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StartseiteInterview"Impfen wird in den ersten Monaten noch keinen Unterschied machen"02.01.2021

Infektionszahlen"Impfen wird in den ersten Monaten noch keinen Unterschied machen"

Impfen sei im Kampf gegen das Coronavirus natürlich wichtig, sagte der Mediziner und Medizinjournalist Christoph Specht im Dlf. Ein deutlicher Rückgang der Infektionszahlen sei jedoch wahrscheinlich erst im Frühjahr zu erwarten. Die wesentlichen Maßnahmen - Abstand und Kontaktreduzierung - würden die Menschen weiter begleiten.

Christoph Specht im Gespräch mit Sandra Schulz

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Ein Mitarbeiter der Asklepios Klinik wird von einem Kollegen mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer geimpft. Zahlreiche Mitarbeiter der Klinik haben sich gegen das Coronavirus impfen lassen. (dpa)
Die Impfungen gegen das Coronavirus haben begonnen, vielen geht es zu langsam (dpa)

In Deutschland haben die Schutz-Impfungen gegen das Coronavirus begonnen. Ob die deutsche und auch die EU-Strategie richtig waren, darüber wird weiter diskutiert. Der Vorwurf: Deutschland und die EU hätten mehr Impfstoff der deutschen Firma BioNTech bestellen sollen. Dass es überhaupt einen Impfstoff gebe und wahrscheinlich in kurzer Zeit weitere, grenze an ein Wunder, sagte der Mediziner und Medizinjournalist Christoph Specht im Dlf. BioNTech habe mittlerweile eine neue Produktionsanlage gekauft. Doch die Produktion könne man nicht "auf Knopfdruck" umstellen.

Specht glaubt allerdings nicht, dass sich das Impfgeschehen in den ersten Montaten in den Infektionszahlen wiederspieglt. Vielmehr spiele das kommende Frühjahr und der Sommer eine Rolle. Bis dahin werde man "nach wie vor die wesentlichen Maßnahmen haben, nämlich Abstand und Kontaktreduzierung."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)


Sandra Schulz: Sterben jetzt in Deutschland, jetzt oder in den nächsten Wochen, Menschen, weil die EU zu langsam war bei den Impfstoffverträgen?

Christoph Specht: Es werden natürlich weiterhin Menschen sterben, das lässt sich auch nicht verhindern. Die Frage ist natürlich, hätte es verhindert werden können, wenn mehr Impfstoff da gewesen wäre, dass Personal da wäre und wenn man alles früher vielleicht auf den BioNTech-Impfstoff hin eingestellt hin. Ja, kann sein, aber die Frage ist, ob das möglich gewesen wäre. Natürlich ist es immer leicht, hinterher Kritik zu üben. Ich bin da ein bisschen zurückhaltend mit dieser Kritik, denn stellen Sie sich vor, was passiert wohl wäre, wenn man gesagt hätte, ja – und zwar schon im Sommer –, BioNTech, das wird der Impfstoff der Wahl, den müssen wir haben, den kaufen wir jetzt großzügig ein, und die anderen, das wird vielleicht nichts oder da warten wir mal ab. Was wäre dann passiert, wenn BioNTech eben nicht der Renner geworden wäre, wenn die Studien ganz anders ausgegangen wären? Das war im Sommer wirklich nicht klar. Die Vorstellung, die wurde ja auch geäußert, dass man hergeht und von allen möglichen, irgendwann mal möglichen Impfstoffen die volle Dosenanzahl einkauft, das halte ich doch für ein bisschen unrealistisch.

"Es war wirklich nicht sicher, dass BioNTech das große Rennen macht"

Schulz: Ja, das kann ich nachvollziehen, andererseits wird jetzt immer wieder gesagt, dass es auch recht früh schon recht vielversprechende Daten gegeben habe von BioNTech. Also hat man diese Impfstoffentwicklung zu lange als offenes Rennen gesehen?

Specht: Schwierige Frage. Ja, man hat relativ früh schon schöne Daten gesehen, die gingen alle in die richtige Richtung, aber jeder, der in diesem Geschäft tätig ist – Geschäft in Anführungsstrichen –, der weiß, gerade bei der Impfstoffentwicklung kann bis zum letzten Tag noch eine Menge passieren. Es war wirklich absolut nicht sicher, wie das jetzt vielleicht im Nachhinein erscheint, dass BioNTech das große Rennen machen würde. Zu dem Zeitpunkt, als es klar war, da waren die Verhandlungen ja schon längst abgeschlossen, gelaufen, und vor allen Dingen hatte man sich ja – und das ist, glaube ich, der größere Punkt – dazu entschlossen, EU-weit einzukaufen. Klar, es wird immer Israel erwähnt, weil die das jetzt sehr viel schneller hinbekommen haben – gut, bei einer deutlich kleineren Bevölkerung, aber sie haben jetzt schon sehr viel mehr geimpft, nämlich eine Million. Das ist natürlich was ganz anderes, wenn Sie nur für sich agieren und nicht EU-weit das machen wollen, aber dazu haben wir irgendwann mal ja gesagt, dass wir das tun wollen, na ja, und dann gibt es eben solche Konsequenzen.

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"Ich finde es faszinierend, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben"

Schulz: Jetzt ist es in Deutschland so, dass vielerorts eben genau auf den Impfstoff gewartet wird, der ja auch in Deutschland entwickelt wurde – kann man schon paradox finden. Gibt es da möglicherweise noch andere Auswege, das ist ja auch im Gespräch, sind Lizenzen für andere Pharmaunternehmen.

