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StartseiteInterview"Der Ossi, der Osten, es wird gar nicht mehr differenziert"09.06.2021

Initiative "Wir sind der Osten""Der Ossi, der Osten, es wird gar nicht mehr differenziert"

Für die Aussage, ein Teil der Ostdeutschen sei für die Demokratie verloren, hat der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz viel Kritik geerntet. Dabei differenziere Wanderwitz hier, sagte Christian Bollert von der Initiative "Wir sind der Osten" im Dlf. Insgesamt werde aber immer noch zu pauschal auf Ostdeutschland geschaut.

Christian Bollert im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Halle gegen Rechts, Bündnis für Zivilcourage, mit Protesten gegen diesen Aufmarsch Anhänger der Gegendemonstration, unter ihnen auch Anhänger der Autonomen Szene (Archivaufnahme 2019) (imago/ Holger John (Viadata))
Junge Menschen in Halle/Saale auf einer Demonstration gegen Rechts (imago/ Holger John (Viadata))
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Marco Wanderwitz, der Ostbeauftragte der Bundesregierung, bleibt bei seiner Einschätzung, die ihm schon kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt viel Kritik eingebracht hat: Der Osten Deutschlands sei nicht demokratisch genug. "Die Problemgenerationen sind aktuell die Mittelgenerationen. Diejenigen, die stabil demokratisch wählen, sind die Älteren und die Erstwähler", sagte Wanderwitz in einer von der Berliner Beauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur initiierten Online-Debatte über die Transformation in Ostdeutschland in den vergangenen 30 Jahren.

Die AfD hatte Wanderwitz zuvor für seine Aussagen als "Ostbeleidigungsbeauftragten" bezeichnet, auch aus der CDU gab es kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt scharfe Kritik. 

Berlin: Marco Wanderwitz (CDU), Ostbeauftragter der Bundesregierung, zeigt bei der Vorstellung den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2020. (Christophe Gateau/dpa) (Christophe Gateau/dpa) Debatte um und mit dem Ostbeauftragten Marco WanderwitzWer die AfD wähle, wähle nicht Protest, sondern bewusst rechtsradikal, sagt der Ostbeauftragte Wanderwitz (CDU) bei einer Diskussionsrunde zu 30 Jahren Transformation in Ostdeutschland. Und die Mehrheit der AfD-Wähler, seien diejenigen, die er zuvor in einem Interview als "diktaturgeprägt" bezeichnet hatte.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war die AfD mit rund 21 Prozent zur zweitstärksten Partei gewählt geworden. Viele Jüngere unter 30 allerdings wählten auch überdurchschnittlich oft die AfD. Indirekt seien aber auch diese "diktaturgeprägt", sagt Wanderwitz, denn sie wiederum seien von den Erzählungen ihrer Eltern geprägt.

Bollert: "Falsche Verzerrung" beim Blick auf "den Ossi"

"Unter den Wählern gibt es natürlich auch einen großen Anteil von Leuten, die wirklich ein rechtsextremistisches Weltbild haben, mit denen es sehr, sehr schwer ist, in einen Dialog zu treten", meint auch Journalist Christian Bollert. Nicht jede AfD-Wählerin oder jeder AfD-Wähler habe jedoch ein "hermetisch rechtsextremes Weltbild". Aber auch Wanderwitz differenziere hier. Mit diesen Menschen müsse man dann auch versuchen, ins Gespräch zu kommen.

Oft werde mit Blick auf die ostdeutschen Bundesländer nicht differenziert, meint Bollert. Beim Blick auf "den Ossi" gebe es eine "falsche Verzerrung". Der Großteil der Ostdeutschen stehe, anders als oft dargestellt würde, "fest auf dem Boden des Grundgesetzes". "Wir brauchen eine Aufmerksamkeit für Menschen, die sich in Ostdeutschland gegen alle Widerstände engagieren".

