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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Man muss die Landwirtschaft umweltverträglicher machen"10.10.2018

Insektenschutz"Man muss die Landwirtschaft umweltverträglicher machen"

Viele Lebensräume von Insekten gingen durch die intensive Landbewirtschaftung verloren, sagte der Agrarwissenschaftler Peter Feindt im Dlf. Mit den reichhaltigen Mitteln der Agrarpolitik sollten deshalb umweltfreundliche und auch insektenfreundliche Methoden stärker unterstützt werden.

Peter Feindt im Gespräch mit Jule Reimer

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Ein Weizenfeld (Triticum) in der Wetterau, der "Kornkammer Hessens" (picture alliance/imageBROKER)
Landwirte, die Landschaftsvielfalt bereitstellen, sollten belohnt werden, meint der Agrarwissenschaftler Peter Feindt (picture alliance/imageBROKER)
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Jule Reimer: Bienen, wilde als auch die gezüchteten, sind bares Geld wert. Das merken wir allerdings erst, wenn ihre Bestäubungsleistung ausfällt. Die Nachrichten über immer weniger Insekten haben auch die Bundesregierung wachgerüttelt. Bereits im Juni hat die Regierungsmannschaft die Eckpunkte eines Insektenschutz-Aktionsprogramms beschlossen. Zur Stunde diskutieren Wissenschaftler und Praktiker in Berlin im nationalen Forum zur biologischen Vielfalt über den richtigen Insektenschutz. Kurz vor dieser Sendung konnte ich mit Peter Feindt sprechen. Er ist Professor für Agrar- und Ernährungspolitik und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Biodiversität und genetische Ressourcen. Ich fragte ihn, ob der Ansatz des Bundesumweltministeriums, die Düngung von bestimmten Ackerstreifen zu verbieten, der richtige sei.

Peter Feindt: Die Düngung ist nur eine Maßnahme. Wir haben mit unserem Gutachten eine Reihe von Ursachen herausgestellt, die dazu beitragen, dass die Insekten zurückgehen und viele Insekten vermutlich aussterben könnten, und dabei ist die Düngung eine Maßnahme.

Reimer: Wie ist da der Zusammenhang?

Feindt: Der Zusammenhang ist, wenn gedüngt wird: Düngung enthält oft Stickstoff und andere Nährstoffe und ein Teil dieser Nährstoffe wird oft ausgetragen in die naheliegenden Oberflächengewässer. Dieses Risiko ist besonders hoch, wenn diese Düngemittel ganz in der Nähe dieser Oberflächengewässer eingesetzt werden. Daher empfiehlt es sich aus naturschutzfachlicher Sicht, hier einen gewissen Abstand einzuhalten.

"Viele Lebensräume gehen verloren"

Reimer: Was sind denn dann noch die wichtigsten Faktoren, die den Insekten das Leben schwermachen?

Feindt: Was aus unserer Sicht wohl der wichtigste Faktor ist, dass viele Lebensräume von Insekten verlorengehen. Ein Grund dafür ist, dass die Landbewirtschaftung in den letzten Jahrzehnten sehr viel intensiver geworden ist, dass die Anzahl der verschiedenen Fruchtarten, die angebaut werden, zum Beispiel Raps oder verschiedene Getreidesorten, sich vermindert hat, dass wir oft jetzt ein und dieselbe Fruchtart in großen Flächen in der Landschaft haben, so dass im Zeitablauf vom Frühjahr über den Sommer bis zum Herbst oft für viele Insektenarten einfach nicht die richtigen Nahrungsquellen vorhanden sind. Es sind eine Reihe von Nist- und Bruthabitaten verloren gegangen. Daher halten wir es zunächst für besonders wichtig, dass wir die verbliebenen vielfältigen Landschaftselemente sichern und erhalten und dafür sorgen, dass die Landwirtschaft in Zukunft auch in vielfältigeren Landschaften wieder stattfinden kann.

Reimer: Heißt das denn, dass Sie das Ende der Intensivlandwirtschaft einläuten möchten?

