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StartseiteSonntagsspaziergangSchwebend durch den Schärengarten10.02.2019

Inseln vor StockholmSchwebend durch den Schärengarten

Wer auf einer der Inseln im schwedischen Schärengarten lebt, ist auch im Winter nicht vom Festland abgeschnitten. Ein Transportservice mit Schwebebooten sorgt dafür, dass Kinder zur Schule oder Pendler zur Arbeit kommen.

Von Klaus Betz

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Sicht aus dem vorderen Teil des Luftkissenbootes nach draußen auf dei Eisfläche (Klaus Betz)
Mit dem schwedischen Luftkissenboot durch das Inselreich des Stockholmer Schärengartens. (Klaus Betz)
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Draußen weht ein kühler Wind über die Eisfläche. Das ist unangenehm auf die Dauer. Deshalb gibt es bei der Anlegestelle in Åsättra Brygga ein beheiztes Wartehäuschen: mit Stühlen, einem Tisch, und einem kleinen Bücherregal. Und es gibt, wie üblich in Schweden, eine gut funktionierende Mobilfunkverbindung.  

Nach dem Telefonat mit Matte Hedelin bin ich beruhigt; er holt mich um 16.05 Uhr ab. Hier draußen hängen zu bleiben, wäre kein Vergnügen. Aber jetzt weiß ich: Matte Hedelin wird mich von hier aus mit dem kleinen Luftkissenboot auf die Insel Svartsö bringen. Nicht weil das mit 65 Einwohnern eine besonders große oder wichtige Insel wäre, sondern weil es dort ein Hotel gibt, das auch im Winter geöffnet hat – als Jugendherberge mit Selbstversorgung.

Außerdem existiert auf Svartsö noch die einzige kleine Inselschule weit und breit, weshalb jeden Morgen Schülerinnen und Schüler von den umliegenden Inseln herbeischweben. Das ist wörtlich gemeint, denn die in Schweden gebauten Luftkissenboote werden hier ganz einfach Svävare genannt – Schweber, mit Platz für maximal vier Passagiere plus Gepäck.  

Das Wartehäuschen in Åsättra liegt nicht in einer Ortschaft, es ist einfach die Endstation der Stockholmer Buslinie 626 – umgeben von ein paar Parkplätzen und einer Rampe für die ankommenden oder abfahrenden Luftkissenboote. Kein Café, kein Getränkeautomat. Hier endet ganz einfach das Festland im Nichts und jenseits davon beginnt das weit ausgedehnte Inselreich des Stockholmer Schärengartens.

Das Luftkissenboot auf der Eisfläche vor Holzhäusern (Klaus Betz)Eines der schwedischen Luftkissenboote "Svävare", die im Stockholmer Schärengarten unterwegs sind. (Klaus Betz)

Weil wir noch auf zwei Passagiere warten müssen - eine Mutter mit Kleinkind -, hat Matte Hedelin etwas Zeit. So kann er mir erklären, wann und wie er auf die Idee gekommen ist, seinen Transportservice mit den Schwebebooten anzubieten.

"Ich habe 1990 damit angefangen. Damals mussten die meisten Schulkinder im Winter am Festland wohnen bleiben. Sie konnten wegen der schwierigen Eisverhältnisse oft nicht nachhause kommen – wochenlang. Der Bootsverkehr wurde zu Beginn des Winters oder zum Ende häufig eingestellt. Und dann gab es gleich mehrere Winter hintereinander, in dem sich kein tragfähiges Eis bilden wollte – noch nicht einmal für Schneemobile – und dann habe ich mir gedacht: Es muss irgendwie eine andere Lösung geben, und so bin ich auf die Luftkissenboote gekommen."                                         
  
Inzwischen ist Matte Hedelins Service ein fester Bestandteil des öffentlichen Transports geworden. Die Flotte von Svisch-Air, so heißt sein kleines Unternehmen, besteht aus drei Luftkissenbooten, die er zusammen mit einer Kollegin und einem Kollegen betreibt.