Initiative "Wir sind der Osten"

"Menschen aus Ostdeutschland ein Gesicht geben", genau das will Bollert mit der vor rund zwei Jahren gegründeten Initiative "Wir sind der Osten", deren Mit-Initiator er ist. Denn noch immer würden viele Menschen sehr pauschal auf Ostdeutschland schauen. "Warum gelingt es nicht komplexe Zusammenhänge zu zeigen", fragt sich der in Potsdam geborene Journalist.

Screenshot von der Homepage "Wir sind der Osten". Vielfältigigkeit in Porträts und Aussagen geben auch visuell den Anspruch der Kampagne wieder. (wirsindderosten.de) (wirsindderosten.de)Initiative "Wir sind der Osten" - "Den Ossi" gibt es nicht
2019 ging die Initiative "Wir sind der Osten" an die Öffentlichkeit. Initiiert von Melanie Stein und Christian Bollert, werben mehr als 200 Menschen auf einer Website mit ihren Biografien für ein vielfältiges Bild von ostdeutschen Bundesländern. 

Bei vielen Westdeutschen vermisst Bollert ein Verständnis für ostdeutsche Biografien. "Ein Zentraler Punkt ist der Bruch 1989/90, der durch alle Familien ging". Fast alle Eltern seien auf einen Schlag arbeitslos gewesen, so Bolelrt, der beim Mauerfall sieben Jahre alt war. "Das ist vielen Menschen noch nicht bewusst genug, was da passiert ist."

  (dpa/Bernd Von Jutrczenka) (dpa/Bernd Von Jutrczenka)Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt
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Das Interview im Wortlaut:

Stefan Heinlein: "Wir sind der Osten" – wer und was steckt denn hinter dieser Initiative?

Christian Bollert: Die Initiative ist jetzt mittlerweile fast zwei Jahre alt. Ursprünglich ist sie tatsächlich mal gegründet worden von Melanie Stein, einer Journalistin, die mittlerweile in Hamburg lebt und arbeitet und ursprünglich aus Mecklenburg kommt. Es gab einen Moment damals, muss man mittlerweile sagen, 2019 nach der Europawahl, wo wir das Gefühl hatten, oh, es ist auf einmal "der Ossi", "der Osten", es wird gar nicht mehr differenziert, was ist denn da los. Man schaut irgendwie – es gab da so einen "Spiegel"-Titel zum Beispiel – sehr, sehr pauschal drauf und man sagt doch auch nicht irgendwie "der Westen" oder so.

Was ist da los? Wieso gibt es so einseitige Erklärungsmuster und wieso gelingt es nicht, die komplexen Zusammenhänge darzustellen und vielleicht auch zu zeigen, dass es natürlich nicht "den Ossi" gibt, weil jemand, der in Greifswald wohnt, unterscheidet sich doch sehr, sehr stark von jemandem, der vielleicht in Greiz wohnt oder in Zeitz oder sonst irgendwo.

Ein Mann zeichnet sich auf dem Messegelände in einer Messehalle vor einem Übertragungswagen des ZDF als Silhouette ab (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert) (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert)Sachsen-Anhalt-Wahl und die Lehren für Medien 
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Da war das Gefühl da, wir müssen Menschen, die im Osten leben und in den ostdeutschen Bundesländern leben, ein Gesicht geben, die Sichtbarkeit erhöhen, um das zu tun, was gestern in dieser Debatte auch gefordert wurde von [der Sozialwissenschaftlerin; Anm. d. Red.] Jana Faus, nämlich ostdeutsche Role Models zu zeigen, Menschen zu zeigen, die sich engagieren. Denn der absolute Großteil der Ostdeutschen hat ja die Transformationsprozesse nach der Wiedervereinigung sehr, sehr erfolgreich geschafft.

