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StartseiteEssay und DiskursInnere Emigranten09.03.2008

Innere Emigranten

Essay-Serie Insider - Outsider

Thomas Mann verlas seine Ansprache an die Rundfunkteilnehmer im nationalsozialistischen Deutschland zum ersten Mal selbst. Zuvor hatte er seine Texte seit Herbst 1940 aus dem kalifornischen Exil nach London gekabelt, wo sie von einem Sprecher der BBC verlesen und per Langwelle ins Reich ausgestrahlt wurden. Von nun an aber sprach er seine Reden im Recording Department der NBC von Los Angeles auf eine Platte, die auf dem Luftweg nach New York gesandt und von dort aus per Telefon auf eine weitere Platte in London übertragen wurde, die man dann vor dem Mikrophon der BBC abspielte. Solcher Aufwand war im Jahre 1941 notwendig, damit die Menschen in der Heimat des exilierten Literaturnobelpreisträgers nicht nur seine Texte, sondern auch seine Stimme vernehmen konnten.

Von Ulrich Baron

Der Schriftsteller Thomas Mann, aufgenommen in Los Angeles, USA, am 30. Okt. 1942. (AP)
Der Schriftsteller Thomas Mann, aufgenommen in Los Angeles, USA, am 30. Okt. 1942. (AP)
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Thomas Mann (März 1941): " Es ist die Stimme eines Freundes, eine deutsche Stimme; die Stimme eines Deutschland, das der Welt ein anderes Gesicht zeigte und wieder zeigen wird als die scheußliche Medusen-Maske, die der Hitlerismus ihm aufgeprägt hat. Es ist eine warnende Stimme - euch zu warnen ist der einzige Dienst, den ein Deutscher wie ich euch heute erweisen kann; und ich erfülle diese ernste und tief gefühlte Pflicht, obgleich ich weiß, daß keine Warnung an euch ergehen kann, die euch nicht längst vertraut, nicht längst in eurem eigenen, im Grunde nicht zu betrügenden Wesen und Gewissen lebendig wäre. "

Aber mit den warnenden Stimmen und dem untrüglichen Gewissen war das so eine Sache. Im Nazireich zählte die BBC zu den "Feindsendern", deren Empfang streng bestraft wurde. Wer seinen Volksempfänger ordentlich, also auf eine deutsche Station eingestellt hatte, hätte also nicht einmal weghören müssen, als Thomas Mann die deutschen Verbrechen in Europa in immer schärferer Form geißelte. Gleichwohl kann es einem geistig aktiven Menschen in Deutschland damals nicht ganz verborgen geblieben sein, dass es solche mahnenden Stimmen aus dem Exil gab und dass die Stimme Thomas Manns zu deren profiliertesten zählte. So war es dann unmittelbar nach Kriegsende auch der "Liebe Herr Thomas Mann", der etwas erhielt, was den meisten Exilanten versagt bleiben sollte: Eine Einladung, ja, eine Bitte zur Rückkehr - ausgesprochen in einem offenen Brief des Schriftstellers Walter von Molo. Es war freilich eine Einladung mit Tücken, denn von Mann erhoffte sich von Molo nunmehr keine weitere Kritik, keine fortgesetzte Mahnung, sondern vor allem Mitleid und Fürsprache. Es war eine Einladung, sich, auf Seiten der Sieger stehend, nunmehr der Verlierer anzunehmen. Sie begann bescheiden, blieb es aber nicht lange:

" Mit "aller, aber wahrhaft aller Zurückhaltung, die uns nach den furchtbaren zwölf Jahren auferlegt ist, möchte ich dennoch heute bereits und in aller Öffentlichkeit ein paar Worte zu Ihnen sprechen: Bitte, kommen Sie bald, sehen Sie in die von Gram durchfurchten Gesichter, sehen Sie das unsagbare Leid in den Augen der vielen, die nicht die Glorifizierung unserer Schattenseiten mitgemacht haben, die nicht die Heimat verlassen konnten, weil es sich hier um viele Millionen Menschen handelte, für die kein anderer Platz auf der Erde gewesen wäre als daheim, in dem allmählich gewordenen großen Konzentrationslager, indem es bald nur mehr Bewachende und Bewachte verschiedener Grade gab. "

