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StartseiteCampus & KarriereDigitalisierung selber gestalten, nicht ihr Opfer werden20.06.2019

Industrie 4.0Digitalisierung selber gestalten, nicht ihr Opfer werden

Die Anforderungen in vielen Berufen ändern sich rasant, auch bei den Wirtschaftswissenschaften. Software-Kenntnisse sind manchen Firmen inzwischen wichtiger als Qualitätsabschlüsse. An der Universität Jena können Studierende im Projekt DigiLab die Abläufe in einer digitalen Arbeitsstätte einüben.

Von Henry Bernhard

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Der Dozent Dr. Stefan Fedtke steht im Computerraum und bespricht mit Studierenden ein Simulationsprojekt (Deutschlandradio / Henry Bernhard)
Dr. Stefan Fedtke von der Uni Jena möchte mit dem Projekt DigiLab auf die zukünftige Arbeitswelt vorbereiten (Deutschlandradio / Henry Bernhard)
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Der klassische BWLer sei der "Kohlekumpel der Zukunft", sagt der Wirtschaftsmathematiker Stefan Fedtke, der an der Universität Jena lehrt. Deshalb müsse man sich verändern.

"Wir haben gute Kontakte zu verschiedenen Unternehmen, mit denen wir verschiedene Projekte gemeinsam machen. Und die generelle Aussage ist, dass softwarebezogenen Fähigkeiten eine sehr große Rolle spielen. Einige Unternehmen stellen tatsächlich nur noch Studierende ein, die Zusatzzertifikate in diesem Bereich haben. Und wir haben uns die Frage gestellt: Was können wir den Studierenden beibringen, dass sie auch in diesem Thema fit bleiben oder fit werden?"

Die ganze wirtschaftswissenschaftliche Fakultät in Jena hätten sie im Rahmen des Projekts "DigiLab" auf den Kopf gestellt, um bei den Lehrinhalten nachjustieren zu können.

"Das ist einmal Big Data und Deep Learning, Quantitative Economics im Bereich der VWL, und der Bereich, für den ich zuständig bin, Industrie 4.0 und digitale Fabrik. wir haben die Lehrveranstaltungen der gesamten Fakultät angeschaut und diese neu evaluiert in Hinblick auf Digitalbezug."

Beispiel "Supply Chain Simulation" – eine Lehrveranstaltung, in der die Studierenden den Umgang mit einer Simulationssoftware lernen und  eine Logistikkette abbilden sollen. Die Computer-Simulation solcher Prozesse spare Geld, Erfahrungen in der Praxis könnten teuer werden.

"Gut, dann hoffe ich mal, dass wir viel Spaß haben – und los kann’s gehen."

Logistikprozesse digital nachbilden

Stefan Fedtke besucht mit seinen 20 Kursteilnehmern das Logistikunternehmen redcoon, das den Versand für eine große Elektronikmarkt-Kette betreibt. Sie sollen vor Ort die logistischen Prozesse kennenlernen, die sie zurück an der Universität Jena in einem Simulationsprogramm darstellen werden.

In einer riesigen, sehr hohen Lagerhalle rattern blaue Plastikwannen über ein Rollensystem, biegen unterschiedlich ab, werden von wenigen Menschen befüllt oder entleert. Die Betriebsleiterin Susan Funke erklärt das System.

"Das ist der Arbeitsplatz für den Wareneingangsbucher. Also, hier findet die Verheiratung der Ware mit dem Lagerverwaltungssystem statt. Und auch die physische Verheiratung von Behälter und Artikel. Wir haben also hier einen computergestützten Arbeitsplatz, auf dem der Mitarbeiter das Lagerverwaltungssystem sieht. Und dann hat er hier zwei Zuführbahnen …"

Auf einer Bahn kommen die Pakete mit Handys, Speichern, CDs, Computerspielen an; auf der daneben die leeren blauen Wannen mit Strichcodes an den Seiten.

"Alle Prozesse bei uns in der Logistik sind Barcode-gestützt. Also, jeder Artikel und jedes Transportmittel, was sich irgendwo bewegt, muss über einen Barcode identifizierbar sein, damit alle Prozesse zusammenlaufen."

Fast drei Stunden laufen die Studierenden durch das Lager, stellen immer wieder Fragen, machen Skizzen und Notizen. Ida Bolze ist im Masterstudiengang der Wirtschaftswissenschaften, Schwerpunkt Supply Chain Management.

Simulationen programmieren erfordert viel Informations-Input

"Ich glaube, das wird noch mal ein schwieriger, langwieriger Prozeß für uns alle, zumal uns dann vielleicht erst während des Simulierens uns auffällt, was für Informationen wir gebraucht hätten, die wir uns aber leider nicht notiert haben. Das wird eine Herausforderung,"

… für die sie zwei Monate Zeit haben. Zurück in Jena in der Uni üben sie erst mal mit kleinen Simulationen, wie Kevin Sanow erklärt.

"Man kann sich das 2D anschauen oder auch 3D. Es kommen auf einem Fließband Pakete an, die werden von einem Picker zu einem Platz gefahren, wo die Mitarbeiter abholen und in ein Regal räumen. Und irgendwann, werden die Pakete auf ein anderes Fließband transportiert, wo sie dann verpackt werden sollen. Oh, hier hinten an der Stelle staut es sich jetzt, weil ein Paket nach dem anderen reinkommt und nicht schnell genug abgearbeitet werden kann. Deswegen schaut man sich einfach an, "Was macht jeder Einzelne?", modelliert das und lässt das dann laufen. Und dann kann man halt Engpässe feststellen."

Mögliche Probleme frühzeitig erkennen

Wenn sie dann auch komplexere Simulationen beherrschen, können sie Probleme schon vor dem realen Test erkennen und Lösungswege aufzeigen. Das Ziel, so Stefan Fedtke, sei eigentlich ganz einfach:

"Es geht um das Konzept, dass die Studierenden Digitalisierung selbst gestalten und diese Dinge umsetzen können, damit sie der Digitalisierung selbst nicht zum Opfer fallen."

In allen Kursen des Projekts DigiLab lernen die Jenaer Studierenden immer anwendungsorientiert verschiedene Software kennen: Zur Simulation, zur Statistik, aber auch SAP. Damit sie attraktiv für zukünftige Arbeitgeber sind und den digitalen Wandel gestalten können.

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