70, 75 Prozent stehen fest auf dem Boden des Grundgesetzes, engagieren sich, tun Dinge vor Ort, und diese Leute in den Mittelpunkt zu stellen und da nicht eine falsche Aufmerksamkeitsverzerrung zu haben, das ist ein bisschen das Ziel von "Wir sind der Osten". Wir zeigen sehr, sehr viele Menschen in Ostdeutschland, die Dinge tun, die positiv, progressiv und demokratisch sind.

Bollert: Müssen noch mal intensiver über die Wendezeit reden

Heinlein: Warum braucht es das noch, über drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung? Fehlt es auf beiden Seiten, im Osten und im Westen gleichermaßen immer noch an gegenseitiger Empathie, an Verständnis für die unterschiedlichen Biographien der Menschen in Ost und West?

Bollert: Ich fürchte, ja! Ich glaube, wir müssen tatsächlich – das war gestern ja auch ein Fazit dieser Veranstaltung – doch noch mal intensiver darüber reden, was da so passiert ist Ende der 80er, Anfang der 90er. Denn in dieser Zeit, gerade in den 90er-Jahren, wo wir natürlich viel Wissen über Treuhand, über verstaatlichte Unternehmen, die dann irgendwie privatisiert wurden, über Arbeitslosigkeit, über den Wandel bis hin zu da hat sich ja alles verändert für die Leute, die in den ostdeutschen Ländern gelebt haben. Viele Brüche sind da überhaupt erst entstanden.

In der Zeit haben viele Menschen funktioniert und ihr neues Leben erst mal sortiert und jetzt ist wahrscheinlich tatsächlich so ein Punkt, wo man mal reflektieren müsste, und ich glaube, es ist ein bisschen gefährlich zu sagen, das haben wir doch alles schon mal diskutiert Mitte der 90er, Ende der 90er. Offensichtlich gibt es jetzt einen großen Gesprächsbedarf und ich bin ehrlicherweise fast entsetzt, dass wir jetzt nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt noch mal die gleiche Debatte führen wie vor zwei Jahren nach der Europawahl.

Da ist es schon wieder "der Osten", egal wo man hinguckt, in welche Wahlberichterstattung. Das ist doch schwierig und offensichtlich gibt es noch nicht genug Verständnis dafür, dass es Unterschiede gibt, auch in Sachsen-Anhalt. Die Altmark ist nicht das gleiche wie das Mansfelder Land oder so.

Eine Illustration zeigt vier verschiedenfarbige Figuren, die einen Pfeil tragen. (imago images / fStop Images / Malte Mueller) (imago images / fStop Images / Malte Mueller)Kommentar: Ein Leben ohne DDR und trotzdem "Ossi" 
Ich bin wenige Tage vor dem Mauerfall in Ostberlin geboren, ähnlich wie viele meiner Freunde, schreibt Josephine Schulz. Wir haben die DDR nicht erlebt, werden trotzdem bis heute als "Ossis" gesehen. Wann endet das?

Heinlein: Herr Bollert, vielleicht können wir es ein wenig persönlicher machen. Sie sind ja selber ein Kind des Ostens, 1982 in Potsdam geboren. Sie waren noch ein Kind, als die Mauer fiel. An welchen Stellen merken Sie und Ihre Altersgenossen heute noch, dass Sie unter anderen Umständen aufgewachsen sind als die gleichaltrige Generation im Westen?

Bollert: Ich glaube, ein zentraler Punkt ist tatsächlich dieser Bruch, der 1989, '90 durch alle Familien ging. Wenn Sie mich ganz persönlich fragen: Ich kann mich zum Beispiel noch erinnern, wie im Prinzip alle Eltern meiner Freunde inklusive meiner Eltern von einem Tag zum anderen quasi arbeitslos waren und einen neuen Job gebraucht haben.

Ich habe später als Journalist mal eine Serie gemacht über Kinder, die am 9. November 1989 geboren worden sind, und da haben die Eltern aus Dortmund und auch aus Frankfurt mir erzählt, die Wiedervereinigung war schön, war ein Fernsehereignis, haben wir eine Flasche Sekt aufgemacht. Am nächsten Tag sind wir wieder zur Arbeit gegangen. – Das ist natürlich was anderes, als wenn jemand dann gar keinen Job mehr hat und vielleicht noch sogar aus seinem Haus rausfliegt.

