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StartseiteForschung aktuellWas haben Schulschließungen und Abstandsregeln gebracht?14.05.2020

InfektionszahlenWas haben Schulschließungen und Abstandsregeln gebracht?

Laut einer neuen Berechnung haben Schulschließungen in Deutschland mehr Neuinfektionen verhindert als die Schließung von Geschäften. Der Grund dafür könnte aber ein anderer sein, als man erst einmal vermuten würde. Außerdem gibt es Kritik an der Studie.

Von Volkart Wildermuth

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Nordrhein-Westfalen, Übach-Palenberg: Stühle stehen in einem leeren Klassenzimmer auf den Tischen, während im Hintergrund ein Stundenplan zu sehen ist. (dpa-Bildfunk / Jonas Güttler)
Mitte März haben die Bundesländer die Schulen geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. (dpa-Bildfunk / Jonas Güttler)
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Würde man eine Studie zu den Folgen von Eindämmungsmaßnahmen gegen SARS-CoV-2 richtig aufsetzen, bräuchte man dafür am besten zwei vergleichbare Regionen - mit gleicher Größe, Bevölkerungsstruktur und gleichen Infektionszahlen. In einer Region wurden etwa die Schulen geschlossen, in der anderen nicht. Der Vergleich kann dann zeigen, was so eine Maßnahme bringt. In der aktuellen Corona-Lage müssen Forschende aber damit arbeiten, was sie vorfinden. 

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

In Deutschland können sie dabei von etwas profitieren, das eigentlich viel kritisiert wurde: das uneinheitliche Vorgehen gegen die Pandemie. Verschiedene Maßnahmen wurden nacheinander und in den verschiedenen Bundesländern zu unterschiedlichen Zeiten umgesetzt. Mit Sportveranstaltungen war rund um den 14. März bundesweit Schluss. Hotels wurden in Schnitt vier Tage später zu gemacht - in Bayern schneller als etwa in Sachsen-Anhalt. 

Stärkster Effekt bei Schulschließungen

Die Wirtschaftsforscher Tobias Hartl und Enzo Weber von der Universität Regensburg haben das für sich genutzt. Mithilfe von Methoden aus der Arbeitsmarktanalyse haben sie verglichen, wie sich die offiziellen Infektionszahlen für jedes Bundesland entwickelten, jeweils vor und nach den jeweiligen Einschränkungen. Dabei mussten sie etwa fünf Tage Verzögerung einrechnen, denn so lange braucht es mindestens, bis Symptome auftreten und jemand getestet wird. In der Analyse ging es von den Schulschließungen über die Einschränkungen beim Sport, bei Kneipen, Kinos oder Kirchen bis hin zu Kontaktbeschränkungen und dem Schließen der Außengrenzen. Insgesamt wurden 13 Maßnahmen mit einer sogenannten "Panelregressionsanalyse" untersucht.

Glaubt man der Analyse, dann hatten die Schulschließungen die größte Wirkung: Sie haben die Wachstumsrate der bestätigten Infektion um rund acht Prozentpunkte gesenkt. Der Effekt der Kontaktbeschränkungen war demnach mit vier Prozentpunkten nur halb so groß und das Einstellen des Profi- und des Breitensports brachte noch einmal gut drei Prozentpunkte. Mit diesen drei Maßnahmen lässt sich laut der Studie der Großteil des Rückgangs erklären. Die anderen Maßnahmen, also zum Beispiel das Schließen der Gaststätten oder der Geschäfte, hätten keine klaren Effekte ergeben. Da sehen die Ökonomen eher Veränderungen im Verhalten als entscheidend an. Sie lassen sich aber nicht auf ein klares Datum beziehen.

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Viele Unsicherheiten

Allerdings muss man diese Ergebnisse mit großer Vorsicht betrachten. Die Arbeit ist noch nicht begutachtet worden, die bisherige Veröffentlichung gleicht eher einer Skizze als einer vollständigen Publikation. Direkt darunter hat eine ganze Reihe anderer Wissenschaftler Kommentare dazu verfasst - einige davon extrem kritisch: Die Daten seien nicht unbedingt besonders verlässlich, da vor allem das Meldedatum einer Erkrankung registriert wird - wann sich jemand angesteckt hat, kann nur abgeschätzt werden.