Specht: Ja, das ist möglich, das kann man machen, aber auch das geht nicht so wahnsinnig schnell. Wissen Sie, ich denke immer – es ist noch ein bisschen die Frage, ist das Glas halb voll oder halb leer –, dass wir überhaupt einen Impfstoff haben und wahrscheinlich in wenigen Tagen einen zweiten und in ein, zwei Monaten wahrscheinlich einen dritten, das grenzt ja tatsächlich an ein Wunder. Man muss das mal so sehen, dass das überhaupt möglich ist, Impfstoffentwicklung ist ein schwieriges Geschäft. Stellen Sie sich vor, BioNTech-Impfstoff wäre kein mRNA, also dieses neue Prinzip, sondern das wäre so was wie vielleicht bei der Grippeimpfung, wo man tatsächlich mit realen Hühnereiern operieren muss. Da passiert ständig irgendetwas, und Sie wissen aus den vergangenen Jahren, da gab es immer wieder Engpässe, was den Impfstoff angeht, weil nicht genügend Dosen produziert waren. Und wenn man das feststellt, kann man nicht sagen, jetzt brauchen wir ein paar mehr und haben dann in einem Monat die entsprechenden Dosen. Dass das überhaupt skalierbar ist, liegt eben daran, dass es dieses mRNA-Verfahren ist, was sich tatsächlich wohl anschickt, auch für die Zukunft für andere Impfstoffe der Weg der Zukunft zu werden. Aber wir müssen einfach sehen, dass das Glas aus meiner Sicht wirklich halb voll ist, und das finde ich schon faszinierend, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben.

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Schulz: Sie haben zu den Lizenzen jetzt noch nichts gesagt. Müsste in dieser zugespitzten Lage, in der es ja wirklich auch um Menschenleben geht, müsste BioNTech sein Wissen da nicht mit anderen Produzenten teilen? Es kann ja dieses Wissen sich auch vergüten lassen.

Specht: Das tun sie durchaus. BioNTech hat ja eine Produktionsanlage in Marburg gekauft, eine Impfstoffanlage, die mit herkömmlichen Impfstoffen Erfahrung hat, aber das muss natürlich alles umgestellt werden, das geht nicht auf Knopfdruck. Die werden vermutlich im März entsprechend produzieren können, das dauert aber eine gewisse Weile. Ich glaube nicht, dass BioNTech hier sehr protektionistisch tätig ist und sagt, alles, was uns gehört, bleibt nur bei uns. Außerdem ist natürlich die große Firma Pfizer noch im Hintergrund, BioNTech ist ja quasi ein kleines Forschungsunternehmen, Ausgründung der Uni Mainz vor etlichen Jahren, ohne Pfizer ginge hier gar nichts. Ja, die anderen, zum Beispiel, Amerika hat eben auch kräftig eingekauft, in Amerika ist das nur der amerikanische Impfstoff, da wird von BioNTech kaum was erwähnt, da ist es einfach die Firma Pfizer als großer amerikanischer Konzern. Aber es gibt da durchaus regen Austausch in der Produktion, und ich hoffe und glaube aber auch, dass in den nächsten Monaten sich diese Situation etwas entspannen wird, und, wenn ich das noch sagen darf, dann haben wir einen neuen Engpass, und das wird das Personal in der Organisation dieser massenmäßig durchzuführenden Impfungen sein.

Abstand und Kontaktreduzierung weiter wichtig

Schulz: Jetzt haben wir die Kausalität eben schon angesprochen. Im Moment ist es ja so, wenn sich jetzt im Moment ein Risikopatient ansteckt oder ein älterer Mensch dann einen schweren Verlauf bekommt oder auch sogar stirbt, dann kann man ja argumentieren, das wäre nicht passiert, wenn er früher geimpft worden wäre. Wenn wir jetzt so viel sprechen über die Impfdosen und diese Engpässe, die wir haben, überlagert da jetzt diese staatliche Verantwortung, eben diese Impfungen schnell zu organisieren, überlagert das die gesellschaftliche Verantwortung, über die wir da vorher so viel gesprochen haben, dass jeder sich individuell an die Hygieneregeln hält, an die Kontaktregelung? Wie sehen Sie das?

Specht: Das überlagert es ganz bestimmt, aber ich hab schon vor Wochen, vor Monaten gesagt, dass wenn eine Impfung kommt, diese Impfung in den ersten Wochen, wahrscheinlich auch in den ersten Monaten noch keinen Unterschied in den Zahlen machen wird. Impfen ist natürlich wichtig. Bei den Israelis, wenn die das hinkriegen, quasi einen Großteil der Bevölkerung zu impfen in kurzer Zeit, dann macht das einen Unterschied. Bei uns wird das anders sein, wir werden nach wie vor die wesentlichen Maßnahmen weiterhin haben, nämlich Abstand und Kontaktreduzierung, das wird uns weiter begleiten. Und wenn die Zahlen runtergehen – davon bin ich ganz überzeugt –, dann wird das ein Effekt sein, der aber weniger mit der Impfung zusammenhängt, sondern sehr viel eher mit dem aufziehenden, hoffentlich aufziehenden Sommer. Im Frühjahr, wenn also dann im März, April, Mai das Wetter besser wird, dann gehen die Zahlen runter, ich glaube aber, dass dann die Impfzahlen noch nicht wirklich den entscheidenden Unterschied machen – nur insofern, dass eben hoffentlich gerade die Alten und in Pflegeheimen geimpft worden sind, die tatsächlich das höchste Risiko tragen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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