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StartseiteKultur heuteKlingende Spinnennetze17.10.2018

Installation "On Air"Klingende Spinnennetze

Wie hört sich ein vibrierendes Spinnennetz an? Und wie klingt Staub in der Luft? Im Palais de Tokyo in Paris hat der Künstler Tomas Saraceno riesige Spinnennetze installiert. Gleichzeitig übersetzt er Bewegungen von Staubpartikeln in Klänge. Eine "kosmische Jam Session" nennt Saraceno sein Werk.

Von Kathrin Hondl

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Tomás Saraceno inmitten seiner spinnwebenartigen Installation "On Air" im Palais de Tokyo in Paris. (Deutschlandradio / Kathrin Hondl)
Der Künstler Tomás Saraceno im Palais de Tokyo in Paris (Deutschlandradio / Kathrin Hondl)
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Es liegt was in der Luft. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers sehen wir es sogar im sonst dunklen Raum: Staub. Viele viele kleine Staubpartikel. Die Erklärtafel an der Wand liefert die Zahlen dazu: "25 Milliarden Moleküle finden sich in jedem Kubikzentimeter Luft", heisst es da. Und Tomas Saraceno bringt die Luft zum Klingen. Den vorhandenen Feinstaub hat er mit "kosmischem Staub" angereichert. Kameras zeichnen Bewegungen und Kollisionen der Staubpartikel in Echtzeit auf. Die Daten werden in Klänge übersetzt. "Particular Matter(s) Jam Session" heisst die Installation.

"Wir geben dem Staub eine Stimme", sagt er. "So erforschen wir die Wege und Bewegungen, mit denen wir durch den Staub navigieren. Zum Beispiel jetzt, in diesem Moment, in dem ich spreche: Wenn Du den Staub vor mir beleuchten würdest, würde er sich auf eine ganz bestimmte Weise bewegen. Und je nachdem wie ich "hallo" sage, gibt es andere Wellen im Staub."

"Faszinierende Spinnennetze in den Ecken"

"Hallo", das sagt Tomas Saraceno nicht nur zu Menschen. Ihm geht es um ein weiter gehendes Bewusstsein dafür, mit wem wir eigentlich zusammenleben. Auch im Museum. Als er in den Palais de Tokyo kam, um die Ausstellung vorzubereiten, sei deshalb seine erste Frage gewesen: "Sind wir hier allein?"

Saraceno: "Wer lebt hier? Wir sind dann mit einer Taschenlampe durchs Museum und entdeckten seine Bewohner. Da gab es faszinierende Spinnennetze in den Ecken. Ganz vorsichtig beleuchteten wir die Arbeit der Spinnen. Und dann sagten wir uns: Wir wäre es, ihnen Mikrofone zu geben, um ihre Vibrationen zu hören, vielleicht haben sie uns etwas zu sagen. Vielleicht gibt es da eine Welt, die wir immer noch nicht kennen. Wir wissen nicht, mit wem wir in unseren Häusern zusammen wohnen. Es ist ein erster Schritt, zu bemerken, dass es auf diesem Planeten etwas gibt, das schon lange vor uns da war."

Nichts für Arachnophobiker

Mehr als 500 Spinnen entdeckte Tomas Saraceno im Palais de Tokyo. Arachnophobiker würde es gruseln, aber den Künstler und Architekten Saraceno faszinieren Spinnen schon lange. In seinem Berliner Atelier sind über dreihundert Webspinnen aktiv, sie sind sozusagen seine Assistentinnen.

Ihre Werke bilden im Palais de Tokyo jetzt eine eigenartige schwebende Landschaft: 76 schillernde Spinnennetze hat Saraceno in der Ausstellung installiert – zauberhaft schöne Skulpturen auf schwarzen Podesten, spärlich und effektvoll beleuchtet. Hochsensible Mikrofone machen auch hier die Vibrationen der zarten Gebilde hörbar. "Webs of At-tent(s)ion" nennt der Künstler diese luftige Netz-Installation.

Ein Zeitalter der Luft

Saraceno geht es um mehr als die fragile Schönheit von Spinnennetzen und klingenden Partikeln in der Luft. Die Luft bedeutet für ihn nicht weniger als die Zukunft des Planeten. Schon vor drei Jahren hat er, parallel zur Pariser Weltklimakonferenz, ein neues Zeitalter ausgerufen. Ein Zeitalter der Luft - das Aerozän – soll das vom Menschen dominierte Anthropozän ablösen. Saraceno träumt von einem anderen Leben in der Luft, einer neuen Ethik, einem Leben ohne Grenzen und vor allem ohne fossile Brennstoffe, die Luft und Klima ruinieren. Und er arbeitet ernsthaft an der Aerozän-Zukunft. Wie fliegen allein durch Wind und Wärme möglich werden kann, das experimentiert Saraceno auch zusammen mit Wissenschaftlern vom MIT in Boston oder der Nasa.

"Wir müssen neue Narrative erfinden, ein neues Zusammenspiel der Disziplinen. Manchmal sollte ich aufhören, ein Künstler zu sein, Du solltest aufhören, Journalistin zu sein, das Gleiche gilt für Wissenschaftler. Denn wir müssen doch anerkennen, dass wir alle, jeder für sich, scheitern in unseren Erzählungen über den Zustand des Planeten und der Lebewesen, die ihn bewohnen. Wer nicht mehr weiter weiss, sollte anfangen, mit anderen zusammenzuarbeiten. In der Ausstellung geht es darum, was daraus entstehen kann."  

Die "On Air"-Ausstellung im Palais de Tokyo ist ein gleichermassen politisches wie poetisches Projekt: Eine "kosmische Jam Session", sagt Tomas Saraceno. Man kann das natürlich als – im Wortsinn – Spinnerei oder utopischen Hippiekitsch abtun und in den nächsten Billigflieger steigen. Oder das Angebot annehmen und darüber nachdenken, ob es vielleicht noch andere relevante Stimmen auf diesem Planeten gibt als die der Menschen.

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