Nach der so eindringlich versprochenen Zurückhaltung sucht man in diesen Zeilen vergeblich, die das "unsagbare Leid" der Daheimgebliebenen gegenüber dem Leid der Exilierten und der nach Kriegsende Heimatvertriebenen in den Vordergrund spielt. Mit welcher Ignoranz sieht hier ein Mann aus dem angeblichen "großen Konzentrationslager" Deutschland über die Insassen all der vielen kleineren KZs hinweg, denen jene "Glorifizierung unserer Schattenseiten" das Leben gekostet hat? Doch so anmaßend von Molos Worte aus dem Abstand von einem halben Jahrhundert heute auch anmuten mögen, scheinen sie damals die deutsche Gefühlslage sehr gut wiedergegeben zu haben, bei der sich jeder selbst der Nächste war. Wer in einem Krieg, der sich in den letzten Jahren zunehmend auch gegen die deutsche Zivilbevölkerung gerichtet hatte, sein Heim, sein Eigentum, seine Angehörigen verloren hatte, wollte 1945 nichts von Kriegs- oder gar von Kollektivschuld wissen. Es wäre heute nicht nur ungerecht, es wäre auch unrealistisch, dies pauschal gegen Menschen wenden zu wollen, deren Schicksal man nur in groben Zügen kennt und selbst nie hat teilen müssen. Ihre Worte hingegen verdienen es durchaus, auf die Goldwaage gelegt zu werden. Manche von ihnen werden dabei zu leicht befunden. Manche tragen auch noch das Signum einer Zeit, deren Ende zu verkünden sie vorgaben. Wer sich als Schriftsteller unbelastet wähnte, wer die NS-Zeit vor allem als eine schmerzliche Unterbrechung der eigenen Karriere als Autor erlebt hatte, scheint, wie von Molo, nichts Anstößiges daran gefunden zu haben, dass er den Nationalsozialismus in einer diesem ideologisch gar nicht fernen Sichtweise als Krankheit beschrieb:

" Kommen Sie bald wie ein guter Arzt, der nicht nur die Wirkungen sieht, sondern die Ursache der Krankheit sucht und diese vornehmlich zu beheben bemüht ist, der allerdings auch weiß, dass chirurgische Eingriffe nötig sind, vor allem bei den zahlreichen, die einmal Wert darauf gelegt haben, geistig genannt zu werden. Sie wissen, dass es sich um keine unheilbare Krankheit unseres Volkes handelt, wir wollen alle zusamt den Siechen, dem vor allem Vertrauen fehlt gesund machen, ihn aber nicht in seiner Schwächung durch Demütigungen und Enttäuschungen neu krank und dann vielleicht unheilbar werden lassen. "

Es verwundert nicht, dass Thomas Mann einem solchen Deutschen Patienten, der am Ende damit drohte "unheilbar" zu werden, nicht mehr über den Weg trauen mochte, und es kam noch toller. Während von Molo ihm immerhin noch die Rolle eines auch chirurgisch versierten Kurarztes zubilligte, zog der Autor Frank Thieß wenig später seine Approbation in Frage. Was solle man 1945 von einem Schriftsteller noch erwarten, der sein Volk und seine Muttersprache verlassen habe? Unter dem Titel "Innere Emigration" stimmte Thieß von Molos Einladung an Thomas Mann zwar zunächst ausdrücklich zu und dehnte sie großzügig auch auf weitere "Emigranten" aus, "die sich noch heute als Deutsche fühlen". Schon der Ausdruck "Emigranten" hatte freilich etwas Polemisches, weil damit nahe gelegt wurde, da habe jemand aus freien Stücken das angenehme Leben an der amerikanischen Pazifikküste dem Dasein in Nazi-Deutschland vorgezogen. Und schon indem Thieß den privilegierten Thomas Mann als den "Emigranten" schlechthin ansprach, verharmloste er das Exil als eine Art Kuraufenthalt. Auch ließ er keinerlei Zweifel daran, wer in Deutschland künftig vor allem das literarische Sagen haben sollte. Es war die gönnerhafte Mahnung eines Insiders, es mit der "Emigration" nicht zu weit zu treiben.