Überall gleichwertige Lebensverhältnisse

Sobald das Meer zufriert – zwischen Ende Dezember und Anfang Februar –, fährt die Svisch-Air-Flotte fast überall zwischen den bewohnten Inseln und dem Festland hin und her. Nach Fahrplan. So kommen die Kinder stets pünktlich zur Schule und wieder nachhause und die Erwachsenen zur Arbeit.                                                     
 
"Es gibt eine ganze Reihe von Handwerkern und anderen Pendlern, die im Winter fast jeden Tag mitfahren. Die meisten wohnen hier auf den Inseln und pendeln zum Festland. Und umgekehrt: Es gibt auch Pendler vom Festland, die auf die Inseln raus wollen." 

In Schweden legt man seit jeher großen Wert darauf, dass auch die dünn besiedelten Regionen ganzjährig bewohnt bleiben. Das ist politisch gewollt. Zum einen, weil es in der schwedischen Gesellschaft Konsens ist, möglichst überall für gleichwertige Lebensverhältnisse zu sorgen. Zum anderen haben viele Schweden ihre soziokulturellen Wurzeln auf dem Land.

Und deshalb wird die Mobilität der abseits lebenden Einwohner auch staatlich subventioniert. Während der winterlichen Eisperiode sorgt Svisch-Air also dafür, dass die Inselbewohner mobil bleiben. Das hat Vorrang. Wer sich eine Tour mit Luftkissenboot zum privaten Vergnügen leisten will, kann dies zwar tun, muss dann aber Taxi-Preise bezahlen. Davon ausgenommen sind natürlich Notfälle, erzählt Matte Hedelin. 

Matte Hedelin mit brauner Jacke schaut in die Kamera (Klaus Betz)Matte Hedelin hatte die Idee zu einem Transportservice mit Schwebebooten. (Klaus Betz)

"Ich habe gerade vor zwei erst Wochen eine hochschwangere Frau gefahren. Die Notfallzentrale rief mich nachts um vier Uhr an, weil der Hubschrauber wegen schlechten Wetters nicht kommen konnte. Und so bin ich mit der Frau mitten in der Nacht zur Ambulanz auf die Insel Ingmarsö gerauscht und da hat sie dann ihr Kind auf die Welt gebracht. Ein Arzt kam dann doch zwar noch, aber da war das Baby bereits geboren." 

In der Zwischenzeit sind die Mutter und ihr Kleinkind eingetroffen. Die junge Frau heißt Nathalie Beck, wohnt auf der Insel Ingmarsö und ihr kleiner Sohn hört auf den Namen Liam.

Matte zieht dem kleinen Liam eine Kinder-Schwimmweste an und setzt ihm einen kindgerechten Gehörschutz auf – wegen des Motorenlärms, der gleich folgen wird. Und während er den faltbaren Kinderwagen im Gepäckfach verstaut, frage ich Nathalie, wie wichtig für sie das Schwebeboot ist?

"Enorm wichtig. Man wagt es ja nicht übers Eis zu fahren, wenn es nicht sicher ist. Gut, dass es das Schwebeboot gibt. Alles klappt ja auch prima, wie man sieht - mit dem Kinderwagen und mit den Einkäufen. Das ist alles sehr gut gelöst."        

Und wie sieht es auf Ingmarsö mit Arbeitsplätzen aus? 

"Mein Mann Frederic ist Schreiner und ich arbeite als Telefonistin für "Taxi Stockholm". Uns ist es gelungen, einen Teil der Telefonzentrale von Stockholm auf unsere Insel zu verlegen. Wir sind zehn Frauen die auf der Insel Ingmarsö sitzen und von dort den Taxi-Verkehr in Stockholm managen. Das klappt dank Breitbandkabel wunderbar und wir alle haben damit einen Vollzeitjob. Wir Frauen wollen schließlich was tun und nicht den ganzen Tag zuhause sitzen." 

Schweben mit 60 Stundenkilometern 

Ohne einen Lärmschutz-Kopfhörer kann man die Fahrt im diesem gut fünf Meter langen Luftkissenboot nicht lange aushalten. Der 100 PS-Motor für den Propeller-Vortrieb und der 29 PS-Motor für den Auftrieb des Schwebefahrzeugs machen viel Lärm. Der Geräuschpegel gleicht einem Helikopter-Flug. Deshalb wird auch während der ganzen Überfahrt nicht gesprochen.           

