz

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 Perspektive eines Patienten beim Zahnarzt auf dem Behandlungsstuhl. Die Ärztin oder Zahnarztassistentin hält zwei Behandlungsgeräte in der Hand und beugt sich über den Mund des Patienten. ( picture alliance / dpa / © Andreas Gebert)
Auch die professionelle Zahnreinigung gehört zu den IGeL-Leistungen. ( picture alliance / dpa / © Andreas Gebert)
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Individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL, sind Behandlungen, die nicht von den Krankenkassen übernommen werden müssen. Das betrifft Zusatzleistungen wie Schönheitsoperationen, die Zahnreinigung oder Impfungen vor Fernreisen. Als IGeL werden aber auch Leistungen angeboten, deren gesundheitlicher Nutzen nicht ausreichend belegt ist. Doch jeder Arzt kann selbst entscheiden, ob und welche IGeL er anbietet – inzwischen gibt es mehrere Hundert.

Einen Überblick über mögliche Nutzen und Risiken geben die Krankenkassen mit dem "IGeL-Monitor". Die Website listet Studien zur Wirksamkeit einzelner IGeL auf und bewertet die Behandlungen dementsprechend. In den meisten Fällen lautet das Fazit: Die IGeL bringen keinen Nutzen oder sind sogar gefährlich.

Grauzone IGeL-Markt

Christian Weymayr vom IGeL-Monitor sagt: "Es ist ja so, dass per Gesetz festgelegt ist, dass alle Leistungen, die sinnvoll sind, Kassenleistungen sein sollen. Also per Definition ist es so, dass dieser IGeL-Markt in einer grauen oder auch schwarzen Zone sich abspielt." Trotzdem verkaufen die Ärzte am häufigsten solche IGeL, die angeblich der Gesundheitsvorsorge dienen. Das ergab eine Onlinebefragung im Auftrag der Krankenkassen.

Dabei sind manche Behandlungen sogar eher schädlich, weil sie zu falschen Diagnosen führen können. Zum Beispiel die Augeninnendruckmessung zur Erkennung von Glaukomen oder die Untersuchung der Eierstöcke mit Ultraschall, um Krebs frühzeitig zu erkennen. Weymayr: "Dass es trotzdem die häufigste IGeL ist, die Frauen angeboten wird, ist in unseren Augen ein Skandal."

Von dieser Methode rät inzwischen selbst die Bundesärztekammer ab. Doch manche Ärzte sind trotzdem davon überzeugt – trotz anderslautender Studienlage.

Abmahnungen für Ärzte

Die Verbraucherzentralen kritisieren, dass manche Ärzten mit Behandlungen, die gar nichts bringen, Geld verdienen wollen. Auf der Website IGeL-Ärger sammelt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen Beschwerden von Patientinnen und Patienten. Einige Ärzte hat die Verbraucherzentrale daraufhin schon abgemahnt, sagt Projektleiterin Christiane Grothe:

"Es ist insofern ein großes Problem, weil es das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient erodiert. Wenn ich nicht mehr sicher sein kann, dass da wirklich mein Wohlergehen im Fokus steht, sondern vielleicht der Geldbeutel, das ist für unsere Kultur im Gesundheitsbereich schwierig."

Die Verbraucherzentralen fordern deswegen, dass IGeL nicht mehr in der normalen Sprechstunde angeboten werden, sondern nur an speziellen Terminen. Außerdem wollen sie einen besseren Umgang mit Beschwerden. Denn immer wieder kommt es vor, dass Patienten sich von Ärzten falsch beraten oder unter Druck gesetzt fühlen. In solchen Fällen sollten Sie selbstbewusst sein und nicht vorschnell entscheiden.

Wann macht eine IGeL Sinn?

Grothe: "Erstens würde ich nachfragen: Warum, mit welchem Ziel? Zweitens: Warum reicht die Kassenleistung nicht? Drittens: Danke, ich überleg’s mir. IGeL-Leistungen sind niemals dringend. Sie sind eben keine Akutleistungen, sondern man kann sich Zeit lassen, ohne ein schlechtes Gefühl zu haben."

Die Bundesärztekammer sieht es so, dass IGeL im Einzelfall durchaus sinnvoll sein können. Auch die Ärztevereinigung betont aber, dass Ärzte sachlich informieren sollen. Bei der Entscheidung helfen können die Internetportale IGeL-Monitor und IGeL-Ärger. Auch die Meinung einer zweiten Ärztin können Sie einholen. Doch am Ende ist Medizin auch eins: Vertrauenssache.

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