Sonntag, 05.07.2020
 
StartseiteInterviewHandelsverband: „Warenhaus ist schon lange kein Selbstläufer mehr“20.06.2020

InnenstädteHandelsverband: „Warenhaus ist schon lange kein Selbstläufer mehr“

Online-Handel und Coronakrise – Kaufhäuser in den Innenstädten kommen zunehmend in Bedrängnis. In den großen Städten erfreuten sie sich aber nach wie vor großer Beliebtheit, sagte Nils Busch-Petersen vom Handelsverband Berlin-Brandenburg im Dlf. Er hofft, dass sich durch die Schließungen die verbleibenden Warenhäuser konsolidieren können.

Nils Busch-Petersen im Gespräch mit Sandra Schulz

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Kunden im Karstadt-Kaufhaus im Stadtzentrum von Leipzig (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
Kunden im Karstadt-Kaufhaus im Stadtzentrum von Leipzig (dpa / picture alliance / Waltraud Grubitzsch)
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Werden Anziehungspunkte in den Innenstädten künftig zu Geisterimmobilien mitten in der Stadt? Genau das will der Städte- und Gemeindebund nach der Ankündigung weiterer Kaufhausschließungen verhindern. Diese kommen vom letzten verbleibenden großen Warenhauskonzern in Deutschland, von Galeria Karstadt Kaufhof. In 47 Städten sollen Warenhäuser schließen, mehr als 5.000 Jobs drohen gestrichen zu werden.

Der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, fordert nach Berichten des Redaktionsnetzwerks Deutschland jetzt gemeinsame Zukunftskonzepte für die Innenstädte. Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, hofft, dass sich durch die Schließungen die verbleibenden Warenhäuser konsolidieren können, wenn die „Rahmenbedingen entsprechend gestaltet werden“, so Busch-Petersen. Dazu zählten auch solche, die man selbst ausgehandelt habe, wie die „sehr hohen Mietbelastungen, die eigentlich nicht zu erwirtschaften sind.“

Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (Imago/Rob Engelaar/Hollandse Hoogte)

Das Interview in ganzer Länge

!!Sandra Schulz: Welche Chancen geben Sie den Warenhäusern, die jetzt noch bleiben?

Nils Busch-Petersen: Darauf richten sich ja unsere Hoffnungen, dass es dann möglich ist, mit den bestehen, etwas über 100 Filialen sich zu konsolidieren, wenn, wie ich aber auch unterstreichen möchte, die Rahmenbedingungen entsprechend gestaltet werden. Ein Selbstläufer ist das Warenhaus schon lange nicht mehr. Es muss sich mit völlig veränderten Rahmenbedingungen und Herausforderungen auseinandersetzen. Beide Unternehmen, die jetzt zu einem zusammengeführt worden sind, haben natürlich auch in ihrer jüngeren Geschichte leidvolle Erfahrungen gemacht mit internen Problemen, und die externen kamen noch dazu, und der Onlinehandel als große Herausforderung forciert das. Das ist aber nicht die alleinige Ursache. Natürlich ist die Corona-Krise jetzt nicht die Ursache, aber das Topping auf die Probleme. Das macht die Situation so verfahren.

„Berliner Handels-DNA ist geprägt durch das Warenhaus“

Schulz: In Berlin ist ja sogar mehr als jedes zweite Haus betroffen. Es sollen dort sechs von elf Häuser schließen. Zeigt sich da in der Hauptstadt das Problem, dass das Konzept Kaufhaus vielleicht insgesamt hat, zeigt sich das da noch mal konzentrierter?