" Wir erwarten dafür keine Belohnung, dass wir unsere kranke Mutter Deutschland nicht verließen. Es war für uns natürlich, dass wir bei ihr blieben. Aber es würde uns sehr unnatürlich erscheinen, wenn die Söhne, welche um sie so ehrlich und tief gelitten haben wie ein Thomas Mann, heute nicht den Weg zu ihr fänden und erst einmal abwarten wollten, ob ihr Elend zum Tode oder zu neuem Leben führt. Ich denke mir nichts schlimmer für sie, als wenn diese Rückkehr zu spät erfolgt und sie dann vielleicht nicht mehr die Sprache ihrer Mutter verstehen würden. "

Leider wusste Frank Thieß, der auch nach 1933 in Deutschland hatte publizieren dürfen, obwohl einige seiner Bücher verbrannt und verboten worden waren, nichts Genaueres darüber zu sagen, was damals aus dieser Mutter Sprache geworden war. Das "Wörterbuch des Unmenschen" haben andere schreiben müssen, und "LTI", die Sammlung zur Lingua tertii imperii, die Sprache des Dritten Reichs, entstammte nicht der Feder eines "Inneren Emigranten", sondern der des Romanisten Victor Klemperer, der wegen seiner jüdischen Herkunft mit Arbeits- und Publikationsverbot belegt worden war. Von der Verbannung seiner jüdischen Landsleute in "Judenhäuser" aber wusste der auf sein eigenes Leiden fixierte Thieß ebenso wenig zu sagen wie über Deportationen und Vernichtungslager. Stattdessen erteilte er dem unbedarften "Emigranten" Mann ein Privatissimum darüber, was es hieß, in Nazi-Deutschland Schriftsteller geblieben zu sein. Schon 1933 als er noch der naiven Ansicht gehuldigt habe, die Nationalsozialisten seien belehrbar, habe er, Thieß, dem "Reichskulturverwalter" Hinkel davor gewarnt, "durch Verbote oder äußere Druckmittel" auf die "geistigen Deutschen" einwirken zu wollen. Andernfalls nämlich bliebe ihnen kein anderer Weg als der in die "innere Emigration".

Bekanntlich haben sich die Nazis von Thieß weder belehren noch bedrohen lassen, aber der von ihm benutzte Begriff einer Inneren Emigration war einfach zu schön, um ihn in der Schublade verschwinden zu lassen. Er war sogar zu schön, um wahr zu sein und gab in der Muttersprache von Thieß eine innere Widersprüchlichkeit preis: Innere Emigration - das heißt innere Auswanderung und birgt einen nur schwer aufzulösenden Widerspruch in sich. Dies zumal, weil Thieß und andere es bei ihrer Wanderung nach Innen nicht unterließen, auch weiterhin - wo es ging und sei es unter falschem Namen - literarische Werke zu veröffentlichen. Ihren wahren Wert aber enthüllte diese paradoxe Formulierung erst nach dem Ende des Nazi-Regimes. Innere Emigration - das hieß dageblieben zu sein ohne dabei gewesen zu sein. Das hieß weitergemacht ohne mitgemacht zu haben. Man vermied dabei den Begriff des Exils, der seit der Antike die erzwungene Trennung von Heimat, Familie und Freunden bedeutet hatte. Und in dem man den Begriff Exil vermied, vermied man es, die deutschen Exilanten, deren Rückkehr nun drohte, in eine Reihe zu stellen mit ihren großen Vorläufern, die wie ein Ovid einst an den Rand der Welt verbannt worden waren. "Innere Emigration" hieß für Thieß offenbar auch Ansprüche auf einen gesicherten Startplatz in die Nachkriegszeit. Es war zugleich Freibrief, Beleg eigenen Leidens und Souveränitätserklärung. Ja, es war sogar ein Verdienst, das sich Frank Thieß in seinem offenen Brief an Thomas Mann gar nicht hoch genug anrechnen konnte:

" Das war richtig, denn die Welt, auf die wir innerdeutschen Emigranten uns stützten, war ein innerer Raum, dessen Eroberung Hitler trotz aller Bemühung nicht gelungen ist. Wohl konnte er die deutsche Seele in einen hypnotischen Schlaf versenken, den deutschen Geist von jeder schöpferischen Teilname absperren, doch als Elemente nicht zerstören, andernfalls müssten wir für alle Zukunft die Hoffnung aufgeben, jemals wieder zu schöpferischem Leben zu erwachen. "