So schweben wir mit annähernd 60 Stundenkilometern über das Eis. Die Fahrt bis Svartsö dauert gerade mal zehn Minuten. Wobei ich angesichts der vielen Inseln links und rechts ziemlich schnell die Orientierung verliere – im Unterschied zu Matte Hedelin. Er pilotiert das Fahrzeug souverän über das Eis und erkennt auch rechtzeitig offene Wasserflächen. Meist umkurvt er sie ganz elegant oder überquert sie mit stark reduziertem Tempo.

Kurz vor der Ankunft schwenkt Matte das Luftkissenboot um 180 Grad und rauscht rückwärts auf die Landestelle zu. So erzeugt er eine Art Schubumkehr, mit der das Fahrzeug abgebremst wird, bevor er es erneut in die Fahrtrichtung dreht und sanft auf dem verschneiten Nordufer von Svartsö landet. Hundert Meter von meinem Hotel entfernt.  

Zwei Tage später stehe ich erneut am Nordufer der Insel. Morgens um Viertel nach Sieben. Es dämmert gerade. In der leicht schneebedeckten Eisfläche sind einzelne Bruchlinien zu erkennen – vermutlich von den Strömungen unter Wasser – und da und dort entdeckt man Abdrücke im Schnee. Könnte von einem Dachs sein, denke ich, denn die sind hier draußen heimisch.

Gut eingepackt in eine Daunenjacke und mit Moonboots bestückt, lausche ich in die Ferne. Und ich muss nicht lange warten. Pünktlich um 7.30 Uhr schwebt das erste Luftkissenboot heran. Von weitem sieht es aus wie ein großes und kompaktes Geländefahrzeug - nur ohne Räder. Wenig später folgt ein zweites.

Ich warte hier auf jene Schüler und Schülerinnen, die jeden Morgen mit dem Luftkissenboot ankommen. Für sie ist das ein normales Transportmittel. Exotisch wäre für diese Kinder allenfalls die Fahrt mit einem Bus oder einer U-Bahn.      

Ein 12jähriges Mädchen steht in einer Schneelandschaft und schaut in die Kamera (Klaus Betz)Für die 12jährige Liv ist die Fahrt mit dem Luftkissenboot Alltag. (Klaus Betz)                                        

"Ich heiße Liv. Ich komme von einer Insel die Ingmarsö heißt und mitten im Schärengarten liegt. Mit dem Luftkissenboot fahre ich nur im Winter, wenn alles zugefroren ist. Sonst nehme ich das Schiff, aber das fährt nur, solange es noch kein dickes Eis gibt."                                                                                                                

Die zwölfjährige Liv und ich werden auf dem Weg zur Schule eingeholt. Die drei Schwestern Ebba, Astrid und Maja sind mit dem zweiten Luftkissenboot aus Ljusterö gekommen und schließen zu uns auf. Sie sind dreizehn, elf und zehn Jahre jung und legen strammen Schrittes ein ordentliches Tempo vor. Die Schule beginnt um Acht und liegt noch knapp einen Kilometer entfernt. Selbstverständlich gehen die Kinder hier zu Fuß - und zwar bei jedem Wind und Wetter.

Während die Schülerinnen in ihren Gummistiefeln leichtfüßig dahinpreschen, bin ich froh, dass nun endlich die Schule in Sicht kommt.                        

Am Eingang steht Cissi Andersson eine der beiden Lehrerinnen, bei der ich mich vorstelle und frage, ob ich die Schule kurz besuchen darf. Ihre Antwort: Ja, OK!

Da der Unterricht noch nicht begonnen hat, toben sich die Schülerinnen und Schüler im Sportraum der kleinen Dorfschule von Svartsö erstmal aus. Cissi Andersson erklärt mir, dass es insgesamt 21 Schülerinnen und Schüler gibt. Fünf wohnten auf Svartsö, alle anderen kämen von den Nachbarinseln. Ungewöhnlich und zugleich auch spannend sei es, dass man hier als Lehrerin die unterschiedlichsten Jahrgänge mit dem unterschiedlichsten Stoff zugleich unterrichten müsse. Das sei Einzelunterricht in ein und demselben Klassenzimmer.                        

