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StartseiteKultur heute"Es wird ja noch viel gefoltert"01.03.2017

Inhaftierte Autoren in der Türkei"Es wird ja noch viel gefoltert"

Es sei wichtig, inhaftierte türkische Autoren im Gefängnis zu besuchen und gegen ihre Festnahme zu protestieren, sagte der Schriftsteller Peter Schneider im DLF. Nichts sei schlimmer, als wenn sie das Gefühl hätten, keiner kümmere sich um sie. Zudem würde der Protest erreichen, dass diejenigen, deren Namen prominent genug seien, gegen Folter geschützt seien.

Peter Schneider im Gespräch mit Mascha Drost

Peter Schneider im Funkhaus (Deutschlandradio / Oranus Mahmoodi)
Der Schriftsteller Peter Schneider (Deutschlandradio / Oranus Mahmoodi)
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Mascha Drost: Fast zwei Wochen Polizeigewahrsam, seit zwei Tagen Untersuchungshaft – der Fall des Journalisten Deniz Yücel ist ein Politikum, weil es sich um einen deutschen Staatsbürger handelt. Aber ein Einzelfall ist es mitnichten. Platz 151 von 180 belegt die Türkei in der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen, über 150 Journalisten und Schriftsteller sitzen im Gefängnis, man spricht vom größten Gefängnis für Autoren weltweit.

Gestern erschien in vielen überregionalen Zeitungen eine ganzseitige Anzeige, in der die sofortige Freilassung gefordert wurde. Über 300 Kulturschaffende haben sie unterschrieben und auch das deutsche PEN-Zentrum hat mit einem Aufruf reagiert. Zuvor schon waren Delegierte des PEN-Zentrums in die Türkei gereist, um sich ein Bild von der Situation türkischer Journalisten und Schriftsteller zu machen. Einer von ihnen war der Autor Peter Schneider.

Sie haben vor wenigen Wochen Istanbul besucht, mit Journalisten und Schriftstellern gesprochen. Kann man in der Türkei schriftstellerisch oder journalistisch tätig sein, ohne die Schere der Selbstzensur im Kopf?

Peter Schneider: Das ist von Fall zu Fall sehr verschieden, habe ich gefunden. Ich habe Leute gesprochen, die mir ausdrücklich gesagt haben, sie möchten nicht beim Namen genannt werden, und andere Leute, die völlig mit erstaunlicher Courage und ohne jede Zensur gesprochen haben, so scharf, dass ich dann oft fragte im Interview, darf ich das so veröffentlichen. Ich hatte den Engin zum Beispiel zu "Cumhuriyet" interviewt und der ist so einer von diesen ganz unentwegten, die sich nicht einschüchtern lassen. Auch die Präsidentin des türkischen PEN ist so eine. Aber das sind natürlich auch Leute, die bekannt sind und die man nicht so leicht einfach aus dem Weg räumen kann.

"Es gibt praktisch außer der Zeitung "Cumhuriyet" keine freie Presse mehr"

Drost: Es wird noch kritisch berichtet? Die Journalisten trauen sich, offen Stellung zu beziehen gegen Erdogan?

Schneider: Ja. Aber das erreicht ja nur uns. Das erreicht nicht die türken. Es gibt praktisch außer der Zeitung "Cumhuriyet" keine freie Presse mehr in der Türkei, und das gilt zu 100 Prozent eigentlich für die Fernsehanstalten. Das ist alles bereits gleichgeschaltet.

Drost: Was bedeutet das für die Meinungsbildung in der Türkei, wenn, wie Sie gesagt haben, alles nur noch gleichgeschaltet ist, wenn nur noch regierungstreu berichtet werden kann?

Schneider: Ja das ist katastrophal. Das ist dann so wie in Russland. Das heißt, die meisten, die sich nicht speziell dafür interessieren oder andere Quellen haben, plappern dann das nach, was sie aus diesen gleichgeschalteten Medien erfahren, und ich habe nicht den Eindruck, dass die ganze Stadt Istanbul gegen Erdogan ist. Keineswegs! Sobald Sie dann mal mit einem Taxifahrer sprechen und so weiter, merken Sie: Die sind völlig von Erdogan überzeugt.

Drost: Was sind denn die Erwartungen, was sind die Wünsche türkischer Autoren an Kollegen im Ausland, Kollegen wie Sie, aber auch an ausländische Regierungen?

"Es wird ja noch viel gefoltert"

Schneider: Na ja, genau das zu machen, was im Augenblick geschieht. Ich wurde auch, als ich da als Mitglied des International PEN die Autoren besuchte (und wir haben ja viele dort getroffen, zum Beispiel die Asli Erdogan, die jetzt vorläufig freigekommen ist, aber eben nur vorläufig), die haben sehr offen gesprochen und die haben uns auch versichert, auch wenn wir keinen von ihnen auf diese Weise heraushauen können aus dem Gefängnis, ist es trotzdem sehr wichtig. Weil zum Beispiel nichts ist ja schlimmer für die, die im Gefängnis schmoren, als wenn sie das Gefühl haben, es kümmert sich keiner um sie, keiner weiß es, keiner hilft ihnen. Das ist schon einmal ein Erfolg, wenn sie erfahren, da waren Leute sogar an den Gefängnistoren - und das hatten wir ja versucht, die dort zu besuchen – und haben Protest angemeldet. Und der Protest erreicht immerhin eines, dass diejenigen Namen, die prominent genug sind, dass sie nicht mehr einfach in einem Zahlenmeer von Verhafteten verschwinden, dass die geschützt sind gegen Folter. Es wird ja noch viel gefoltert. Zum Beispiel Asli Erdogan oder Aydin Engin von "Cumhuriyet", den ich gesprochen habe, die sind nicht gefoltert worden.

Drost: Was ich mich gefragt habe ist, ob Appelle wie gestern die großformatige Zeitungsanzeige, in der viele Journalisten und Künstler die Freilassung von Deniz Yücel gefordert haben, ob solche Appelle helfen, oder vielleicht könnten sie ja auch schaden, indem die türkische Regierung sagt, jetzt erst recht.

Schneider: Nein, auf diese Logik darf man sich überhaupt nicht einlassen. Das würde ja zu einem vollkommenen Verstummen auch bei uns führen. Das ist ja genau das, was die Herren da erreichen wollen.

Drost: Ich dachte, vielleicht könnte man ungehinderter dann die diplomatischen Kanäle bespielen.

Schneider: Nein, auf die können wir schon lange nicht mehr vertrauen. Die sind ja die ganze Zeit betätigt worden. Und man muss auch anerkennend sagen: Ich hatte ja in meinem "FAZ"-Artikel den Wunsch aller türkischen Autoren, mit denen wir gesprochen haben, ausgerichtet an Frau Merkel - das war ja wenige Tage, bevor Frau Merkel dann Ankara besucht hat -, sie möchte auf jeden Fall und unbedingt laut und deutlich die Menschenrechte einklagen und vor allen Dingen die Meinungsfreiheit einklagen. Und das hat sie auch getan. Aber wie Sie sehen ist nichts daraus gefolgt in dem Sinne, dass da jemand freigelassen worden wäre.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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