Dazu kommt, dass der Beginn der verschiedenen Maßnahmen teils nur wenige Tage auseinander lag, das heißt, die Effekte überlappen sich und sind deshalb nicht einfach zu trennen. Und schließlich verweist ein Kommentator, der den Ansatz eigentlich gutheißt, darauf, dass die Maßnahmen selbst noch Nebeneffekte haben. Die Schulschließungen hätten den Menschen den Ernst der Lage stärker bewusst gemacht und dazu geführt, dass sie auch mehr auf andere Regeln, etwa zur sozialen Distanzierung achten. Gezwungenermaßen blieben außerdem viele Eltern zuhause, um ihre Kinder zu betreuen.

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Keine klare Rangliste, aber doch deutliche Unterschiede

Enzo Weber, Professor für empirische Wirtschaftsforschung in Regensburg, betont im Gespräch mit dem Deutschlandfunk, dass bei aller Unsicherheit in den Daten die Effekte von Schulschließungen, Maßnahmen im Sport und von Ausgangsbeschränkungen viel deutlicher seien als Effekte von Schließungen der Geschäfte. Daraus folge nicht, dass die Schulen und Kitas zu bleiben sollten, sondern dass man dort auf Distanzierung achten müsse - wie es zur Zeit ja auch vorgesehen ist.

Weber plädiert dafür, eher Schulen wieder zu schließen als Geschäfte, wenn die Infektionszahlen wieder steigen. Das sehen seine Kritiker anders und verweisen zum Beispiel auf die Analyse des Norwegischen Volksgesundheitsinstitutes. In der wurde kein Fall einer Übertragung durch Kinder und Jugendliche dokumentiert. Das könnte dafür sprechen, dass Schulschließungen vor allem indirekt wirken, weil nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern zuhause bleiben müssen.

Oder doch nur die Risikogruppen schützen?

Eine ganz andere Strategie haben Forschende der britischen Universität Edinburgh untersucht: Segment and Shield heißt sie, Abtrennen und Schützen. Sie erinnert stark an die frühere Überlegung der britischen Regierung, auf Herdenimmunität zu setzen und nur wenige bis keine Maßnahmen gegen das Virus umzusetzen. Die Pläne wurden aber verworfen, als Modellierungen zeigten, dass in einem solchen Szenario viele Tote in Kauf genommen werden müssten. 

Segment and Shield würde es einem Großteil der Briten erlauben, weitgehend ohne Einschränkungen weiterzuleben. Das Modell geht davon aus, dass 20  Prozent der Bevölkerung gefährdet sind, die über 70-Jährigen, aber auch Menschen mit einer Zuckerkrankheit oder einem Herz-Kreislauf-Leiden. Sie sollten zu ihrem eigenen Schutz zuhause bleiben. In der Isolation sollten sie von weiteren 20 Prozent der Bevölkerung versorgt werden, etwa von Angehörigen oder auch Pflegepersonal. Diese Betreuenden müssten hohe Hygienestandards einhalten und würden im Idealfall täglich auf COVID-19 getestet. Für ein solches Szenario sagen die Forschenden voraus, dass es nicht zu einem dramatischen Anstieg der Sterblichkeit kommen würde.

Millionen Tests pro Tag sind unrealistisch

Dass diese Strategie eins zu eins umgesetzt wird, gilt im Moment aber als unwahrscheinlich. Mehrere britische Abgeordnete haben vor einer Altersdiskriminierung gewarnt. Zudem ist unklar, wie gerade Großbritannien die riesige Menge an Tests organisieren soll. Immerhin wären über 13 Millionen Tests pro Tag nötig. Die Regierung hat allerdings auch durchrechnen lassen, ob der Lockdown für verschiedene Altersgruppen zu unterschiedlichen Zeiten aufgehoben werden könnte. Auch dazu gibt es Gegenstimmen, die sagen, das Alter sei keine gute Kategorie. Es gebe gesunde 70-Jährige und kranke 40-Jährige. Man sollte die Menschen vernünftig aufklären, dann können sie selbst entscheiden. In Deutschland verlangt niemand ernsthaft, die Risikogruppen für lange Zeit zu ihrem eigenen Schutz zu isolieren.

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