Busch-Petersen: Ja, in Berlin zeigt sich auf jeden Fall sehr konzentriert, wie ernst die Situation ist. Wir Berliner haben ja bisher immer darauf verweisen können, dass wir sozusagen der Hub der Warenhauskultur in Deutschland sind. Da gab es immer noch viel mehr als in anderen Großstädten Warenhäuser der verschiedenen Couleur, und in den bisherigen Schließungsphasen, die es ja schon gegeben hat – ich überblicke ja nun auch schon 30 Jahre Berliner-Brandenburger Handelsgeschichte –, ist Berlin meistens glimpflich davongekommen. Das ist jetzt nicht der Fall. In Berlin ist sogar der Prozentsatz der zu schließenden Häuser höher. Das ist besonders schmerzhaft, weil die Berliner Handels-DNA ist sozusagen massiv auch geprägt durch das Warenhaus, durch die vielen auch dezentralen Warenhäuser, die wir hier nicht nur in einzelnen Innenstadtlagen haben, sondern über das Stadtgebiet verteilt, in den Subzentren. Hier kommen viele Faktoren zusammen: sicherlich verändertes Verbraucherverhalten, die schon angesprochenen Management- und Entscheidungsprobleme in den Häusern in der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre, zu Anfang jedenfalls, und natürlich auch Rahmenbedingungen, die man beeinflussen kann, gesetzliche Rahmenbedingungen et cetera, aber auch welche, die man ausgehandelt hat und die sich jetzt als falsch erweisen, wie zum Beispiel teilweise sehr, sehr hohe Mietbelastungen, die eigentlich nicht zu erwirtschaften sind.

Nils Busch-Petersen, Chef des Berliner Einzelhandelsverbandes, schaut in Richtung eines Gesprächspartners (dpa / picture alliance /Thomas Uhlemann)Nils Busch-Petersen, Chef des Berliner Einzelhandelsverbandes (dpa / picture alliance /Thomas Uhlemann)

Schulz: Und auch Rahmenbedingungen, die man natürlich nicht beeinflussen kann, wie jetzt die Corona-Krise, die haben Sie gerade schon angesprochen, die hat jetzt sicherlich einiges beschleunigt. Aber denken Sie, dass diese Entwicklung, die wir ja auch ohne Corona schon seit vielen Jahren sehen, dass die Warenhäuser ja auch schon mehrfach fusionieren mussten, weil das Konzept einfach nicht mehr läuft, denken Sie, dass diese Entwicklung noch aufzuhalten sein wird?

Busch-Petersen: Ich glaube, dass das Warenhaus ein Kind der Großstadt bleibt, aber wirklich nur der großen Städte. Das Warenhaus erfreut sich in den großen Städten nach wie vor großer Beliebtheit. Wir haben auch, abgesehen jetzt von der Corona-Phase, viele Häuser, die wirklich vernünftige Zahlen abgeliefert haben an guten Standorten, hatten aber noch sehr viele Warenhäuser aus der Unternehmensgeschichte beider früheren Konzerne heraus in Städten, die eigentlich von ihrer Struktur, von der Einwohnerschaft her, von der Anzahl der dort Wohnenden und der Anzahl der anzuwerbenden Touristen nicht mehr ausreichend waren. Da ist natürlich ein langer Prozess am Laufen, der jetzt kulminiert, denn ich erinnere mich noch sehr gut, als wir den ersten internationalen Warenhauskongress der Warenhausverbände überhaupt hatten, das war 2005 in Wismar. Damals war das Hauptthema hinter den Kulissen, wann entsteht die – damals Arbeitstitel – Deutsche Warenhaus AG, also wann gehen Kaufhof und Karstadt zusammen. Nun sind wir im Jahr 2020, und jetzt ist es sozusagen sehr spät vollzogen worden, sehr spät die Kräfte gebündelt worden, und das in einer Phase, in der beide nicht unbedingt stark waren, sondern eher beide auch ihre Probleme hatten. Das macht es nicht leichter.

"Onlinesektor kommt mit viel weniger Personal aus"

Schulz: Kräfte gebündelt ist insofern natürlich auch ein wichtiges und gutes Stichwort, da wir die Verlagerung auch auf viele Verkäufe in den Onlinebereich, die sehen wir ja nun auch schon seit langer Zeit. Wenn wir jetzt hören, dass Häuser schließen müssen, warum ist das überhaupt so zwingend verbunden, geht Hand in Hand mit diesen massiven Jobverlusten, von denen wir jetzt auch hören? Warum sind diese Jobs nicht ohnehin schon längst verlagert in den Onlinebereich?

