Samstag, 18.01.2020
 
Seit 23:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteKommentare und Themen der WocheFür Insekten wird es eng auf der Welt08.01.2020

"Insektenatlas" von Bund und Böll-StiftungFür Insekten wird es eng auf der Welt

Der dramatische Insektenschwund sei längst zu einem globalen Problem geworden, kommentiert Christiane Habermalz. Dennoch werde die industrielle Landwirtschaft weiterhin als alternativlos in die letzten Winkel der Erde exportiert. Profitieren täten von diesem Fortschritt nur wenige.

Von Christiane Habermalz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine tote Bienenkönigin mit einer roten Markierung auf dem Rücken liegt am Boden auf einem Blatt Papier. (picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
40 Prozent der Arten weltweit sind zum Teil stark rückläufig - auch der Lebensraum der Bienen schrumpft (picture alliance / Karl-Josef Hildenbrand)
Mehr zum Thema

Neonikotinoide "Eine Art Krieg gegen Insekten"

Tests mit Laternenfeldern in Brandenburg Licht aus – für Sterne und Insekten!

Insektenrückgang Maikäfer flog: Vom Verschwinden der Insekten

Insekten als Tierfutter Vom Milchbauern zum Mehlwurmzüchter

Insekten in der Musik Krabbeln und Summen

Es gibt seit einiger Zeit eine neue Art von Kuhfladen auf deutschen Wiesen. Sie sind steinhart und lassen sich kaum noch vom Boden lösen. "Betonfladen" werden sie von Wissenschaftlern genannt.

Kuhmist ist eigentlich ein Hotspot der Artenvielfalt, er wird von einer Vielzahl von Käfern, Fliegen, Mücken und Schwebfliegen besiedelt, die den Dung zersetzen. Von diesen ernähren sich wiederum Vögel und Fledermäuse. Doch mittlerweile sind selbst die Ausscheidungen der Kühe so giftig, dass die Dungkäfer sterben, bevor sie ihre nützliche Arbeit verrichten können.

Das Gift ist überall

Grund dafür sind Pestizidrückstände aus dem Kraftfutter, das zum großen Teil in Brasilien und Argentinien angebaut wird. Dort wird in riesigen Monokulturen Futtersoja angebaut – mit massivem Einsatz von Glyphosat und Pestiziden. Damit wir hier billiges Fleisch kaufen können, wird dort massiv Umwelt zerstört und weiteres Insektensterben in Kauf genommen.

Für Insekten wird es eng auf der Welt: Überall trachtet man ihnen nach dem Leben. Das Gift ist überall. Die industrielle Landwirtschaft wird als alternativlos noch in die letzten Winkel der Erde exportiert. Rund um den Globus werden die letzten Reste von Natur oder einst strukturreiche Agrarlandschaften in ökologisch tote Flächen verwandelt. Das gilt nicht nur für die Sojafelder oder die Bananenplantagen in Südamerika, sondern auch für die Gemüseanbaugebiete in Südspanien oder die Baumwollpflanzungen in Indien.

40 Prozent der Arten stark rückläufig

Profitieren tun von diesem Fortschritt nur wenige, während Hunderttausende Kleinbauern von ihrem Land verdrängt werden. Der Kollateralschaden ist die Natur. Ein Umdenken hin zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft ist dringend nötig. Seit 1950 ist der Verbrauch von Pestiziden weltweit um das 50fache gestiegen. Der dramatische Insektenschwund ist längst zu einem globalen Problem geworden. 40 Prozent der Arten weltweit sind zum Teil stark rückläufig.

Insekten und Landwirtschaft: eine Schicksalsgemeinschaft

Dabei sind Landwirtschaft und Insekten eine Schicksalsgemeinschaft, wie der BUND und die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrem Insektenatlas betonen. Sie sind keine natürlichen Feinde wie es uns die deutsche Agrochemie weismachen will, die mit dem Verkauf und dem Export von Pestiziden weltweit Milliarden verdient. Insekten bestäuben drei Viertel der Kulturpflanzen weltweit oder steigern ihren Ertrag. Ohne sie käme es zu Ernte- und Einnahmenverluste in Milliardenhöhe. Sie vertilgen selber Schädlinge - oder sie sind eben als Dungzersetzer unterwegs, die aus Kuhmist wieder fruchtbaren Boden machen.

Mag sein, dass es irgendwann gelingt, den Verlust von Insekten durch technische Lösungen wettzumachen: Durch Roboterbienen oder Drohnen, die in einer Landwirtschaft unter Plastik die Reihen abfahren. Den kollabierten Ökosystemen wird das nicht helfen. Eine Welt ohne Insekten wird noch ganz andere Probleme mit sich bringen als Betonfladen.

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk