Dienstag, 27.10.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteUmwelt und VerbraucherTramm in Mecklenburg hilft sich selbst03.02.2017

Infrastruktur in DörfernTramm in Mecklenburg hilft sich selbst

Tramm zählte zum Ende der DDR 900 Einwohner. Jetzt leben in dem mecklenburgischen Dorf noch knapp 600 Menschen. Der Ort ist typisch für viele dieser Größenordnung: Von der einstigen Infrastruktur ist nicht mehr viel im eigenen Ort zu finden. Doch trostlos ist die Lage in Tramm nicht - es gibt bereits einige Verbesserungen.

Von Silke Hasselmann

(Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
"Wir hatten das Glück, dass an Tramm Glasfaserkabel direkt vorbeiging. Das wurde von der Telekom dann angeschlossen. Seitdem haben wir 16 MB Leitung und können wirklich einigermaßen gut arbeiten", sagt der Bürgermeister von Tramm. (Deutschlandradio / Silke Hasselmann)
Mehr zum Thema

Ost-West-Abwanderung Städte boomen, Dörfer schrumpfen

TV-Aktion "SOS Villages" Rettung für Frankreichs Dörfer?

Bevölkerungsentwicklung Großstädte wachsen, Dörfer schrumpfen

Rechtspopulismus Die Rache der Dörfer

Ärztliche Versorgung in der Provinz Wie man junge Mediziner aufs Land lockt

Hasselmann: "Es ist ein Donnerstagmorgen, 7:30 Uhr. Es schneit. Draußen auf den Trammer Straßen bereits Streufahrzeuge unterwegs, und ich habe mich gerade auf den Weg gemacht zum Trammer Bäcker. Trammer Bäckerei Uwe Bardel - die Schrift ist schon fast verblichen auf dem Schild. Schönen guten Morgen!"

"Guten Morgen!"

Hasselmann: "Ich hätte gern ein halbes Brot, zwei Brötchen. Und die Schweriner Volkszeitung nehme ich auch mit."

In dem kleinem Verkaufsraum bietet mir Silke Radtke weder Kaffee noch Stuhl an; gibt´s hier gar nicht. Dafür aber das Wichtigste: herrlich duftende Brote, Brötchen ohne Luft, köstlichen Kuchen. Die sechs Bäcker und Gesellen hinten in der Backstube versorgen die vier Filialen in größeren Orten. Außerdem fahren zwei Wagen über Land, erzählt Silke Radtke. Denn allein von ihrem Stammdorf Tramm könnte die Bäckerei Bardel nicht mehr leben.:

"Also als wir 1986 anfingen, da hatten wir noch ganz viele Kunden. Die sind jetzt alle weg, und die noch Arbeit haben, bringen sich natürlich von außerhalb was mit. Wir sind hier auch nur noch wegen der Leute, die nicht wegkommen oder morgens, die zur Arbeit fahren. Also der Hauptverkaufstag ist wirklich am Sonnabend, weil da alle Leute zuhause sind. Die kommen von allen Dörfern rundum. Aber von Dienstag bis Freitag ist es wirklich nur noch von halb sieben bis um zehn, und dann ist auch wirklich Feierabend." 

"Früher immer einkaufen gegangen zum Konsum und in HO"

Zu Besuch im übernächsten Nachbarhaus. Christel und Manfred von Walsleben waren Ende der 80er-Jahre nach Studium und Familiengründung ins gemeinsame Heimatdorf zurückgekehrt. Heute ist Manfred von Walsleben sogar Bürgermeister der Gemeinde Tramm:

"Wir sind ja nun wirklich schon als Kinder in die Kinderkrippe gegangen. Sind dann in den Kindergarten gegangen, sind zur Schule gegangen bis zur 8. Klasse. Alles im Ort. Danach ging es dann bis zur 10. Klasse nach Crivitz oder bis zur 12. Klasse an die Erweiterte Oberschule."

Seine Frau sagt:

"Also ich weiß, dass wir früher immer einkaufen gegangen sind zum Konsum und in HO ["Handelsorganisation", die größte DDR-Einzelhandelskette, Anm. d. Red.], das hatten wir beides hier. Es gab auch eine Gaststätte, und früher gab's auch immer noch 'ne Arztstation."

