Mittwoch, 11.12.2019
 
Seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag
StartseiteCampus & KarriereInklusion in den Köpfen verankern25.09.2013

Inklusion in den Köpfen verankern

Fachgruppentagung Pädagogische Psychologie in Hildesheim

Inklusion wird mehr und mehr zum Schulalltag. Deshalb hat die Deutsche Gesellschaft für Psychologie an der Universität Hildesheim 400 pädagogische Psychologen auf ihre Fachgruppentagung eingeladen. Das Thema: "Gemeinsam verschieden - Vielfalt in der Schule".

Von Carmen Woisczyk

Pflastermalerei zum Thema Inklusion (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)
Pflastermalerei zum Thema Inklusion (dpa / picture alliance / Fredrik Von Erichsen)

Wenn es um Heterogenität in der Schule geht, dann geht es im Grunde genommen um Inklusion. Diese kann nur gelingen, wenn Verzögerungen in der Entwicklung von Kindern bereits im Vorschulalter erkannt werden und Eltern, Kindergarten, Gesundheitsamt sowie die Grundschule an einen runden Tisch zusammenkommen, um über gezielte Förderung zu entscheiden. Eine aktuelle Studie hat ergeben, dass dieser Austausch sich positiv auswirkt. Prof. Dr. Marcus Hasselhorn, geschäftsführender Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main.

"Stellen Sie sich vor, Sie tun das nicht, dann wäre damit zu rechnen, dass etwa jedes dritte Kind in einer Klasse mit erheblichen Gefährdungen der Teilhabe an erfolgreichen Bildungsverläufen in den Klassen sich befindet. Und dann wird die normale Grundschullehrkraft kaum eine Chance haben, durch persönlichen Einsatz es zu schaffen, diesen Kindern jeweils das für sie erforderliche Zusatzangebot zu schaffen und bereitzustellen."

Wie es in der Praxis funktionieren kann, zeigt der renommierte Forscher mit dem Modellprojekt "Schulreifes Kind" aus Baden-Württemberg. Dabei legen Erzieher schon eineinhalb Jahre statt erst ein halbes Jahr vor der Einschulung fest, ob Förderbedarf bei einem Kind besteht: zum Beispiel ob das Kind Sprachförderung, Schulung der Feinmotorik oder Übungen zur Förderung der Konzentrationsfähigkeit braucht. Das Ergebnis ist positiv, sagt Hasselhorn.

"Natürlich können Sie in so einem Konzept, wenn Sie Kinder mit besonderen Risiken untersuchen, nicht erwarten, dass die nachher völlig unauffällig durch die Schule gehen, im Vergleich zu Kindern, die von Anfang an keine Auffälligkeiten hatten, aber immerhin hatten bis zur Mitte der Grundschule noch mehr als die Hälfte dieser dort geförderten Risikokinder, die Bildungsstandards im Lesen, Schreiben, Rechnen anstandslos erfüllt."

Auf der Tagung wurde betont, dass auch die Ausbildung der Lehrer stärker in den Blick genommen werden muss, sagt Prof. Claudia Mähler von der Universität Hildesheim.

"Ich denke, es gibt eine Reihe von Kenntnissen, die im Lehramtsstudium implementiert sein müssten, und dazu gehört auch die Diagnose und Intervention bei Verhaltensschwierigkeiten. Wie man umgeht mit einzelnen Kindern in der Gruppe, wie man mit Belohnung und Verstärkung arbeitet, wie man motiviert, das müssen Lehrer lernen."

Ebenso müsse über neue Unterrichtskonzepte nachgedacht werden: Statt einfach nur Wissen abzufragen, sollten Lehrer viel mehr hinterfragen, wie das Kind lernt. Auch wenn diese Idee nicht neu ist, muss sie doch endlich in den Köpfen ankommen, sagt Prof. Dr. Oliver Dickhäuser von der Universität Mannheim.

"Wenn ein Lehrer zum Beispiel eine Vermutung darüber hat, ein Schüler hat etwas Bestimmtes noch nicht verstanden, dann wäre es doch sinnvoll, dass wenn genau dieses gerade auftritt, dass die Lehrkraft diesen Schüler, in dem Moment mal laut verbalisieren lässt, wie sie vorgeht, um das Problem zu lösen. Nicht um den Schüler zu blamieren und deutlich werden lassen, dass er das nicht verstanden hat, sondern um genaueres Verständnis davon zu bekommen, an welcher Stelle hakt es eigentlich bei dem."

Eine der größten Herausforderungen, das wird auch auf der Tagung in Hildesheim deutlich, ist immer noch die Barriere im Kopf. Prof. Dr. Werner Greve von der Universität Hildesheim belegt das mit einer aktuellen Studie: Er hat Grundschullehrer nach ihrer Meinung zur Inklusion befragt.

"Je mehr Erfahrungen sie haben, desto positiver sind sie dem Unternehmen gegenüber eingestellt, je weniger sie Erfahrungen mit Inklusion und inklusivem Unterricht haben, desto skeptischer sind sie. Insofern kann man hoffen, dass es tatsächlich damit zusammenhängt, dass je mehr man Inklusion realisiert, desto positiver wird es von Lehrkräften begleitet."

Ein Grund für die Vorurteile vieler Lehrer zur Inklusion ist die Sorge, dass sie den Anforderungen nicht gewachsen sind, sagt Greve.

"Der wichtigste Tipp, den ich im Moment habe, ist: nur Mut!"

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk