Montag, 15. August 2022

Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung
Der Ball bleibt bis auf Weiteres bei der Bundesregierung

Nicht die Europäische Zentralbank bremst momentan den Preisauftrieb in Deutschland, sondern es sind die Maßnahmen der Bundesregierung, kommentiert Mischa Ehrhardt. Dies werde vorerst so bleiben. Die EZB habe dafür weniger Möglichkeiten als etwa die US-Notenbank FED.

Ein Kommentar von Mischa Ehrhardt | 28.07.2022

Christian Lindner FDP, Bundesminister der Finanzen, Olaf Scholz SPD, Bundeskanzler, und Wolfgang Schmidt SPD, Chef des Bundeskanzleramtes, aufgenommen im Rahmen der Sitzung vom Kabinett im Bundeskanzleramt in Berlin, 01.07.2022. Berlin Deutschland
In den kommenden Monaten würden angesichts der Inflation weitere Hilfen des Bundes nötig sein, vor allem für Menschen und Familien mit geringen Einkommen, meint Mischa Ehrhardt (IMAGO/photothek)
Die Preise bleiben weiter hoch und eine Entspannung ist so schnell nicht in Sicht. Zwar ist die ausgewiesene Inflationszahl bereits den zweiten Monat in Folge minimal kleiner ausgefallen als im jeweiligen Vormonat. Diese Veränderung aber liegt im Bereich der Ungenauigkeit, mit der die zu Grunde liegenden Warenkörbe überhaupt berechenbar sind. Und es spielt für die Verbraucherinnen und Konsumenten auch keine Rolle, ob die Rechnung an der Supermarktkasse nun um 20 Euro teurer ist oder um 20 Euro und zwei Cent. Das genau ist der Unterschied einer Inflation von im Juni 7,6 oder nun im Juli 7,5 Prozent.
Der statistische Stillstand der Inflation jedenfalls ist vor allem den Maßnahmen der Bundesregierung geschuldet. So zeigen das 9-Euro-Ticket und die Spritpreisbremse beim Autofahren ihre Wirkung – letztere vor allem für Vielfahrerinnen und spritschluckende Autos. Diese staatlichen Hilfen kosten aber vor allem viel Geld –auch deswegen sind sie zeitlich begrenzt und laufen nach August erst einmal aus. Das wird dann wieder an höheren Inflationszahlen abzulesen sein.

Geringe Einkommen müssen zielgerichteter unterstützt werden

Daran sieht man aktuell aber vor allem Eines: Es ist derzeit nicht die Europäische Zentralbank, die den Preisauftrieb bremst; hierzulande sind es die Maßnahmen der Bundesregierung. Das ist grundsätzlich politisch gewollt und auch gut. In den kommenden Monaten werden weitere Hilfen nötig sein – vor allem für Menschen und Familien mit geringen Einkommen. Da sie die Inflation am meisten spüren und beim Gang in den Supermarkt bereits an ihre Grenzen kommen, müssen künftige Hilfen viel zielgerichteter sein als bislang.

FED kann mehr tun - zum Preis von rezessiven Tendenzen

Damit wird aber auch noch etwas Anderes klar: Die Europäische Zentralbank kann aktuell gegen diese Inflation weniger ausrichten als die US-Notenbank FED. Am schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt der USA lässt sich bereits ablesen, dass die starken Zinsanhebungen dort bremsend wirken. Die Zahl neuer Hausbauten, Hauskäufe und Bauinvestitionen sinkt – sie waren ein Haupttreiber der Inflation in den USA. Aktuell bedeutet das sogar rezessive Tendenzen in der US-Amerikanischen Wirtschaft. Das ist übrigens der Schatten, der historisch die meisten Zinsanhebungszyklen in den USA begleitet hat.

Starke EZB-Zinserhöhungen könnten EU-Wirtschaft abwürgen

Und damit sind auch schon die wesentlichen Unterschiede zu Europa und der Europäischen Zentralbank benannt: Anders als in den USA verteuern hier vor allem die Energiepreise das Leben. Hinzu kommt die allgemeine Knappheit vieler Produkte. All das kann die Europäische Zentralbank direkt kaum beeinflussen. Sie liefe aber mit zu starken Zinserhöhungen ebenfalls Gefahr, die Wirtschaft im Euroraum abzuwürgen.

Ball bleibt bei der Bundesregierung

Es ist gut, dass die EZB ihre Zinswende eingeläutet hat, weil das ein wichtiges Signal aussendet. Sie hätte es besser früher tun sollen, das aber jetzt schnell nachzuholen, bringt wenig. Agieren wie die amerikanische FED kann, sollte und wird sie auch so schnell nicht. Damit bleibt der Ball bis auf Weiteres bei der Bundesregierung, die Folgen der Inflation – möglichst gezielt – zu dämpfen.
Porträt: Mischa Ehrhardt
Mischa Ehrhardt, geboren 1974 in Bayern, studierte Philosophie und Soziologie in Tübingen und Frankfurt. Nach seinem Studium absolvierte er ein Volontariat an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin. Es folgten Moderationen und Planung von Wissenschafts- und Mediensendungen beim Hessischen Rundfunk, dort war er lange Jahre dann als Wirtschaftsjournalist tätig. Nach sechs Jahren im ARD-Börsenstudio für das Radio arbeitet er schließlich als Wirtschaftskorrespondent für den Deutschlandfunk in Frankfurt.