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StartseiteBüchermarktEine junge Stimme für die Lyrik24.04.2019

Ines Berwing: "muster des stillen verkabelns"Eine junge Stimme für die Lyrik

Wie aufregend es ist, wenn neue, junge Stimmen die literarische Bühne betreten. Die 35-Jährige Ines Berwing hat als Drehbuchautorin bereits erstaunliche Erfolge zu verzeichnen. Nun ist auch ihr erster Gedichtband erschienen: leichtfüßig, aber nicht leichtherzig und konsequent klein geschrieben.

Von Insa Wilke

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Buchcover: Ines Berwing: „muster des stillen verkabelns“ (Buchcover: Hochroth Verlag, Foto: imagoScience Photo Library)
Ein schmales Heft, das der Hochroth Verlag veröffentlicht hat, der immer wieder eine Spürnase hat für neue Dichtung (Buchcover: Hochroth Verlag, Foto: imagoScience Photo Library)
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Eine Handvoll leichtfüßiger, aber nicht leichtherziger Gedichte. 27 Gedichte, als wären sie für einen schönen 27. September geschrieben. Ein feines, schmales Heft mit dem programmatischen Titel "muster des stillen verkabelns".

Es spricht für die Ernsthaftigkeit von Ines Berwings literarischem Anspruch, dass sie die Auswahl so beschränkt hat für ihren ersten eigenständigen Lyrikband. Diese wenigen Texte sind es, die konsequent klein geschrieben, weitgehend ohne Satzzeichen auftretend offenbar der strengen Selbstkontrolle ihrer Autorin standgehalten haben. Aber was wird hier still verkabelt? Hören wir mal:

"hausordnung

ich werde beobachtet, ich muss
mich benehmen. darf nicht in unterwäsche
zum nachbarn gehen. darf nicht
in schuhen schlafen, auf wimpern
wippen, in schubladen baden.
mich über den ameisenhaufen
in meiner hochsteckfrisur beklagen.
muss vater bei jedem buchstaben
um erlaubnis fragen. am esstisch
herrscht schweigepflicht, zum einschlafen
singt mutter den wetterbericht,
denn in vaters nasenloch belauschen
die wanzen uns immer noch"

Haben Sie es bemerkt? Ror Wolf mit seinem Gedicht "Mein Famili" klingt hier mit und die mit jenem nicht verwandte, nur namensgleiche Dichterin Uljana Wolf. An Herta Müllers Collagen, Thomas Braschs Gedichte, Dichterinnen wie die Weißrussin Valzhyna Mort, die Kärntnerin Christine Lavant fühlt man sich erinnert, wenn man Ines Berwing liest und sofort merkt: Hier schreibt eine lesende Dichterin im Wissen um die literarischen Traditionen, denen ihre Gedichte verwandt sind. Das ist nicht selbstverständlich, hat man doch manchmal den Eindruck, Debütanten stünden unter dem Druck, ihre Originalität und geradezu geniehafte Schöpferkraft unter Beweis stellen zu müssen, indem sie aus sich heraus neue Formen und neue Stoffe schöpfen.

Ines Berwing tut das nicht. Sie ist so selbstbewusst, sich einzuschreiben in die bestehende Lyriklandschaft und sich anzuverwandeln, was schon da war. Man hat den Eindruck, diese Gedichte stehen dazu, dass sie sich noch anlehnen. Sie sagen aber auch: Schaut, ich werde meinen Ton und meine Themen finden, es deutet sich schon an. Unabhängig davon, ob Ines Berwing tatsächlich auf die genannten Dichterinnen und Dichter anspielt, wird klar, welche Dichtungsweisen die ihren sind: die kurze Form, die sich auf starke, mal groteske, mal surreale und zuweilen absurde Bilder stützt: die Wimpern als Wippe, der Ameisenhaufen in der Frisur, die Wanze im Nasenloch.

Abgefedert und eingefangen werden diese Bilder durch den geschmeidigen Rhythmus, den klaren Aufbau und das harmonische Klang-Schema. Perspektivisch lässt sich ein Ich ausmachen, das weiblich ist und sich in einer von Männern – dem Vater, dem Busfahrer, dem Lehrer, dem Arzt – dominierten Welt behaupten muss. Thematisch kreist Berwing um den Schmerz der Abweichlerin, die Atemnot in der Beengung und die Kraft der Befreiung. Strukturell nähren sich ihre Verse aus dem Widerspruch, dass auf der semantischen Ebene normative Ordnungen und Regelwerke unterlaufen werden, das Gedicht selbst sich durch regelmäßige Formen aber in anderen Ordnungen einfindet.

"gestern bin ich erblindet

und lief am schnürsenkel entlang
einen berg hoch er rollte fleißig
und hielt einfach nicht
still so was kommt vor weiß ich

doch im abteil kam die ordnung
sie saß rot und mochte mich
nicht und zog immer wenn licht
aus dem spalt kam mein auge zu"

Dem Sisyphos-Mythos will sich dieses Ich nicht ergeben und steht dem Glück des Unermüdlichen Steine-Rollers scheinbar auch ganz indifferent gegenüber, indem es den Stein einfach dem Berg selbst überantwortet. Diese Abweichung und Umschreibung wird nicht goutiert, möglicherweise in der zweiten Strophe sogar sanktioniert. Von wem? Wer vertritt die Ordnung, die das Ich ablehnt? Das wird bei Berwing nicht so konkret wie es Herta Müllers "blasse Herren mit den Mokkatassen" sind, auf die man in einem anderen Gedicht eine Anspielung finden kann. Die Bedrohungslage bleibt hier abstrakter, wird vom Ich vielleicht auch diffuser erfahren.

Das wirkt dann manchmal, wie in dem ersten Gedicht "ein behälter voll krieg" etwas naiv. Zugleich reflektieren die Gedichte genau das, ihren Erfahrungsraum. Berwing stellt sie, wie es einmal heißt, bewusst auf ein "gesellschaftlich hinkendes bein" und beruft sich auf Dichtung, die aus einem anderen Erfahrungsraum schöpft. An den ist aber auch Berwings Generation eben immer noch angeschlossen, wenn sie auch nicht mehr den direkten, sondern nurmehr einen vermittelten Zugang hat und ihn in eine Auseinandersetzung bringen muss mit eigenen, ebenso realen Erfahrungen, Konflikten und Lebenslagen.

"oder im grauwasser schwimmen gedichte
oder besser es geht um das ganze
durchtrennte material um die haut
die in der anstrengung gefühlstaub gewordenen
muster des stillen verkabelns: verkabeln
von schmerz mit vertrauter vokabel
oder auf einmal bedeuten die angewohnheiten
nichts weiter als die bewegung
eines abgefallenen flügels im schnee komm schon
geh weiter wir spielen engelchen flieg
usw"

Dass Ines Berwin weiterführt, was sie mit "muster des stillen verkabelns" angefangen hat, darf man hoffen. Ein wohltuend sicheres und beachtliches Debüt hat sie schon vorgelegt.

Ines Berwing: "muster des stillen verkabelns. Gedichte"
Hochroth Verlag, Wiesenburg. 38 Seiten, 8 Euro.

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