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StartseiteBüchermarktVom Anti-Kapitalisten zum Wendeprofiteur20.10.2017

Ingo Schulze: "Peter Holtz"Vom Anti-Kapitalisten zum Wendeprofiteur

Ein Schelmenroman, verortet in die Wendezeit, ist Ingo Schulzes neues Buch: "Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst". Doch seine Figuren sind ideologisch und moralisch zu eindeutig verortet, wie durchschossen ist der Roman von der Kapitalismuskritik - mehr als es ihm guttut.

Von Julia Schröder

Das neue Werk von Ingo Schulze (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm / S. Fischer Verlag)
Das neue Werk von Ingo Schulze (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm / S. Fischer Verlag)
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Die Aufforderung, einen Schelmenroman zu schreiben, verdanke er seiner Schriftstellerkollegin Irina Liepmann, erklärt Ingo Schulze am Ende seines aktuellen Buchs. Schulze-Lesern mag sich die Frage aufdrängen, ob dieser Autor die Aufforderung tatsächlich nötig gehabt hätte, ist doch seine Prosa – seien es die "Simplen Storys" von 1998 oder der Wende-Wälzer "Neue Leben" von 2007 – seit eh und je bevölkert von unternehmungslustigen Taugenichtsen. Von reinen und nicht so reinen Toren, die ausziehen, in den neuen Zeiten das Gruseln zu lernen, kurz gesagt: von Schelmen, wie sie im Buche der Weltliteratur stehen.

Den Schelmenroman macht bekanntlich nicht nur seine Heldenfigur aus, sondern auch die barocke Form des Erzählens. Der verhilft Ingo Schulze in "Peter Holtz" tatsächlich ganz offensiv zu einem Comeback. Das beginnt schon beim prunkvollen Titel "Peter Holtz – Sein glückliches Leben, erzählt von ihm selbst". Und es geht weiter mit den Kapitelüberschriften, die nach historischem Vorbild das Kommende schnörkelnd anteasern. Sie machen allerdings ebenso schnell deutlich, dass das Thema dieses Simplicissimus ein ganz und gar zeitgenössisches ist:

"Erstes Kapitel. In dem Peter Holtz ohne einen Pfennig in der Tasche eine Gaststätte aufsucht und erklärt, warum er das für richtig hält. Überlegungen zum Stellenwert des Geldes im Sozialismus."

Beim Sujet konzentriert sich der Kapitalismuskritiker Schulze in seinem neuen Buch, so ausufernd es erzählt ist, aufs Wesentliche. In "Peter Holtz" geht es grundsätzlich und immer ums Geld und darum, wie das Geld die Welt regiert. Und nicht nur die Welt, sondern auch das Leben, das Glauben, Hoffen, Lieben jedes Einzelnen.

Wandel vom Anti-Kapitalisten zum Wiedervereinigungsprofiteur

Der Witz des Romans besteht nun darin, dass ausgerechnet Peter Holtz, das DDR-Heimkind mit dem festen Vertrauen in den historischen und moralischen Sieg des Sozialismus, sich vom geborenen Anti-Kapitalisten nach und nach zum Wiedervereinigungsprofiteur mausert. Danach sieht es zunächst nämlich gar nicht aus. Als der Zwölfjährige vom Kinderheim Käthe-Kollwitz in die Welt beziehungsweise die Deutsche Demokratische Republik hinauszieht, um den von ihm verehrten pensionierten Heimdirektor wiederzufinden, bastelt er unwiderstehliche Argumente aus der Überzeugung, im Arbeiter- und Bauernstaat gehöre ja ohnehin alles allen:

""Geld ist doch nicht wichtig!", sage ich und füge gleich darauf hinzu: "Solange ich ein Kind bin, muss unsere Gesellschaft für mich sorgen, egal ob im Kinderheim oder auf einer Reise an die Ostsee." Wiederholt biete ich der Kellnerin an, die von mir verzehrte Portion Eisbein mit Kartoffeln, Sauerkraut und Senf sowie das Glas Fassbrause abzuarbeiten, sie brauche mir nur eine Aufgabe zuzuweisen. "Warum soll mir unsere Gesellschaft das Geld erst aushändigen", frage ich, "wenn dieses Geld doch über kurz oder lang sowieso wieder bei ihr landet?""

Ja, warum eigentlich? Vielleicht, weil man anderenfalls auf die schiefe Bahn geraten, verhungern oder erfrieren würde, so könnten die Antworten auf diese Frage lauten. Aber stattdessen wird der kleine Kommunisten-Candide mit der gewählten Ausdrucksweise von einem ebenso liebevollen wie gutgestellten Ehepaar adoptiert. Seine neuen Eltern allerdings bringt der junge Peter Holtz ebenso in Schwierigkeiten mit der Staatsgewalt wie einen Schulkameraden, weil er sich willig von der Stasi anheuern lässt und alles ausplaudert, was Alarm in seinem gläubigen Gemüt auslöst. Seine IM-Tätigkeit plaudert er jedoch ebenfalls wieder aus. Was das auf ihn angesetzte Horch-und-Guck-Duo beim ersten konspirativen Treffen schlagartig an dem unkonspirativen Mitarbeiter verzweifeln lässt. Eine der lustigsten Szenen in diesem immer wieder sehr komischen Buch.

