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StartseiteCampus & KarriereSpickzettel erwünscht23.07.2018

Informatik-Klausur an der Universität OsnabrückSpickzettel erwünscht

Studierende an der Universität Osnabrück dürfen bei Informatik-Klausuren jetzt Hilfsmaterialien nutzen. Sogar Recherchen im Internet sind erlaubt. Allerdings helfen selbst die besten Schummel-Möglichkeiten wenig, wenn die Probanden den Stoff nicht beherrschen.

Von Simon Schomäcker

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Das Osnabrücker Schloss war die Residenz Fürstbischofs Ernst August I. von Braunschweig-Lüneburg. Heute ist es der Sitz der Universität Osnabrück. (Deutschlandradio / Nicolas Hansen)
An der Universität Osnabrück wird am Institut für Informatik ein neues, offeneres Klausur-Konzept eingesetzt (Deutschlandradio / Nicolas Hansen)
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Finn Stutzenstein studiert Informatik an der Universität Osnabrück. In der gerade laufenden Klausurphase gab es für Stutzenstein und seine Kommilitonen eine Neuerung, nämlich: eine offene Online-Klausur. Darin mussten die Studierenden am Rechner eine Datenbank programmieren, statt wie sonst einfach nur Lösungen per Hand aufzuschreiben. 

"Wo eh immer viele drüber lachen von wegen, ist es in der Informatik wirklich nötig, immer alles auf Papier schreiben zu müssen? Vor allem: Auf Papier zu programmieren, ist an einigen Stellen einfach nicht sinnvoll. Und das hat einen schon gefreut, dass man da auch endlich mal was am Computer machen darf, auch in der Klausur."

"Bulimie-Lernen" ist nicht sinnvoll

Entwickelt wurde das Klausurkonzept von Informatik-Dozent Tobias Thelen. Studierende hatten ihn gefragt, ob sie kurz vor einer Prüfung einige Formeln aufschreiben durften…

"…die die bis eine Minute vor Betreten des Raumes auswendig gelernt hatten, um die dann aus dem Kurzzeitgedächtnis schnell hinzuschreiben. Diese Form von im wahrsten Sinne des Wortes Bulimie-Lernen hat mich dann sehr erschrocken. Und ich habe mir Gedanken gemacht, wie man das denn in einer Klausur verhindern kann." 

Tobias Thelen erinnerte sich an Kofferklausuren, bei denen bestimmte Hilfsmaterialien benutzt werden dürfen.

"Man kennt das, zum Beispiel ein Wörterbuch, das man in einer Englisch-Klausur benutzen darf usw.. Hier ist aber jetzt die Idee zu sagen, ich lasse tatsächlich alles zu – auch völlig unbekannte Materialien, von denen ich noch gar nicht weiß, was es denn sein könnte, nämlich das ganze Internet."

Der Dozent wollte damit mehr Praxisnähe herstellen. Denn in der Informatik ist es schließlich nicht wichtig, alle Formeln auswendig zu lernen. Vielmehr geht es darum, problemorientiert zu arbeiten. Aber trotz Hilfsmaterialien – einfacher wird eine offene Online-Klausur dadurch nicht. Studierende müssen den Lernstoff trotzdem gut beherrschen. Das war auch Finn Stutzenstein bewusst:

"Die Theorie wird halt nicht mehr stumpf abgefragt, sondern angewandt. Das ist ein bisschen eine Stufe höher. Wo man dann wirklich merkt, ob eine Person das wirklich verstanden hat, was er da macht und nicht nur auswendig gelernt hat."

Gute Vorbereitung notwendig

Praxisnahe Aufgabenstellung heißt aber auch, die Lösung für ein komplexes Problem schnell parat zu haben. Ein weiterer Lerneffekt der offenen Klausur ist daher: Mit einer chaotischen Zettelwirtschaft lässt sich nicht effizient arbeiten. Finn Stutzenstein hatte sich deshalb schon vorher Materialien genau zurechtgelegt.

"Wir durften einen USB-Stick mitbringen mit Materialien. Da hatte ich die Vorlesungsfolien drauf, die Übungsaufgaben, die wir selbst gemacht haben. Und wenn man die Folien kennt, weiß man auch, wo man was findet. Im Internet kennt man einige Seiten, die schnell Antworten bringen. Da ist es nur so, man muss erst ein bisschen lesen und das dauert halt Zeit."

Außerdem sind im Internet die Mogelmöglichkeiten größer – etwa durch den Austausch in Chats. Darum war Netzrecherche im Prüfungsbetrieb bisher meist nicht erlaubt, weiß Tobias Thelen. Der Dozent hat aber Präventionsmaßnahmen entwickelt. Zum Beispiel hat er die Versuchsdatenbank für die Klausur speziell programmiert.

"Diese Datenbank war nur von den Rechnern innerhalb des Rechnerraumes aus erreichbar. Also jemand von zu Hause hätte da gar nicht drauf zugreifen können. Und das andere ist, dass die Studierenden an PCs sitzen, die alle große Bildschirme haben, die alle in dieselbe Richtung zeigen – sodass ich und meine Klausuraufsicht sehr gut die Bildschirme im Blick behalten können."

Konzept hat viele Vorteile

Das Ergebnis ist erfreulich: Etwa 80 Prozent der Prüfungsteilnehmerinnen und -teilnehmer haben die offene Online-Klausur bestanden. Unter ihnen ist auch Finn Stutzenstein, der neben seinem Studium bereits als Software-Entwickler arbeitet. Aus eigener Erfahrung kann er sagen: Das neue Klausur-Konzept hat in vielen Bereichen der Informatik Vorteile.

"Das bildet den späteren Berufsalltag auf jeden Fall besser ab als eine Klausur, wo man nichts mehr machen darf."

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