Busch-Petersen: Es hat insgesamt ja im Einzelhandel jetzt nicht für jedes einzelne Unternehmen, aber im Einzelhandel schon Verlagerungen gegeben. Wir haben ja einen starken Arbeitsplatzaufbau, auch hier regional in Berlin, im Onlinesektor, der natürlich aber mit sehr viel weniger Personal auskommt. Wir haben natürlich auch auf den Flächen in den letzten Jahren, auch in den Warenhäusern, ja gesehen, dass auch das Personal nicht ausgeweitet, sondern eher tendenziell runtergefahren wurde, wobei wir da immer beim Warenhaus, bei der Kundschaft und ihrer Erwartungshaltung auch eine sehr schwierige Situation haben, denn Sie können nicht beliebig Personal runterfahren, denn im Warenhaus erwartet man eine hohe Beratungsintensität und erwartet, dass man nicht lange jemanden suchen muss, der einen dann, wenn man es will, betreut und begleitet. Das ist eine Gradwanderung, die immer schwerer geworden ist, zwischen der Erwartungshaltung der Kundschaft, aber dann auch dem Verhalten, mich beraten zu lassen vielleicht, obwohl das nicht das Primäre ist, und dann doch letztlich mit einem Click zu kaufen. Es gibt ja auch diese Ansätze in beiden Häusern und jetzt zusammengeführt, sehr stark selber das Onlinegeschäft zu forcieren und dort auch immer besser und schneller zu werden, aber das ist natürlich eine ganz andere Art des Wettbewerbs. Für mich ganz wichtig ist aber, dass wir in den Städten jetzt einer ganz wichtigen prägenden Kraft an vielen Standorten verlustig gehen, und das ist im Übrigen zum Schaden des Wettbewerbs und nicht zu seinem Nutzen, wie man denken würde, denn die Mitbewerber leiden, wenn ein Warenhaus schließt.

„Die Pferde galoppieren immer schneller“

Schulz: Okay, bei diesem Onlinethema wollte ich noch kurz bleiben. Wer jetzt in der Corona-Zeit online bestellen wollte, dazu waren ja jetzt auf gleich fast alle dann aus dem Stand gezwungen, da gab es massive Probleme, gerade bei dem Onlineangebot von Galeria Kaufhof, Lieferengpässe, es lief eine Warteschleife, die gesagt hat, im Moment haben wir Personalengpässe, bitte haben Sie Verständnis. Jetzt hat diese Corona-Pandemie natürlich niemand eingepreist, aber dieser generelle Trend, hätte man den nicht auch ohne Corona erkennen müssen?

Busch-Petersen: Mit Sicherheit hat man in einzelnen Häusern, die da zusammengekommen sind, relativ spät den Trend aufgegriffen und zunächst auch experimentell vielleicht andere Wege verfolgt. Ich kann mich erinnern, ich war selber bei einer Pressekonferenz dabei, da wurden Tablets vorgestellt für das Personal und auch für die Kunden, die offensichtlich extra entwickelt wurden, sehr aufwendig, aber eigentlich nie richtig angekommen sind, weder beim Personal – das habe ich selber als Kunde erlebt – noch gar beim Kunden. Man hat also teilweise … Das Risiko geht jeder ein, der in einen neuen Markt eindringt, vielleicht auch erst so nach trial and error Sachen ausprobiert, die sich nicht so gehalten haben. Das ist sehr gefährlich, wenn man dann sozusagen nicht gleich auf dem richtigen Pferd sitzt, weil zurzeit ja die Pferde immer schneller galoppieren in der Marktentwicklung. Das hat sicherlich auch den Umgang erschwert, zumal jetzt auch noch gerade beide Systeme – und das sind ja große Schiffe –, beide Systeme in der Phase der Zusammenführung waren, also auch da ein großer Arbeitsaufwand drinsteckt. Dann in dem Moment, wo man sozusagen gerade die Takelage flickt, in den Sturm zu geraten, das ist ja für jedes Boot eine sehr schwierige Situation.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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