Feindt: Intensivlandwirtschaft ist ja ein sehr großer Begriff. Wir wollen natürlich weiterhin, dass die Landwirte produzieren können und dass sie damit auch Geld verdienen können. Was wir gerne wollen ist, dass die Landwirtschaft ermutigt und auch unterstützt wird, dieses mit umweltfreundlicheren und auch insektenfreundlicheren Methoden zu machen. Das heißt, wir plädieren sehr dafür, dass die Mittel in der Agrarpolitik, die ja sehr reichhaltig vorhanden sind, stärker dafür eingesetzt werden, Landschaftsvielfalt zu unterstützen und auch Landwirte zu belohnen, die Landschaftsvielfalt bereitstellen, dass wir die Landwirte dabei unterstützen, konsequent integrierten Pflanzenschutz umzusetzen, dass wir ihnen dabei helfen, mit weniger Düngung umzugehen, und auch, dass die Düngegesetzgebung, die neue, die ja sehr viel stringenter ist, konsequent umgesetzt wird. Dies sind alles Dinge, was nicht bedeutet, dass man Landwirtschaft jetzt einstellen muss, aber dass man sie umweltverträglicher macht, und wir plädieren dafür, dass die Agrarpolitik konsequent darauf ausgerichtet wird, die Landwirte dabei zu unterstützen, dass sie auch hier ihre Praktiken umstellen können.

Schädlinge durch nichtchemische Maßnahmen unterdrücken

Reimer: Könnten Sie noch mal definieren, was Sie unter integriertem Pflanzenschutz verstehen?

Feindt: Integrierter Pflanzenschutz bedeutet, dass man zunächst versucht, durch geeignete Anbaumethoden dafür zu sorgen, dass möglichst wenig Schädlingsdruck auftritt, und dass man dann versucht, zunächst auch durch nichtchemische Maßnahmen Schädlinge zu unterdrücken. Und erst wenn das alles nicht funktioniert und wenn ein großer wirtschaftlicher Schaden droht, erst dann sollte chemischer Pflanzenschutz eingesetzt werden. Dabei bedeutet das auch, dass man versucht, möglichst gezielte Mittel einzusetzen und nach Möglichkeit keine Breitband-Herbizide oder Breitband-Insektizide, die noch alle möglichen anderen Organismen, die selber gar keinen unmittelbaren Schaden herstellen können, mit betreffen.

Reimer: In Brüssel steht ja in der Tat die Reform der EU-Agrarreform an. Jetzt gibt es aber bereits Widerstand gegen Vorschläge aus Brüssel, die sagen, mehr Umweltaspekte müssen berücksichtigt werden. Haben Sie das Gefühl, Ihre Botschaften kommen bei den Landwirten an, oder beim Deutschen Bauernverband, und ist Ihre Position denn abgestimmt mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium?

Landwirtschaft fürchtet höhere Kosten

Feindt: Wir haben bei diesem Gutachten sämtliche Ministerien mit einbezogen. Die konnten auch Entwurfsfassungen diskutieren. Wir sind im Gespräch auch mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium und dort versteht man natürlich auch, dass wir diese Herausforderungen haben. Der Rückgang der Insekten hat ja langfristig auch möglicherweise negative Auswirkungen auf die Produktivität – dadurch, dass biologische Regulierungsmechanismen möglicherweise zerstört werden und man daher in Zukunft eventuell tatsächlich auch noch mehr künstlichen Insektenschutz und Schädlingsschutz einsetzen müsste. Wir sehen das auch in den Vorschlägen der Europäischen Kommission. Dort gibt es ja durchaus die Möglichkeit, dass die Mitgliedsstaaten, wenn sie wollen, in Zukunft auch mehr machen können bei den Umweltschutzmaßnahmen. Aber wir sind hier natürlich im Interessenkampf. Die Landwirtschaft befürchtet jedenfalls zum Teil, dass hier Kosten auf sie zukommen, die für sie nicht kompensiert werden, und deshalb schlagen wir ja auch vor, dass die öffentlichen Mittel stärker ausgerichtet werden sollen, die Landwirte dabei zu unterstützen, dass sie umweltfreundlicher wirtschaften können.

Reimer: Das Interview mit dem Professor für Agrarpolitik, Peter Feindt, haben wir vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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