"Ich habe zwei Kinder in der Vorschule, eines in der ersten Klasse, eines in der zweiten, zwei Schüler in der dritten und vierten Klasse und vier in der fünften Klasse. Da kommen also ziemlich viele unterschiedliche Lehr-und Lernstoffe zusammen. Und hier, in dem Raum hinter uns , da sitzen die sechste, siebte und achte Klasse beisammen." 

Zwischen Zwergschule und Online-Unterricht

                                                                        
Was Cissi Andersson nicht extra erwähnt – so selbstverständlich scheint es ihr zu sein – , über einen Riesenbildschirm mit Breitbandanschluss lassen sich für die höheren Schulklassen mittels Fernunterricht auch Fachlehrer zuschalten – für Biologie etwa oder für Physik. Und die kleine Schulbibliothek bietet eine Auswahl von August Strindberg bis Elena Ferrante.
 
"Sobald man in die sechste Klasse kommt, muss man jeweils donnerstags und freitags am Unterricht in einer der großen Schulen auf Värmdö teilnehmen. Mit Lektionen, die wir hier nicht so unterrichten können. Weiterführendes Englisch etwa, Sport, Musik oder auch bildende Kunst. Im Sommer fährt man morgens mit dem Schiff hin und abends wieder zurück. Im Winter nimmt man dann eben das Luftkissenboot."                                 

Luftlinie gut 600 Meter von der Schule entfernt stapfe ich im knirschenden Schnee durch ein Kieferwäldchen auf eine Talsenke zu. Dort liegt das ehemalige Sägewerk von Svartsö. Dessen Gebäude sind allerdings längst umgebaut und modernisiert worden. Hier ist inzwischen der Firmensitz von "Örätt". Wörtlich könnte man das mit "Inselgericht" übersetzen. Drei Frauen haben von hier aus eine Catering-Firma aufgebaut – und sie sind damit so erfolgreich, dass sie ihre Inselgerichte längst schon bis nach Stockholm liefern. 

Klopfe an die Türe, rufe, rufe nochmals, ich bin an diesem Vormittag mit Cilla Heurlin verabredet. Sie ist die Gründerin von Örätt und von ihr möchte ich gerne wissen, woher sie und ihre zwei Mitstreiterinnen den Mut genommen haben, ihr eigenes kleines Unternehmen aufzubauen – auf einer Insel mit ganzjährig gerade mal 65 Einwohnern.          

Geschäftsidee: Essensgerichte für Stockholm    

"Na, ist doch einfach: Weil wir Drei auf dieser Insel wohnen. Wir haben lange darüber nachgedacht, wie und mit was wir eine Firma gründen könnten, die uns das ganze Jahr über beschäftigt und ein Einkommen verschafft. Also fragten wir uns, was wir hier draußen produzieren können, um es das ganze Jahr über verkaufen zu können. Die Antwort: Essen, Mahlzeiten. Unser erster Versuch mit frisch zubereiteten Kinder-Menus aus garantiert ökologischen Zutaten war nicht so erfolgreich. Dann haben wir auf Erwachsenen-Gerichte umgestellt und seitdem liefern wir nun eintausend Mahlzeiten pro Woche nach Stockholm. Per Kühltransporter auf dem Schiff, zweimal die Woche."                                                                            

Ohne die perfekt funktionierende Internet-Verbindung auf den Inseln und ohne eine neuzeitliche Infrastruktur wäre dies allerdings so nicht möglich. Jahrhunderte lang war man im Winter hier draußen von der Außenwelt abgeschnitten und auf sich selbst gestellt. Das wirkt bis heute nach. Sollte die Fahrrinne für die Versorgungsschiffe südlich von Svartsö je zufrieren, wird Cilla Heurlin mit Sicherheit zum Telefon greifen und bei Matte Hedelin anrufen. Der Chef von Svischair wird das Essen dann nötigenfalls per Luftkissenboot zu den Kunden bringen.

Hier werde ich noch ein paar Tage bleiben. Meine Rückfahrt mit dem Schwebeboot habe ich für Samstagnachmittag reserviert. Vormittags trifft man sich hier nämlich immer im Dorfladen zu Kaffee und Kuchen. Einfach so, um miteinander zu reden und weil man im Winter noch Zeit hat.
 
                                               

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