Als Thieß jenen "inneren Raum" beschwor, scheint ihm nicht vor Augen gestanden zu haben, was schon Friedrich Nietzsche in seinen "Unzeitgemäßen Betrachtungen" über eine "berühmte Gefahr dieser Innerlichkeit" geschrieben hatte: "Der Inhalt selbst, von dem es angenommen ist, dass er außen gar nicht gesehen werden kann, möchte sich gelegentlich einmal verflüchtigen; außen würde man aber weder davon noch von dem früheren Vorhandensein etwas merken." Dass Schriftsteller aber bekanntlich von der Veröffentlichung ihrer Gedanken leben, was unmittelbar nach Kriegsende noch kaum möglich war, blieb 1945 vorerst abzuwarten, was aus den Kreisen der "Inneren Emigration" dereinst noch herauskommen würde. Aber Thieß konnte immerhin schon mit Namen aufwarten. Als Beispiele nannte er Männer wie Kasimir Edschmid, Hermann Keyserling, Walter von Molo, Erich Kästner, Werner Bergengruen. Sogar "betont ,nationale' Schriftsteller wie Hans Grimm und Ernst Wiechert" hätten sich im Kulturleben unter dem Nationalsozialismus bald isoliert gesehen, doch man habe die Härten der inneren Emigration ertragen und daraus einen Schatz an Erfahrungen gewonnen:

" Auch ich bin oft gefragt worden, warum ich nicht emigriert sei, und konnte immer nur dasselbe antworten: Falls es mir gelänge, diese schauerliche Epoche, (über deren Dauer wir uns freilich alle getäuscht hätten) lebendig zu überstehen, würde ich dadurch derart viel für meine geistige Entwicklung gewonnen haben, dass ich reicher an Wissen und Erleben daraus hervorginge, als wenn ich aus den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie zuschaute. "

Wie es um solchen Erkenntnisgewinn von Innen heraus wirklich bestellt war, wird sich noch zeigen, doch die Rede von den "Logen und Parterreplätzen des Auslands" zeigt schon deutlich, warum sich Frank Thieß als der Propagandist einer "Inneren Emigration" ebenso auf Thomas Mann bezog wie zuvor schon ein Walter von Molo. Thomas Mann war gewissermaßen ein Edel-Exilant, während bei den meisten der ja nicht freiwillig emigrierten, sondern aus Deutschland Vertriebenen weder Logen noch von Parterreplätzen, sondern eher von Dachkammern und Souterrains die Rede sein konnte. Manche der "Inneren Emigranten" wie etwa Erich Kästner hatten es hingegen verstanden, sich im Dunstkreis der NS-Unterhaltungsindustrie in mancherlei Hinsicht unbelastet "über Wasser zu halten", wie es so schön heißt.

Darüber hat nicht nur Frank Thieß sich ausgeschwiegen. Doch über die Leiden der Dagebliebenen wusste er dafür umso mehr mitzuteilen. Viele Deutsche hätten gar nicht emigrieren können, weil sie wirtschaftlich dazu nicht in der Lage gewesen wären oder Repressalien gegen ihre Familien hätten befürchten müssen. Das ist richtig und hat nicht zuletzt zahllosen deutschen Juden das Leben gekostet, doch unterschlug Thieß dabei, dass vielen Emigranten trotz solcher Befürchtungen schon 1933 einfach nichts anderes übrig geblieben war, als sich unter Verlust ihres Eigentums im Ausland zu retten. Zwar korrigierte er dies später ein wenig, doch es blieb unverkennbar, dass es bei der Propagierung der "Inneren Emigration" vor allem darum ging, sich bei der Anknüpfung an Karrieren der Weimarer Zeit gegenüber den Geistesriesen aus dem Exil in Vorderhand zu bringen. Dies gelang aber nur bedingt, und in literarischer Hinsicht missglückte es vollkommen - fast vollkommen, denn zumindest der Begriff der "Inneren Emigration" erlebte eine bis in unsere Tage anhaltende Karriere als oft recht pauschale Bezeichnung für jene Autoren, die in Deutschland geblieben waren ohne sich den Nazis anzudienen.

Gemessen an den von Frank Thieß erhobenen Ansprüchen aber blieb die "Innere Emigration" weit hinter dem zurück, was er selbst 1945 für realistisch gehalten hatte. Das lag weniger daran, dass ein Thieß kein Mann, ein von Molo kein Döblin, ein Edschmid kein Feuchtwanger und ein Kästner kein Tucholsky war.

Vielmehr hatten Thieß und die von ihm genannten Schriftsteller gerade das, was Thieß als ihre historische Leistung bezeichnete, in geradezu sträflicher Weise vernachlässigt. "Innere Emigration" hatte mehr mit Abkapselung als mit Rückzug an eine Peripherie fern der Machtzentren zu tun. So blieben die berühmten Schubladen, in denen die "Inneren Emigranten" ihre Schätze an Wissen und Erleben eigentlich gesammelt haben sollten, ziemlich leer. Es gab nach 1945 keinen großen Zeitroman, kein "Krieg und Frieden", keine unbeschönigten Innenansichten aus dem Inneren des NS-Staates - zumindest nicht aus der Feder jener Autoren, die Frank Thieß als die Angehörigen der "Inneren Emigration" geoutet hatte.

Es hatte in Deutschland keinen Carlo Levi gegeben, der, von den Faschisten in den Süden Italiens verbannt worden war - in ein inneres Exil gewissermaßen. Sein 1945 erschienener Roman "Christus kam nur bis Eboli" beschrieb die archaische Bauernwelt Lukaniens und erschloss damit einen Teil der Innenwelt seines Landes auf eine Weise, die sich von deutscher Innerlichkeit deutlich abhob.

Als deutsches Gegenstück hätte man allenfalls Hanns Henny Jahnns Monumentalroman "Fluss ohne Ufer" begreifen können, der Erfahrungen des norwegischen und dänischen Exils reflektiert, doch fehlt dem literarischen Monomanen Jahnn jene Nähe zum eigenen Volk, die ein Frank Thieß für die "Innere Emigration" reklamiert hatte.

Überhaupt hat sich die von Molo und Thieß beschworene Nähe der "Inneren Emigranten" zum Alltag, zur Sprache und zu den Leiden des deutschen Volks unter Nazi-Herrschaft und Bombenhagel als erstaunlich unfruchtbar erwiesen. Selbst das von manchen als Monument des Widerstandes und antinazistischer Widerstandsroman gefeierte Buch Ernst Jüngers "Auf den Marmorklippen" blieb 1939 in seiner symbolischen Überhöhung ebenso vage wie 1935 Werner von Bergengruens "Der Großtyrann und das Gericht".

Dabei hätte ein Ernst Jünger mit seinem Rückzug aus Berlin in die Provinz dem Ausdruck "Innere Emigration" zumindest eine geografische Berechtigung verleihen können. Mag das Nationale an Jünger einem Frank Thieß zu stark betont erschienen sein, um ihn als "Inneren Emigranten" gelten zu lassen, so hat gerade er in seinen Tagebüchern "Strahlungen" den Kriegsalltag in Deutschland und Europa doch recht genau beschrieben. Sehr viel genauer aber war da ein Victor Klemperer, dem das Berufsverbot für jüdische Wissenschaftler wider Willen in die Position des kritischen Chronisten und Tagebuchautors verbannt hatte. Sehr viel genauer hat auch ein Arno Schmidt nach 1945 den Alltag und Hitler und das Ende des Krieges in Erzählungen wie "Leviathan" und dem Roman "Aus dem Leben eines Fauns" beschrieben. Besonders Schmidt, der Meister des "Längeren Gedankenspiels", hat Fluchtphantasien beschrieben, die man als eine besonders literarische Form der "Inneren Emigration" werten könnte.

Doch dem Eskapismus seines "Fauns", seiner in der Tasche geballten Faust stand dabei der präzise gezeichnete zivile und militärische Alltag im Weltkrieg gegenüber. Und selbst das war manchem späteren Autor nicht genau genug. Als Walter Kempowski Jahrzehnte nach dem Kriegsende mit der Sammlung für sein ebenso gewaltiges wie mikrologisches Echolot-Projekt begann, zählten die literarischen Werke der "Inneren Emigration" nicht zu seinen ergiebigsten Fundorten. Und als W. G. Max Sebald im Herbst 1997 die Ausblendung des Bombenkrieges in der deutschen Nachkriegsliteratur anprangerte, gab es zwar Gegenbeispiele und Argumente, aber keines davon war mit dem Namen Frank Thieß verknüpft. Dabei hat gerade dieser versucht, die Authentizität seines Kriegserlebnisses gegen den Logenplatz eines Thomas Mann auszuspielen:

" Es ist nun einmal zweierlei, ob ich den Brand meines Hauses selbst erlebe oder ihn in der Wochenschau sehe, ob ich selber hungere oder von Hunger in den Zeitungen lese, ob ich den Bombenhagel auf deutsche Städte lebend überstehe oder mir davon berichten lasse. "

Es war sicherlich auch etwas anderes für Thomas Mann, die Verbrennung seiner Bücher, den Raub seiner Häuser durch die Nazis in der Wochenschau oder in den Zeitungen zu verfolgen als selbst dabei sein zu müssen, aber anders als Thieß hat er das doppeltes Leiden als Enteigneter und Vertriebener, hat er seinen Logenplatz im Exil dazu genutzt, all das und noch viel mehr zur Sprache zu bringen. Thieß wusste von den Rundfunkansprachen Thomas Manns, doch es ist zweifelhaft, ob sie ihm wirklich ins Bewusstsein gedrungen waren. Auch hier nahm er innerliche Werte für sich in Anspruch, die er später durch keine Veröffentlichung zu belegen vermochte.

" Ich glaube, es war schwerer, sich hier seine Persönlichkeit zu bewahren, als von drüben Botschaften an das deutsche Volk zu senden, welche die Tauben im Volke ohnehin nicht vernahmen, während wir Wissenden uns ihnen stets um einige Längen voraus fühlten. "

Dieses Bekenntnis erscheint umso eindrucksvoller als viele Deutsche nach 1945 immer wieder beteuert haben, "von all dem" nicht gewusst zu haben. Was also wussten die "Wissenden" wie Frank Thieß schon lange vor Thomas Mann?

Im August 1942 wusste Thomas Mann schon immerhin, dass die Deutschen nach dem Ende des Krieges auf kein Mitleid hoffen durften - nirgendwo und vor allem nicht in Europa.

" Der National-Sozialismus hat sich der Sache angenommen. Auch er sagt "Europa" - aber genau so, wie er "Revolution" oder "Friede" oder "Vaterland" sagt. Nicht Deutschland soll europäisch werden, sondern Europa soll deutsch werden. Unter dem verzweifelten Widerstand der Völker, watend in Blut, umgellt von Jammer und Flüchen, fühllos gegen einen Hass, wie nie ein Volk der Erde ihn zu tragen gehabt hat, ist er am Werke, aus Europa ein nichtiges, entmanntes, geistig herabgesetztes, von ausgebeuteten Sklavenrassen nur dünn besiedeltes Zubehör des monopolistischen Deutschland, ein deutsches "Protektorat" im ehrlosesten Sinn des Wortes zu machen. Im Protektorat "Tschechoslowakei" sind die Universitäten und fast alle Mittelschulen geschlossen, Bibliotheken und Laboratorien ausgeraubt. Es darf in den Schulen keine tschechische Geschichte gelehrt werden, aber Deutschunterricht und solchen in Nazi-Ideologie und deutsche Geschichte gibt es sechzehn Stunden in der Woche. "

" Die tschechische Sprache wird getötet: Sie ist verboten in der Verwaltung, dem Gerichtswesen, für die Abfassung der Gesetze. Ein Ausrottungskrieg wütet überall gegen die Bevölkerungen, über deren Gebiete die Eroberungswalze ging.

Polen soll es im annektierten Gebiet, das "Warthegau" heißt, bald nicht mehr geben. Was auf dem Balkan nicht Zwangsarbeit tun kann, lässt man einfach verhungern. Griechenland verhungert und stirbt aus. Rumänen, Finnen, und Ungarn verbluten auf den Schlachtfeldern, während man die Jugoslawen an Ort und Stelle massakriert. Die Holländer werden "umgesiedelt". Das rassenpolitische Amt arbeitet dort wie überall mit den Mordkommandos der Gestapo harmonisch und effektvoll zusammen. Frankreichs Bevölkerung soll und wird auf zwanzig Millionen zusammenschrumpfen. "

Und da stellt sich dann, kurz nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, einer der "Wissenden" gegen Thomas Mann und behauptet, ihm bei solchen Informationen "stets um einige Längen voraus" gewesen zu sein? Da beklagt jemand sein eigenes aktuelles Leid und hat das Leiden der anderen längst um etliche Längen hinter sich gelassen? Das hoffte jemand nach 12 Jahren NS-Herrschaft und einem Weltkrieg wieder in die bequeme Rolle eines Bestsellerautors schlüpfen zu können? Es geht hier wohlbemerkt nicht darum, die Leiden der Deutschen im Kriege herunterzuspielen. Es geht um literarische Redlichkeit.