Erstaunlicherweise wird unserem Helden seine kurze Spitzel-Karriere von Freunden und Familie kaum nachgetragen. Ebenso wenig wie das, was darauf folgt: Peter Holtz wird überraschend zum Christentum bekehrt, renoviert unentgeltlich marode Wohnhäuser, lässt sich von der Blockpartei CDU anwerben, mischt beim Mauerfall mit und sorgt indirekt dafür, dass die Partei mit Unterstützung der West-CDU die erste freie Volkskammerwahl gewinnt.

Auch der christliche Glaube geht verloren

Anschließend aber verliert er seinen christlichen Glauben zugunsten des Glaubens an die freie Marktwirtschaft, investiert sorglos und menschenfreundlich in Immobilien und in die rauchenden Trümmer der sozialistischen Planwirtschaft – und wird bei all dem auf märchenhafte Weise reicher und immer reicher. Damit taugt er zum Inbegriff der neuen Zeit. Wie es in der DDR-Ära einst geheißen hatte "Ohne die Sowjetunion ist alles nichts", heißt es nun in der wiedervereinigten BRD: "Ohne Eigentum ist alles nichts".

Die Wendungen der Handlung wie der Zeitgeschichte bieten viel Gelegenheit zu genüsslich ausgepinselten Auftritten erstrebenswerter Frauen und mehr oder weniger verkleideter Wiedergänger realer Personen. So erlebt Lothar de Maizière hier als Joachim Lefèvre seinen politischen Auf- und Abstieg, im Kammersänger Otto Jäger schimmert viel DDR-Kulturprominenz durch, während, wer will, im korrupten Kunstmäzen und Immobilienmogul Alexander Wolkow und dessen durchgeknalltem Sohn Pendants westlicher Ost-Spekulanten wiedererkennen mag.

Derweil fliegt Peter im Glück alles nur so zu: die Herzen, die Ideen, vor allem aber das Geld. Selbst, als ihm aufgeht, dass Geld allein nicht nur nicht glücklich macht, sondern Geld darüber hinaus auch der Ursprung allen Übels sein könnte, entpuppt sich jedes seiner Investments als lohnend, zumindest für ihn. Schließlich versucht Peter Holtz, der Großkapitalist wider Willen, mit den Mitteln der Kunst die Herrschaft des Geldes zu brechen. Doch sogar dann regnet es wie die Sternentaler noch grausig unablässig auf ihn herab:

"Wir wissen doch überhaupt nicht, was die Banken mit diesem Geld machen! Wir protestieren gegen die Abholzung des Regenwaldes, aber unsere Zinsen kommen aus den Sojabohnen. Ich habe vor drei Jahren mal zehn Millionen in eine Firma investiert, weil ich herausfinden wollte, wie das mit den Aktien funktioniert. Schließlich darf ja jeder Aktien kaufen. Kaum hatte ich gekauft, haben die mehr als 500 Arbeiter rausgeschmissen. Aus Protest habe ich alle wieder verkauft. Allerdings war der Preis auf beinah zwölf Millionen gestiegen."

Rollen sind zu eindeutig verteilt

Ingo Schulze hat sich als Verfasser literarischer Prosa seit einer Weile etwas rar gemacht. Neun Jahre liegen zwischen diesem Roman und seinem Vorgänger "Adam und Evelyn". In dieser Zeit hat sich Schulze in Aufsätzen und Reden mit dem Räderwerk des Kapitalismus beschäftigt. Das hat seine Spuren in diesem Buch hinterlassen – leider mehr, als dem Roman guttut.

Schulzes große Kunst der Schilderung doppelbödiger Szenen wirkt wie durchschossen von Theoriediskussionen mit verteilten Rollen. Komik und Tragik, die sich rund um den liebenswert naiven, zerstörerisch liebesbedürftigen Helden entspinnen, kommen selbst bei einem so klugen Autor wie diesem gegen den Ausdruck eines gefestigten kapitalismuskritischen Standpunkts kaum an.

Der Schelmenroman ist das Genre anarchische, unausrechenbarer Welterfahrung. So verstanden, könnte diese Gattung vielleicht auch den verbreiteten Glauben an die globale Geldherrschaft in die Luft sprengen oder zumindest ankratzen.

Doch Ingo Schulzes Figuren sind ideologisch und moralisch zu eindeutig verortet. Und das kapitalismuskritische Wissen des Autors macht sich einfach zu breit. Wie Peter Holtz sein glückliches Leben selbst erzählt, ist auch ein Zeugnis gut gemeinten Misslingens.

Ingo Schulze: "Peter Holtz – Sein glückliches Leben, erzählt von ihm selbst"
S. Fischer Verlag, 576 Seiten, Preis: 22 Euro

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