Gibt es alles nicht mehr. Und wie läuft die ärztliche Versorgung? Hausärzte müssen kommen oder die Trammer müssen fahren – nach Crivitz, Parchim oder Schwerin, also sieben bis 30 Kilometer weit. Manfred von Walsleben:

 "Wer kein Auto hat, ketzerisch gesagt, der lebt auf dem Lande asozial. Ansonsten muss man sich arrangieren mit Bekannten, Verwandten hier. Da werden Fahrgemeinschaften gebildet. Das klappt auch. Bloß da muss sich derjenige drum kümmern und umherlaufen im Dorf und fragen, wer fährt um die Zeit mal los, ne".  

Hasselmann: "Fast hätten wir es vergessen: Wie gut ist die Möglichkeit, übers Internet einzukaufen oder sich Informationen zu beschaffen?"

"Wir hatten das Glück, dass an Tramm Glasfaserkabel direkt vorbeiging. Das wurde von der Telekom dann angeschlossen. Seitdem haben wir 16 MB Leitung und können wirklich einigermaßen gut arbeiten, dass zumindest keine Ahnungslosen hier rumsitzen, ne", sagt Manfred von Walsleben.

Was es noch gibt: ein Gemeindehaus mit Jugendclub, einen Elektriker, eine Tierarztpraxis, einen Jagd- und einen Sportverein mit Gymnastik und Line-Dance für Frauen.

Donnerstags schicken die Parchimer Verkehrsbetriebe einen Extra-Bus über die Dörfer

Ab zur Bushaltestelle in der Dorfmitte. Ich will nach Crivitz zur Kosmetik, zur Postannahmestelle und zum allwöchentlichen Markttag. Dienstags und donnerstags schicken die Parchimer Verkehrsbetriebe einen Extra-Bus über die Dörfer - für Einkaufstouren, wird mir gleich Busfahrer Klaus Eckert erzählen. 

Hasselmann: "Guten Tag, einmal Tramm - Crivitz bitte."

Busfahrer: "Ohne Übernachtung, macht 2,30 Euro."

Diese Fahrt habe ich fast für mich allein. Das Wetter, meint Herr Eckert. Und:  

"Die meisten Leute sind ja aufs Auto eingeschossen. Und die jetzt werktätig sind, zur Arbeit fahren und so, die schaffen das wirklich nicht mit dem Bus. Zur Zeit noch nicht. Soll sich aber dahingehend ändern, dass morgens und abends mehr gefahren wird, dass es auch für Werktätige wieder lukrativ wird. War alles schon mal da. Weiß nicht, warum immer erst alles kaputtgemacht wird. Und dann wird 25 Jahre später wieder alles neu erfunden."

Tramm - Crivitz in nicht einmal zehn Minuten und bequem. Auf dem Marktplatz trotzen heute nur drei offene Verkaufswagen Schnee und Kälte. Auch der von der Mecklenburger Landpute GmbH. Während sie mir Eiersalat abpackt, erzählt die Verkäuferin, wie wichtig der Donnerstag für viele Leute aus der ländlichen Gegend ist:

"Auch die Kunden aus Tramm verlegen ihre Arzttermine, ihre Friseurtermine alles auf den Donnerstag, um dann auch den Markt mitzunehmen".

"Alle 14 Tage kommt das Auto von der Mecklenburger Landpute GmbH vorbei"

Und wer das Dorf nicht verlassen kann?

"Ja, alle vierzehn Tage kommt das Auto von der Mecklenburger Landpute vorgefahren. Wir stellen uns darauf ein, wir machen auch Bestellungen. Das klappt gut". 

Halb zwei. Zurück nach Tramm mit dem Bus 131 und vielen Fahrschülern. Wiedersehen mit Klaus Eckert, der meine letzte Versorgungsfrage klärt.

Hasselmann: "Ich habe ja im Internet gesehen: Rufbus seit Mitte Dezember vorigen Jahres hier in der Gegend, habe aber gemerkt, dass, wenn ich dort anrufe und einen Rufbus nach Tramm bestellen will - geht nicht. Warum nicht?"

"Tramm und die ganzen Crivitzer umliegenden Gemeinden sind noch nicht drinne, weil die Erprobungsphase Parchim - Lübz - Plau da hinten ist. Und wenn das ordentlich anläuft, dann wird Mitte, Ende dieses Jahres auch Raum Crivitz mit eingebunden."

Dann käme auch bei Bedarf ein Bus vorbei. Abgehängt sieht anders aus.  

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk