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StartseiteHintergrundDie klimafreundliche Industriestadt22.10.2018

Innovation-City BottropDie klimafreundliche Industriestadt

Seit acht Jahren arbeitet Bottrop an seiner energetischen Sanierung: Das Projekt Innovation-City Bottrop hat in dieser Zeit durch klimagerechten Umbau den CO2-Ausstoß der Industriestadt fast halbiert. Einige der innovativen Energiesparideen haben sich allerdings als Luftblasen erwiesen.

Von Alois Berger

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Zeche Prosper Haniel in Bottrop (Deutschlandradio/Jörg Stroisch)
Ambitionierter Wandel: Bottrop wird zur klimafreundlichen Industriestadt (Deutschlandradio/Jörg Stroisch)
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Alle 20 Minuten bläst die Kokerei Prosper-Haniel eine riesige Dampfwolke in den Himmel über Bottrop. Dann wird glühende Kokskohle abgelöscht, die vorher bis zu dreißig Stunden lang auf über 1.000 Grad erhitzt wurde. Dabei fallen viele tausend Liter heißes Wasser an. Kokskohle ist wichtig für die Herstellung von Stahl.

Vor sieben Jahren ging man deshalb in Bottrop dazu über, einen kleinen Teil der überschüssigen Wärme für eine Schule zu nutzen. Zweimal die Woche holte ein Lastwagen an der Kokerei einen Spezialcontainer mit kochend heißem Wasser ab, fuhr zur Grundschule Welheimer Mark und füllte das Wasser dort in die Zentralheizung der Schule ein. Mit einer Containerladung, so die Erkenntnis, lassen sich sämtliche Klassenräume drei Tage lang heizen. 

"Es war durchaus eine bestechende Idee, dass man ohne weitere Wärmequelle eine Schule beheizen kann, eben nur aus Abwärme."

Dieter Giebelstein vom Stadtplanungsamt Bottrop war für die notwendigen Umbauarbeiten an der Schule und in der Kokerei zuständig. Ein Wärmetauscher in der Kokerei, ein Wärmetauscher in der Schule, das Prinzip ist simpel und nicht besonders aufwendig, erzählt er. Aber unterm Strich war es dann doch vergeblich:
 
"Hat letztendlich nicht wirklich geklappt, weil der Fehler darin lag, dass wir keine Ganzjahresabnahme hatten, und somit die Kosten des Transports und der Entlohnung des Fahrers für diesen LKW-Transport eben durchliefen, während wir nur im Winter Abnahmemengen hatten."

Die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop (dpa)Zeche Prosper-Haniel in Bottrop (dpa)

Die eigens für den Heißwassertransport gegründete Firma ging jedenfalls schnell pleite. Dabei hätte sich das System vermutlich getragen, wenn auch Schwimmbäder und andere öffentliche Einrichtungen mitgemacht hätten – Einrichtungen, die auch im Sommer Wärme brauchen. Die riesigen Mengen an kochend heißem Wasser hätten für viele Schulen, Behörden, Krankenhäuser und Schwimmbäder gereicht. Doch dazu kam es nicht, vor allem, weil im dicht besiedelten Ruhrgebiet die meisten öffentlichen Einrichtungen ohnehin ans reguläre Fernwärmenetz angeschlossen sind.

Halbierung des CO2-Ausstoßes

Die Bottroper Stadtplaner überlegten deshalb, die Kokerei Prosper direkt mit dem Fernwärmenetz zu koppeln und das heiße Wasser auf diese Weise zu nutzen. Wegen der unterschiedlichen Temperaturen wäre das technisch nicht ganz einfach gewesen, aber im Prinzip machbar. Doch alle Pläne wurden schließlich hinfällig, als der Weltkonzern Arcelor Mittal die Kokerei aufkaufte. Mit denen kann man nicht reden, klagt der Chefplaner des Bottroper Stadtumbaus, Burkhard Drescher: 

"Früher war das ein Ruhrgebietskonzern, RAG, jetzt gehört´s zu ArcelorMittal aus Indien, die interessieren sich nicht dafür. Die Steag-Fernwärme war bereit, hat aber, nachdem der letzte ehemalige RAG-Mitarbeiter als Geschäftsführer die Firma verlassen hat, keinen Anknüpfungspunkt gefunden. Ich hab selber drei, vier Gespräche dazu geführt, aber das ist dann in dem Gewirr von Bottrop nach Neu Delhi verloren gegangen und wir haben nie mehr ein Feedback gehört."

Burkhard Drescher war früher Oberbürgermeister von Oberhausen und ist jetzt Geschäftsführer der Innovation City Management Gesellschaft. Die soll den Umbau der Stadt Bottrop als Modell für eine klimafreundliche Industriestadt vorantreiben. Das Ziel ist ehrgeizig: Bis 2020 soll der CO2-Ausstoß Bottrops im Vergleich zu 2010 halbiert werden.

15.01.2015 Bottrop An der peterstrasse werden jetzt Pflastersteine verlegt die die Luft filtern und somit reinigen . Betonpflastersteine mit Photoment reinigen die Luft und sich selbst Burkhard Drescher von Innovation City Bottrop 15 01 2015 Bottrop to the Peter Street will Now Paving stones relocated the the Air filters and thus clean with clean the Air and to itself Burkhard Drescher from Innovation City Bottrop (imago )Burkhard Drescher, Geschäftsführer der Innovation City Management Gesellschaft (imago )

Sozialverträglicher Klimaschutz

Dahinter steht der Initiativkreis Ruhr, ein Zusammenschluss aus Universitäten, Kirchen und vor allem Unternehmen aus der Region. Sie wollen am Beispiel Bottrop herausfinden und aufzeigen, wie man Klimaschutz sozialverträglich und möglichst Industrie schonend voranbringen kann.

Acht Jahre nach dem Start des Freiluftversuches lässt sich ziemlich genau sagen, welche Projekte funktionieren, welche Probleme haben und warum einige Energiesparideen vermutlich nie funktionieren werden.

Das Aluminiumwerk Trimet an der südlichen Stadtgrenze gehört zu den Projekten, bei denen Klimamanager Drescher noch nicht weiß, ob seine Pläne aufgehen. Aluminiumwerke verbrauchen sehr viel Strom und produzieren sehr viel Hitze. Anders als Arcelor Mittal ist das Essener Unternehmen Trimet nach langem Zureden inzwischen bereit, den Wärmeüberschuss für das lokale Fernwärmenetz zur Verfügung zu stellen.

Niemand will die Baukosten übernehmen

Das Problem: Zwischen dem Aluminiumwerk und der Stadt Bottrop liegen die Autobahn, der Fluss Emscher und der Rhein-Herne-Kanal, das treibt die Kosten für den Bau der Wärme-Leitung in die Höhe. Der Wärmeaustausch wäre zwar ökologisch und auch ökonomisch sinnvoll. Doch niemand will die Baukosten übernehmen, weder Trimet noch die Fernwärmegesellschaft STEAG, klagt Drescher, obwohl die langfristig davon profitieren würde:

"Das ist ein ganz dickes Brett, was da zu bohren ist. Trimet will das, das Aluminiumwerk, die sind da sehr weit, aber wir müssen sehen, wer das finanziert."

Fast ein kleines Kohlekraftwerk

Doch mit Trimet hat Drescher noch mehr vor. Die Aluminiumherstellung frisst Unmengen an Energie. Trimet verbraucht allein mehr als ein halbes Prozent des gesamten deutschen Stroms. Aber die Firma braucht den Strom zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlicher Stärke. Wenn man das Werk dazu brächte, seine Aluminiumschmelzen an das schwankende Stromangebot anzupassen, könnte man schon fast ein kleines Kohlekraftwerk einsparen.

Ein Schmelzofen der Trimet Aluminium AG in Hamburg wird am Mittwoch (09.05.2007) mit flüssigem Aluminiumoxid befüllt. Trimet hatte das Werk von den Vorbesitzern übernommen, die es wegen zu hoher Energiekosten stillgelegt hatten. Bis Mitte Juni sollen 180 der insgesamt 270 Öfen wieder laufen, eine zweite Staffel mit den restlichen 90 wird bis Ende 2007 in Betrieb genommen. Dann erreicht das Werk seine volle Kapazität von 133 000 Tonnen Aluminium jährlich. Foto: Ulrich Perrey dpa/lno +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa)Die Produktion von Aluminium verbraucht viel Energie (dpa)

"Denn die können, indem sie die Produktion hochfahren, wenn viel Wind und viel Sonne da ist, Strom aus dem Netz ziehen. Die können die runterfahren zwei Grad, können damit den Stromverbrauch senken. Das sind Konzepte, die liegen auf dem Tisch."

Doch ob daraus etwas wird, darauf würde der Innovation-City-Chef keine Wette mehr abschließen. Zu oft haben er und seine Leute in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen im letzten Moment zurückzucken, wenn es ums Energiesparen geht.

Ein Drittel der Energiekosten einsparen

Der Stadtplaner Alexandro Hugenberg war jahrelang als Energieberater für die Innovation-City in Bottrop unterwegs, um mit Managern und Geschäftsführern Energiespar-Konzepte auszuarbeiten, Konzepte, die sehr detailliert auf die jeweiligen Betriebe zugeschnitten waren. Er erzählt von Unternehmen, die ein Drittel ihrer Energiekosten hätten einsparen können – und dann doch lieber alles beim Alten ließen. 
 
"Das Problem bei den Unternehmen ist, dass die sehr stark auf ihren Produktionsprozess orientiert sind und befürchten, dass durch Veränderungen in dem Prozess, Veränderungen in der Technik, Unterbrechungen des Produktionsprozesses kommen und dann oft Entscheidungen, die nachweislich zu Kosteneinsparungen kommen, dass diese Entscheidungen dann nicht getroffen werden, zugunsten eines Prozessablaufes, der ungehindert weiter laufen kann."

"Das Thema Energie ist für viele Unternehmen uninteressant"

Ein wichtiger Teil des Klimakonzeptes in Bottrop ist es, immer wieder auf die Unternehmen zuzugehen, individuelle Konzepte auszuarbeiten und auf die Einsparmöglichkeiten hinzuweisen. Dabei haben sie in Bottrop allerdings auch gelernt, dass Energiekosten für viele Unternehmen keine Rolle spielen. Energie sei viel zu billig, meint der Bottroper Klimamanager Burkhard Drescher: 

"Das Thema Energie ist für viele Unternehmen wirtschaftlich relativ uninteressant. Wir haben das gehört von Unternehmen, die sagen, das macht bei uns zwei Prozent der Kosten aus. Wenn Sie ein Konzept haben, um Personal zu sparen, das finden wir interessant, aber die zwei Prozent interessieren uns nicht."

Dank der Hartnäckigkeit der Innovation-Mitarbeiter haben sich aber vor allem mittelständische Betriebe auf Energiesparkonzepte eingelassen. Die Firma Technoboxx zählt zu den Vorzeige-Unternehmen in Bottrop.

Schweißen mit Sonnenenergie

Technoboxx schweißt komplizierte Metallteile für die Industrie. Geschäftsführer Ralf Warkotsch hat deshalb 300 Solarmodule aufs Dach schrauben lassen. Seine Arbeiter schweißen jetzt mit Sonnenenergie, und auch sonst hat Warkotsch alles getan, um möglichst wenig Energie zu verschwenden. 
 
"Wir haben circa ein Kilometer Kunststofffußbodenheizung verlegt. Die Wärmeerzeugung findet über einen Pelletbrenner statt. Die Fußbodenheizung ist sehr effektiv, weil normale Hallenheizungen funktionieren ja über Konvektion, das heißt, überall hängen große Gebläse in sehr hoher Höhe, und dann ist die Wärme nämlich nicht da, wo wir sie wollen. Und hier stehen sie sozusagen auf der Heizung." 

Der Unternehmer Warkotsch ist stolz darauf, dass er seinen 40-Mann-Betrieb inzwischen fast klimaneutral aufgestellt hat.

Vernetzung der Industrie scheitert

Doch wenn es um die energetische Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen geht, dann ist auch für klimafreundliche Chefs sofort Schluss. Alle Pläne der Innovation-Manager, die Bottroper Industrie stärker zu vernetzen, sind letztlich gescheitert. Einmal, so erzählt der Stadtplaner und Energieberater Alexandro Hugenberg, einmal hätte er es fast geschafft. Ein Betrieb im Industriegebiet war bereit, seine überschüssige Prozesswärme günstig an zwei Nachbarbetriebe zu verkaufen. Die hätten dadurch deutlich weniger Öl und weniger Gas verbraucht. Die Wärme wäre auch ohne große Investitionen auf kurzem Weg dort angekommen. Alle hätten bei dem Geschäft gewonnen, auch das Klima. Doch das Geschäft platzte.

"Es hat nicht funktioniert, weil man sich nicht abhängig machen wollte. Die eigene Handlungsfähigkeit steht bei den Unternehmen ganz oben. Das hat dazu geführt, dass sie sich dann nicht bereit erklärt haben, diesen Prozess, den wir eigentlich sehr gut und sehr erfolgreich begonnen hatten, dann weiter zu führen."

Große CO2-Einsparungen sind ausgeblieben

Dazu kommt, dass sich Handwerksbetriebe wie Industrieunternehmen ungern in die Karten schauen lassen. Zu groß ist die Angst, die Konkurrenz könnte technische Details der Energiekooperation erfahren und daraus Rückschlüsse auf die Produktionsverfahren ziehen.

Vor dem rotgefärbten Abendhimmel steigt Qualm aus dem Schornstein einer Müllverbrennungsanlage in Oberhausen. (dpa / Franz-Peter Tschauner )Die Pläne, die Bottroper Industrie stärker zu vernetzen und so CO2 zu sparen, sind gescheitert (dpa / Franz-Peter Tschauner )

Die ganz großen CO2-Einsparungen durch die Industrie, wie man sie sich in Bottrop erhofft hatte, sind dadurch ausgeblieben. Auch beim Autoverkehr gab es Enttäuschungen. Zwar stellt die Stadtverwaltung ihren Fuhrpark zunehmend auf Dienstfahrräder und Elektroautos um, aber das geht doch sehr langsam und hat insgesamt wenig Auswirkungen auf den Klimahaushalt der Stadt. Zudem will die regionale Busgesellschaft nur eine einzige Buslinie auf Elektrobusse umstellen. Statt weitere Stromfahrzeuge zu ordern, ließ die Busgesellschaft im Sommer mitteilen, dass sie lieber auf verbesserte Dieselfahrzeuge setzt.

Größte Einsparungen bei Wohnungssanierungen

Trotz aller Rückschläge hat es die Innovation-City Bottrop in nur acht Jahren geschafft, den CO2-Ausstoß im Vergleich zu 2010 fast zu halbieren. Doch anders als geplant, sind die größten Einsparungen bei der Sanierung von Wohnungen erreicht worden. Pro Jahr werden in Bottrop derzeit dreimal so viele Privathäuser aufs Energiesparen getrimmt wie im Bundesdurchschnitt. 

Das Besondere dabei ist, dass die Berater der Innovation-City den Hauseigentümern ausdrücklich empfehlen, auf besonders teure Maßnahmen zu verzichten. Klimamanager Burkhard Drescher: 

"Wenn man die obere Geschossdecke dämmt, hat man einen Effekt, der zwischen 90 und 95 Prozent gegenüber einer vollkommen neuen Eindachung einzustufen ist, kostet aber nicht 30.000 Euro sondern nur 3.000 Euro, man kann´s vielleicht sogar selber machen. Und die Leute machen es dann."

Mietshäuser sozialverträglich sanieren

90 Prozent der möglichen CO2-Einsparung bei 10 Prozent der Kosten – mit diesem Konzept hat das Innovation-City-Management auch große Wohnungsunternehmen wie Vonovia überzeugt, ihre alten Mietshäuser sozialverträglich zu sanieren. So erfolgreich, dass Vonovia das Konzept inzwischen auch in anderen Ruhrgebietsstädten weiter verfolgt. 

Die Eltingsiedlung in Essen-Nord wurde in den letzten Monaten komplett renoviert. Die ehemals grauen Mietshäuser haben einen freundlichen, hellen, Anstrich bekommen, jede Wohnung hat jetzt einen kleinen Balkon, und im Innenhof, wo früher die maroden Garagen standen, sind jetzt drei Kinderspielplätze für verschiedene Altersgruppen. Vorne, an den frisch gepflasterten Wegen wird gerade ein Abstellplatz für Rollatoren gebaut. 

Neun von zehn Mietern in der Siedlung sind Rentner oder Sozialhilfeempfänger. Eine drastische Mieterhöhung wäre für die meisten nicht drin gewesen, dann hätten sie ausziehen müssen. Deshalb hat Vonovia auf Drängen der Innovation-City auf die teure Außendämmung genauso verzichtet wie auf Aufzüge. Stattdessen Nachtspeicheröfen raus, neue Heizung rein, neue Fenster und an Dämmung nur das Nötigste. Reiner Kipka lebt seit 40 Jahren in seiner Wohnung. Ein Euro mehr Miete pro Quadratmeter, das geht in Ordnung, sagt er.

Kaltmieten dürfen steigen - die Warmmiete nicht

"Ich habe 59 qm Wohnfläche, also 59 Euro Mieterhöhung. 39 Euro die Heizung. Ich habe bezahlt 94 Euro Nachtstrom pro Monat. Also habe ich rechnerisch nur sechs Euro Mieterhöhung. Das kann man gut verkraften. Ist auch angenehmer. Dachboden von der Seite gedämmt, hier oben ist neu gedämmt worden, das merkt man schon." 

Auch bei anderen Wohnungsgesellschaften hat das Beispiel Bottrop inzwischen Schule gemacht. Die Kaltmieten dürfen steigen, aber die Warmmiete muss gleich bleiben, nach diesem Rezept wird inzwischen im ganzen Ruhrgebiet saniert. Die Gebäude sind dann zwar nicht auf dem allerneuesten Stand der Technik. Aber sie verbrauchen deutlich weniger Energie als bisher.

Die Digital-Anzeige eines Blockheizkraftwerks (picture alliance / dpa - Jens Büttner)Die Digital-Anzeige eines Blockheizkraftwerks (picture alliance / dpa - Jens Büttner)

Zurück in Bottrop, in der Eichendorfstraße. Uta Graefe betreibt hier einen Blumenladen und ein Blumenatelier. Mit Laden, Atelier und Wohnhaus hat Uta Graefe 380 Quadratmeter zu heizen. Vor vier Jahren hat sie sich deshalb von den Energie-Beratern der Innovation-City überreden lassen, sich ein kleines Heizkraftwerk in den Keller zu stellen.

"Das ist die Brennstoffzelle, sieht unspektakulär aus."

Das ganze Mikro-Kraftwerk ist nicht größer als ein Kühlschrank, heizt das ganze Haus und liefert nebenher noch 13.000 Kilowatt Strom im Jahr. Was so eine Anlage kostet, das weiß Uta Graefe selbst nicht so genau, so um die 20.000 Euro, meint sie, aber dieses Gerät hier hat ihr das Innovation-City-Management umsonst in den Keller gestellt. Ist ja ein Modell-Versuch, bei dem herauskommen soll, ob sich das lohnt für die Stadt und für die Graefes:
 
"Wir kriegen den eigenen Strom, richtig, aber die Brennstoffzelle braucht ja unheimlich viel Gas. Wir setzen also sehr viel Gas ein, um die zu betreiben. Die Wartung ist ja auch sehr hoch, das sind ja alles Betriebskosten, die man hat. Also, das Finanzamt glaubt uns manchmal nicht so ganz, dass wir so hohe Betriebskosten haben, für das bisschen, was wir da rausholen."