Ich bin in der Nähe von Berlin, damals Westberlin aufgewachsen. Da gab es sehr, sehr viele Ansprüche auf Häuser, diverse Kämpfe, auch juristische. Da sind Leute teilweise über Nacht aus ihren Häusern rausgeflogen, weil jemand sagte, das hat mir mal gehört. Da gab es riesige Konflikte und das hat man, glaube ich, tatsächlich in der Form in München, Hamburg oder auch in Dortmund logischerweise nicht gespürt. Ich glaube, das ist vielen Menschen offensichtlich noch nicht bewusst genug, was da alles passiert ist, und vielleicht müssen wir darüber reden.

"Kulturelle Übertragungen von Eltern auf Kinder"

Heinlein: Herr Bollert, vor diesem Hintergrund, den Sie gerade schildern, sind manche gesellschaftlich-politischen Debatten auch bei uns in den Medien, Klimaschutz oder die Gender-Debatte, völlig losgelöst von den eigentlichen Problemen, von den Sorgen und Nöten vieler Menschen im Osten? Das sind Lebenswelten, die nur selten etwas gemeinsam haben?

Bollert: Das glaube ich gar nicht. Wie immer im Leben ist es ja komplex. Aber ich glaube, es fallen ein paar Punkte hinten runter. Das ist gestern in dieser Debatte auch noch mal deutlich geworden. Wir brauchen, glaube ich, eine Aufmerksamkeit für Leute, die zum Beispiel in Ostdeutschland gegen alle Widerstände sich engagieren, die dort Dinge tun.

Es ist einfach so, das muss man ganz klar sagen, dass in vielen ostdeutschen Ländern und Regionen dieser berühmte vorpolitische Raum, Vereine, Kirchen, Gewerkschaften, Stiftungen und was es da alles gibt, deutlich schwächer noch ausgeprägt ist und dass es tatsächlich in den letzten Jahren der DDR fast schon widerständisch war, nicht zur Wahl zu gehen. Aber es war natürlich ein ganz anderer Widerstand als heute, nicht zur Wahl zu gehen.

Mit solchen kulturellen Übertragungen von Eltern auf Kinder und auch dieser Aspekt, den Jana Faus genannt hat, dass positive Erzählungen häufig nicht so stark in den Familien weitergetragen wurden, während negative Erzählungen und Erfahrungen dann viel, viel häufiger an Kinder und die nächste Generation weitergegeben werden, das ist schon wichtig und das ist definitiv eine Frage, mit der wir uns auseinandersetzen müssen, weil gerade junge Leute zum Beispiel jetzt die AfD beispielsweise gewählt haben, und da muss man sich schon fragen, wie kann das eigentlich sein, dass das 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch passiert.

Eine Mund-Nasen-Bedeckung mit dem Logo der AfD hängt am Rande einer Wahlkampfveranstaltung am Rückspiegel eines Trabants. (picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert) (picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert)Warum so viele junge Menschen die AfD gewählt haben
Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist beendet, die AfD zweitstärkste Partei. Gerade bei den jüngeren Wählerinnen und Wählern konnte die AfD deutlich punkten. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Heinlein: Haben Sie eine Antwort, warum so viele Menschen im Osten, jeder vierte, jeder fünfte Wähler tatsächlich sein Kreuz bei der AfD macht, bei dieser rechten, bei dieser völkisch-nationalen Partei?

Bollert: Ich habe leider natürlich auch keine fertige Antwort. Ich glaube, die suchen natürlich viele und die gibt es wahrscheinlich in der Form nicht. Ich fürchte auch da, es gibt sehr, sehr viele Gründe, die dazu führen. Ein paar haben wir auch schon angesprochen.

