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StartseiteEuropa heuteInsel der Schuldner04.12.2012

Insel der Schuldner

Auf Zypern gibt es so viele verschuldete private Haushalte wie nirgendwo sonst im Euroraum

Die Euro-Finanzminister haben darüber beraten, ob Zypern reif für ein Hilfsprogramm ist. 17 Milliarden Euro benötigt die Insel-Republik. Doch nicht nur der Staat, auch die privaten Haushalte sind hoffnungslos überschuldet. Nirgendwo sonst im Euroraum sitzen so viele Menschen auf Krediten wie auf Zypern.

Von Gunnar Köhne

Mit dem Zypern in Aussicht gestellten 17 Milliarden-Euro-Kredit würden die zyprischen Banken gerettet - doch die verschuldeten Familien fühlen sich allein gelassen. (picture alliance / dpa)
Mit dem Zypern in Aussicht gestellten 17 Milliarden-Euro-Kredit würden die zyprischen Banken gerettet - doch die verschuldeten Familien fühlen sich allein gelassen. (picture alliance / dpa)

Antonis Saralis war einst ein Star in seiner Heimat. Der Tänzer und Musiker trat jeden Abend in den Clubs von Nikosia oder im Fernsehen auf. Die Frauen lagen ihm zu Füssen. Man nannte ihn den Ballerino von Nikosia. Das ist gerade einmal zehn Jahre her. Nun warten Saralis – die schulterlangen Haare ergraut, die Schultern eingefallen – und seine Frau Kate zu Hause auf den Gerichtsvollzieher.

Die Saralis' sind hoffnungslos überschuldet. Drei Kredite müssen sie zurückzahlen, über 300.000 Euro insgesamt:

"Es war so einfach, einen Kredit zu bekommen, es gab keine Fragen! Die gaben uns einfach was zum unterschrieben, und wir haben den Text gar nicht gelesen. Wenn man kein regelmäßiges Einkommen hat und die Raten nicht zahlen kann, und du zwei, drei Monate im Rückstand bist, kommen die Verzugszinsen dazu. Jetzt haben wir allein für diese Wohnung einen Kredit von 85.000 Euro. Wir zahlen 150-200 Euro monatlich ab. Aber nur für die Zinsen"

So wie den Saralis' geht es vielen in Zypern. Nirgendwo sonst im Euroraum sind die privaten Haushalte so verschuldet. Ob für ein neues Auto, eine Wohnung oder eine Geschäftsgründung: 20 Milliarden Euro haben Privatleute bei Banken geliehen, als die zyprische Wirtschaft boomte und annähernd Vollbeschäftigung herrschte. Doch nun in der Krise können die wenigsten die Kredite wieder zurückzahlen.

"Ich kann meine Kredite nicht bedienen, weil in meinem Laden die Kundschaft ausbleibt. Aber wir haben ja auch noch neben den Krediten noch Miete und Löhne."

"Ich brauche jährlich 30.000 Pfund für das Studium meines Sohnes in England. Das finanziere ich mit einem Kredit. Dann habe ich noch ein Hauskredit. Den zahle ich mit meiner Rente zurück. Meine Frau hat zum Glück auch noch ihre Rente. Dabei sollte man bei den Kürzungen bei denen ganz oben anfangen! Oder gibt es irgendein anderes Land, wo der Präsident zum Abschied 320.000 Euro geschenkt kriegt?"

Wütend sind die Zyprer nicht bloß auf die Politiker, die sich weiterhin selbst bedienen. Der inzwischen entlassene Chef der zyprischen Zentralbank hat sich, wie bekannt wurde, selbst einen 500.000-Euro-Kredit mit fast null Zinsen genehmigt. Die Kreditgeber aus EU, IWF und Europäischer Zentralbank fordern ein Ende von Verschwendung und Vetternwirtschaft, vor allem der aufgeblähte öffentliche Sektor müsse geschrumpft werden.

Und die Banken müssten nach ihrer Rettung durch die EU in ihrer Kreditpolitik stärker an die Leine gelegt werden. Mit unhaltbaren Versprechen hätten sie die Zyprer jahrelang in die Kreditfalle gelockt, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Georgiadis Matsis:

"Was die Banken zu dem exzessiven Geldverleih getrieben hat, sind die riesigen Einlagen von ausländischem Kapital. 21 Milliarden Euro haben Ausländer in zyprischen Banken gelagert – das ist mehr als das jährliche Bruttosozialprodukt des Landes."

Das meiste Geld stammt von russischen Investoren, sie haben Zypern zu Zehntausenden als zweite Heimat entdeckt. Nach Erkenntnissen des deutschen Bundesnachrichtendienstes liegt auf deren Konten überwiegend Schwarzgeld. Die zyprische Regierung bestreitet das. Mit dem in Aussicht gestellten 17 Milliarden-Euro-Kredit werden die zyprischen Banken gerettet, doch verschuldete Familien wie die Salaris fühlen sich allein gelassen.

"Vor sieben Monaten haben wir einen Antrag auf Sozialhilfe gestellt. Wir haben bis heute keine Antwort bekommen. Einen Staat gibt es in diesem Land nicht."

Antonis Saralis kann durch Taxifahren gelegentlich etwas dazu verdienen. Unterwegs hat er beobachtet, wie Nikosias Straßen immer leerer wurden. Einkaufen und Ausgehen hätten die meisten gestrichen. Saralis wünscht sich manchmal, Fehler wieder rückgängig machen zu können:

"Ich hätte nicht so viele Kredite aufnehmen sollen, hätte bei meinen Ausgaben zurückhaltender sein sollen. Die Jugend heute in Zypern wird es in Zukunft schwer haben. Sie muss sich davon verabschieden, dass sie alles haben kann, das sie will."

Niedrige Steuern, billige Kredite und russisches Geld haben der Insel fette Jahre beschert. Nun stehen Zehntausende verschuldete Zyprer vor dem Nichts. So wie Antonis Saralis, der Ballerino von Nikosia.

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