Und da scheint sich bei Thieß, ganz im Sinne Nietzsches, nicht nur eine Innerlichkeit, sondern eine ganze Epoche fast spurlos verflüchtig zu haben - eine Epoche, in der jeder, der in Deutschland einigermaßen unbehelligt leben durfte, von der Ausplünderung der Juden und der Nachbarvölker zumindest indirekt mitprofitiert hatte. Doch es sollte Jahrzehnte dauern, bis ein Götz Aly über die Zuckerbrote in "Hitlers Volksstaat" schrieb. Der Blick nach innen, die "Innere Emigration" erscheint vor diesem Hintergrund als eine etwas elegantere Variante des bloßen Wegschauens.

Weder von Molo noch Thieß gingen auch auf jene Erfahrungen ein, die besonders die Mitglieder der Gruppe 47 dann ausgiebig miteinander teilten. Was Millionen von uniformierten Deutschen in allen Ecken Europas angerichtet, auch was sie dort erlitten hatten, war ihnen offenbar fern und möglicherweise verborgen geblieben. Noch indem Frank Thieß in einem versöhnlicheren Moment von "einer tiefen inneren Verbundenheit zwischen beiden Emigrantenlagern" ausging, sprach aus ihm eine abgrundtiefe Ignoranz. Ignoranz, was die verschiedenen Lager der Emigration in Ost und West betraf. Ignoranz aber auch gegenüber jener Trennung von Daheimgebliebenen und Soldaten, die quer zu allen Familien- und Freundschaftsbanden lief.

Thieß brachte es fertig, einerseits den Exilschriftstellern ihre drohende Entfremdung auszumalen, und andererseits zu glauben, dass die Autoren seiner Generation noch das Gehör jener Soldaten finden könnten, die Wolfgang Borchert damals als die "Generation ohne Abschied" bezeichnet hat. Was sollten solche desillusionierten Leser mit Vertretern einer "Inneren Emigration" anfangen, die ihre Kriegserfahrungen nicht geteilt hatten?

Hans Schwab-Felisch hat in Hinblick auf die Kriegsdarstellungen der jüngeren Autoren nach 1945 wie Andersch und Böll von einer "Literatur der Obergefreiten" gesprochen. In der militärischen Hierarchie war der Obergefreite ein oft sehr erfahrener Soldat, der den Sprung zum Unteroffizier oder Offizier nicht geschafft oder nicht gewollt hatte. Anders als der Heldensänger des Ersten Weltkrieges Ernst Jünger hatten diese Obergefreiten es abgelehnt, an der Führung des Krieges verantwortlich mitzuwirken.

Auch dies war eine Form innerer Zurückhaltung, die der 1890 geborene Frank Thieß aber nicht bemerkt oder nicht berücksichtigt hatte. Jüngere Autoren wie Heinrich Böll, Alfred Andersch und Arno Schmidt hatten NS-Zeit und Krieg nicht als Unterbrechung, sondern als Verhinderung ihrer literarischen Karrieren erlebt. Sie hatten das Dritte Reich und den Krieg mit den Augen von Schriftstellern erlebt, ohne sich selbst schon Schriftsteller nennen zu dürfen. Sie hatten noch kein Werk, an dem ihre Nachkriegsproduktion sich hätte messen lassen müssen, keine Leserschaft und keine Lesererwartungen, die befriedigt werden wollten.

Sie konnten Anregungen aus dem angloamerikanischen Raum unbefangener aufnehmen als die "Inneren Emigranten", die eine Epoche nachschleppten, in der sie ihre größten Erfolge hatten feiern können. Den Vertretern dieser Generation ohne Abschied, jener verspäteten Generation der Obergefreiten und den Heimkehrern aus dem Exil ist es vor allem zu verdanken, dass es in Deutschland nach 1945 wieder eine Literatur der Gegenwart gab.

Den Begriff der "inneren Emigration" aber sollte man endlich entschlafen lassen. Nimmt man ihn als das, was damit einst beansprucht wurde, so gereicht er keinem Autor zur Ehre, weil niemand die Postulate hat erfüllen können, die ein Frank Thieß damit seinerzeit verknüpft hat.

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