Die 90er-Jahre, die Erfahrungen, die die Eltern teilweise oder auch die Großeltern gemacht haben, die dann weitergetragen wurden. Sicher spielt aber auch so was eine Rolle wie Stadt-Land. Auch das ist ein Aspekt, der gerade in Ostdeutschland vielleicht wie ein Brennglas ist. Natürlich gibt es Konflikte irgendwo auf dem Land in Brandenburg. Das darf ich, glaube ich, als Brandenburger sagen. Oder auch in der Altmark oder so, dass die Leute das Gefühl haben, die in Magdeburg oder die in Potsdam oder erst recht die in Berlin, die nehmen uns nicht mehr so richtig ernst. Die machen hier die Schule zu, wir haben kein schnelles Internet und so.

Reiner Haseloff (CDU), Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, spricht auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Sitzung des CDU-Bundesvorstandes. Die Spitzengremien hatten über die Ergebnisse nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt beraten. (picture alliance/dpa/Michael Kappeler) (picture alliance/dpa/Michael Kappeler)Kommentar: Unterschiedliche Lebenswelten in Stadt und Land 
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Das sind natürlich Themen, die gibt es auch in Schleswig-Holstein oder in Rheinland-Pfalz, aber die kommen zusammen mit den Aspekten, die wir schon besprochen haben, und das führt bei vielen Leuten offensichtlich dazu, dass sie dann ganz resignieren und sagen, okay, dann kann ich eigentlich "denen da oben" – und das ist ja auch so ein Gefühl, was es natürlich oft gibt – nicht mehr vertrauen. Also ist es eigentlich auch Wurscht, wenn wir irgendwas wählen.

"Großer Anteil von Leuten, die ein rechtsextremistisches Weltbild haben"

Heinlein: Und, Herr Bollert, sind diese Menschen, ist dieser Menschenschlag, den Sie gerade beschrieben haben, die ihr Kreuz bei der AfD machen, jeder vierte, jeder fünfte Wähler, um die 20 Prozent, tatsächlich für die Demokratie verloren? Das ist ja diese These von Marco Wanderwitz, dass diese Menschen gefestigte nichtdemokratische Ansichten haben.

Bollert: Nein, auf keinen Fall, und da muss ich auch Marco Wanderwitz in Schutz nehmen, ohne dass das jetzt hier meine Aufgabe wäre. Aber er differenziert da ja auch sehr. Auch gestern in der Diskussion sagte er, natürlich sind die nicht alle verloren. Er bricht das ein bisschen runter und sagt, die, die mit dem Aluhut durch die Gegend laufen und sagen, Bill Gates will uns alle chippen und wir sind von Reptiluiden gesteuert, da ist es schwer, mit denen noch zu diskutieren, oder die, die an der B96 mit der Reichskriegsflagge stehen. Das muss man ganz klar sagen.

Unter den Wählern gibt es natürlich auch einen großen Anteil von Leuten, die wirklich ein rechtsextremistisches Weltbild haben, mit denen es sehr, sehr schwer ist, in einen Dialog zu treten. Er sagt ja gar nicht, dass das nicht gemacht werden soll. Er sagt nur, es ist wahrscheinlich sehr, sehr schwierig bis unmöglich, die zu überzeugen.

Ich glaube auch überhaupt nicht, dass jede AfD-Wählerin oder jeder AfD-Wähler ein hermetisch rechtsextremes Weltbild hat. Ganz im Gegenteil! Aber ja, es ist schwierig. Man muss, glaube ich, tatsächlich in den Dialog gehen mit den Menschen. Man muss irgendwie versuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihnen ganz konkret vor Ort auch wahrscheinlich klarzumachen, ganz so einfach ist es nicht, denn guck mal, ein Ort weiter, da engagiert sich die Bürgermeisterin XY und die schafft was. Die engagiert sich und dann passiert auch was in Deiner Region.

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