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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageEin Schritt vor, zwei Schritte zurück18.09.2020

Inklusive Kunst in Zeiten von CoronaEin Schritt vor, zwei Schritte zurück

Jana Zöll ist Schauspielerin und Tänzerin. Sie hat die Glasknochenkrankheit und eine sehr kleine Lunge. Eine Coronavirus-Infektion wäre für sie extrem gefährlich. Trotzdem will sie weiterhin Kunst machen – wenn auch anders als bisher.

Von Manuel Waltz

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In einer Filmszene  küsst Mirco Monshausen Jana Zöll die Hand.  (dpa / Palladio Film / Werner Meyer)
An Körperkontakt zu ihren Schauspielkollegen ist für Jana Zöll wegen der möglichen Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus nicht zu denken (dpa / Palladio Film / Werner Meyer)

Bei einem Spaziergang durch die Südvorstadt in Leipzig erzählt Jana Zöll, wie ihr Leben während der Pandemie aussieht:

"Ich habe das erst wirklich ernst genommen, als dann der Shutdown kam. Ich war vorher noch in NRW zu einer Tanzausbildung. Die wurde dann zwei Wochen früher abgebrochen. An dem Punkt habe ich dann auf einmal gemerkt: Oh, Moment, das ist scheinbar doch was Anderes als die alljährliche Schweinegrippe oder was auch immer."

Da sie zur Risikogruppe gehört, achtet sie seitdem darauf, sich nicht mit anderen Menschen in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Ausgenommen sind ihre Assistentinnen, die ihr bei der Bewältigung alltäglicher Dinge, wie Kochen oder Körperhygiene helfen. Ansonsten findet ihr soziales Leben online oder eben draußen statt.

Jana Zöll bei der Onlineprobe - draußen damit unser Autor dabei sein kann. (Manuel Waltz)Jana Zöll bei der Onlineprobe - draußen damit unser Autor dabei sein kann. (Manuel Waltz)

Arbeiten unter besonderen Bedingungen

Im Moment probt sie ein Stück mit dem Nationaltheater Mannheim. "Performing Family" heißt es und handelt davon, was Familie heute alles sein kann. Seit die Proben im Juni losgingen, finden sie für alle online aus dem Home Office heraus statt, wegen der Ansteckungsgefahr. Damit unser Autor sie begleiten kann, hat sich Jana Zöll in den Hinterhof ihres Wohnhauses gesetzt und sich über ihr Tablet mit der Regisseurin Vera Mahne und ihren Kollegen Kübra Dekin und Sebastian Reich zusammengeschaltet. Über eine Konferenzapp üben sie ihre Dialoge und machen sich Gedanken, wie sie die anstehende Aufführung gestalten wollen. Auf Grund der Ansteckungsgefahr wird Jana Zöll nämlich auch bei den Aufführungen nicht physisch anwesend sein, sondern per Videokonferenz auf die Bühne projiziert werden.

Proben an der frischen Luft

Neben der Arbeit mit dem Mannheimer Theater hat auch die Arbeit mit ihrem Performance Kollektiv "Polymora Inc." wieder begonnen. "Polymora Inc" ist ein Tanz-Performance Kollektiv, das sich für die Rechte von Frauen, queeren Menschen und Menschen mit Behinderung einsetzt. Unser Spaziergang durch die Südvorstadt endet in der KUB Galerie. Hier im überdachten Innenhof finden die Proben statt. Auch das ist eine Schutzmaßnahme, denn hier können sie an der frischen Luft proben.

Im Moment geht das noch gut, es ist angenehm warm. Wie es aber im Winter wird, dass wissen sie noch nicht. Auch ihre Arbeit selbst haben die fünf Frauen umgestellt. Um den Abstand einhalten zu können und dennoch miteinander verbunden zu sein, haben sie Seile besorgt, über die sie auf Abstand in Verbindung bleiben. Ob es bald wieder eine Aufführung geben wird, das ist noch unklar. Stattdessen wollen sie einen Musical-Film drehen. Das sei gerade das sicherste Medium.

Das Performancekollektiv Polymora Inc bei der Probe. (Manuel Waltz)Das Performancekollektiv Polymora Inc bei der Probe. (Manuel Waltz)

Rückschritt droht

Lisette Reuter ist die Leiterin des "UnLabel"-Kollektivs in Köln, einer Performance-Gruppe für Menschen mit und ohne Behinderung. Sie beschäftigt sich mit der Weiterentwicklung inklusiver künstlerischer Methoden, insbesondere dem Ansatz "Aesthetic of Access". Dabei geht es darum, Mittel der Barrierefreiheit, wie zum Beispiel Blindenschrift oder Untertitel, als Teile der künstlerischen Arbeit in das Werk zu integrieren, anstatt sie nur als Zusatzangebot zu verstehen.

Im Gespräch zeigt sie sich besorgt, dass Menschen mit Behinderung, die auch einer Risikogruppe angehören, wieder mehr Ausschluss erfahren als vor der Corona-Pandemie. Lisette Reuter erzählt, dass der Kulturszene Geld und Ressourcen fehlen und sich deshalb möglicherweise viele eher ums eigene Überleben als um Inklusion kümmern würden.

Hoffnung hat sie allerdings, dass sich während und nach der Pandemie alle neu aufstellen müssen und im Zuge dessen Inklusion in der Kunst einen neuen Stellenwert bekommt:

"Es geht zum einen um eine Umverteilung von Kulturbudgets und natürlich darum, dass Kulturakteure sich der politischen Verpflichtung, die Inklusion mit sich bringt, wirklich bewusst sind und dass das umgesetzt wird. Sagen wir mal, Inklusion ist nicht ein Nice-to-have, sondern es ist ein Must-have."

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