Dennoch: Solche Mikro-Kraftwerke stoßen nur halb soviel CO2 aus, als wenn Strom und Wärme getrennt produziert würden. Hunderttausend Mikroanlagen können ein ganzes Kohlekraftwerk ersetzen. Außerdem wären kaum noch Stomtrassen nötig, wenn jedes Haus seinen Strom im Keller selbst produzieren würde.

Finanzamt macht Gewinn zunichte

Doch Uta Graefe hat Zweifel, dass sich die Kellerkraftwerke in naher Zukunft durchsetzen werden. Noch sind die Geräte viel zu teuer, sagt sie, als dass sie sich für Privathaushalte lohnen würden. Vor allem aber mache das Finanzamt jeden Gewinn zunichte. Denn auch Strom, der für den Eigengebrauch hergestellt wird, muss versteuert werden. Das kostet Geld und noch mehr Zeit. 

"Der Zeitaufwand ist extrem groß. Also sehr viel Schreibkram, da blickt auch keiner durch, selbst der Steuerberater kennt sich damit nicht gut aus. Das müssen wir alles aus dem Internet raussuchen und uns da so durchwuseln."

Stromverkauf an Nachbarn ist verboten

Ein paar Hundert Meter von Graefes Haus entfernt hat eine lokale Wohnungsgesellschaft ein Energie-Plus-Haus gebaut, mit Geothermieanlagen, die Wärme aus dem Boden erzeugen, und Solarzellen auf dem Dach. Weil das Haus mehr Energie herstellt als es selbst benötigt, wollte die Gesellschaft den Strom an die Nachbarn verkaufen. Doch das ging nicht: Selbst erzeugter Strom darf nur selbst genutzt oder ins öffentliche Netz eingepeist werden, erklärt Silke Bender von der Innovation-Gesellschaft, jeder Direktverkauf an die Nachbarn ist nach deutschem Gesetz verboten. Immerhin konnte die Wohnungsgesellschaft den Strom für sich selbst nutzen.

Arbeiter installieren Solarzellen auf einem Dach, aufgenommen am 06.03.2012 in Igersheim. (dpa picture alliance / Daniel Kalker)Selbst erzeugter Strom darf nur selbst genutzt oder ins öffentliche Netz eingepeist werden. Der Direktverkauf an die Nachbarn ist nach deutschem Gesetz verboten. (dpa picture alliance / Daniel Kalker)

"Wir haben Glück, dass das Verwaltungsgebäude direkt neben dem Plus-Energie-Haus steht und keine Straße dazwischen ist. Hätte das Verwaltungsgebäude der Wohnungsbaugesellschaft auf der anderen Seite der Straße gestanden, hätten wieder gesetzliche Bestimmungen dagegen gesprochen, dorthin den Strom der Photovoltaikanlage zu leiten."

Zuviel Rücksicht auf die großen Energiekonzerne

Innovation-Chef Burkhard Drescher ist nach acht Jahren klimagerechtem Stadtumbau in Bottrop überzeugt, dass sich Deutschland beim Klimawandel selbst behindert. Zuviel Bürokratie, zu viel Rücksicht auf die großen Energiekonzerne. Wer sich wie die Graefes ein Mikrokraftwerk in den Keller stelle, meint Drescher, der werde behandelt wie die Betreiber von riesigen Kohlekraftwerken. Selbst das Kartellamt und die Bundesnetzagentur verlangten detaillierte Auskünfte. 

"Die Bundesregierung Deutschland will keine Energiewende. Wenn sie eine Energiewende wollte, könnte sie sie mit administrativen Erleichterungen freischießen." 

Ein erster Schritt wäre die Entbürokratisierung der Kraft-Wärme-Anlagen, kurz KWK.
 
"Es ginge ganz einfach, die KWK-Anlagen in den gleichen Status zu bringen wie einen Brennwertkessel. Da haben sie nix mit Bundesnetzagentur zu tun. Und da könnten sie sofort den Wirkungsgrad dieser Gasheizungen verdoppeln. Und wenn Sie dann noch die Häuser miteinander vernetzen dürften, dann hätten sie in einem Quartier die Energiewende von unten, dann könnte man richtig Energie sparen, damit CO2 sparen und damit was für den Klimawandel tun."

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