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StartseiteRock et ceteraKomplexität ohne Schnörkel16.02.2020

Instrumental-Band Strawberry GirlsKomplexität ohne Schnörkel

Seit acht Jahren zeigt das Trio Strawberry Girls, dass komplexe Instrumentalmusik auch ohne endlose Intros, lange Improvisationen und Soli funktioniert. Ihre kurzen Songs kommen schnell auf den Punkt und haben viel Druck. Vor allem live entfacht die Band so viel Energie wie ein Starkstromgenerator.

Von Kai Löffler

Drei Männer in schwaren T-Shirts stehen vor einer grünen Wand. (Cory Muir)
Die drei Mitglieder sind Multiinstrumentalisten und Plattenproduzenten (Cory Muir)
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Musik: "Violent Night"

Ben Rosett am Schlagzeug, Ian Jennings am Bass und Zachary Garren an der Gitarre - die drei sind zusammen das Trio Strawberry Girls. Sie machen groovige, rhythmisch verschachtelte Instrumentalmusik, vor allem aber sind sie dafür bekannt, dass ihre Auftritte extrem viel Energie haben.

Zachary Garren: "Wir versuchen, Musik zu schreiben, bei der wir uns bewegen wollen. Wir schreiben also große, energiegeladene Riffs, und sich dabei nicht zu bewegen fühlt sich einfach falsch an. Wir denken nicht, okay, jetzt müssen wir zappeln, sondern es kommt aus der Musik heraus.  Nächstes Jahr haben wir auch das neue Album so drin, dass wir die Songs entspannter spielen können. Ich werd definitiv dabei aus der Puste kommen; ich hab angefangen zu joggen, als Cardio-Training, damit ich nicht auf der Bühne tot umfalle. Wir haben schon 70 Minuten-Sets gespielt und bin dabei fast umgekippt. Cardio fürs Herz ist also wichtig, aber es nicht nur harte Arbeit, es ist auch das, was auf der Bühne den meisten Spaß macht. Und auch wenn ich andere Bands als Fan sehe, liebe ich das, wenn die auf der Bühne rumhampeln."

Musik: "American Grafitti"

Zach Garren hat als Teenager angefangen, Musik zu machen. Gehört hat er zu der Zeit vor allem Metal und Post-Hardcore; Bands wie Mars Volta waren dann seine Einstiegsdroge in den Progressive Rock. In den Songs der Strawberry Girls, 2010 gegründet, verschmelzen diese Einflüsse; Zach Garren sagt aber, die musikalische Fusion ist nicht kalkuliert - die Band schreibt aber ihre Musik vor allem aus dem Bauch.

Songtitel liefert das Handy

Zachary Garren: "Ich denke da meistens nicht groß drüber nach. Ich baue auch gerne Sachen ein, die mir bei anderen Bands gefallen. Also, wenn mir zum Beispiel eine Akkordfolge gefällt, dann versuche ich sowas ähnliches zu schreiben. Oder ein interessanter Rhythmuswechsel. Ich schmeiße das alles in den Mixer und schaue dann was passiert. Und was die Titel angeht; unser Schlagzeuger und ich haben im Handy alle möglichen Phrasen aufgeschrieben, die cool klingen, einfach irgendwelche Wörter und Sätze. Wenn wir dann einen Song haben, schauen wir, was zum Feeling passt. Wir versuchen visuell zu denken, und wir schauen einfach, was für einen Vibe wir von der Musik bekommen."

Musik: "Negro Spiritual"

Grundsätzlich versteht Zach Garren die Strawberry Girls als Instrumental-Band; trotzdem ist auf dem einen oder anderen Track auch mal Gesang zu hören. Oft in Songs, die einen etwas anderen Sound haben als der Rest ihrer Musik, die mal poppiger oder sogar nach Hip Hop klingen. Die Entscheidung fällt aber meistens erst, wenn der Song schon geschrieben ist, sagt Zach Garren.

Zachary Garren: "Ich würde sagen, normalerweise schreiben wir nur instrumental und denken nicht an Gesang. Aber manchmal gibt es ein paar Tracks wo wir direkt denken, da könnten Vocals zu passen. Also nicht "lass uns was mit Gesang schreiben" sondern "lass uns einen guten Song schreiben" und wenn er dann etwas offener klingt, mit Raum für Gesang, schicken wir ihn an Freunde. Und wenn er denen auch gefällt, nehmen sie dazu Gesang auf. Aber es gibt nie den Plan, Songs mit Gesang zu schrieben; das passiert einfach."

Trotzdem haben die Songs der Strawberry Girls meistens eine klare Melodie; die spielt mal der Bass, mal die Gitarre; anfangs sollte die Band auch tatsächlich mal einen Sänger haben - aber der will erst mal gefunden werden.

Zachary Garren: "Wir kommen aus eine kleinen Stadt namens Salinas in Kalifornien, zwei Stunden entfernt von San Francisco, aber in einer eigenen Gegend. Und da gab es niemanden, der als Sänger gepasst hätte. Da muss ja einiges stimmen: Er muss ein guter Frontman sein, mit dem Publikum interagieren können, und einfach eine gute Show bieten. Und da gab es einfach niemanden in der Stadt. Naja, es gab einen Typen, aber der hatte schon eine Band. Also haben wir uns gesagt, dann halt zu zweit. Und nach dem ersten Konzert ist dann noch unser Bassist dazu gestoßen. Und wir dachten uns, wir versuchen jetzt einfach coole Musik zu schreiben, ob mit oder ohne Sänger, und schauen was passiert."

Musik: "Buddha"

2010 haben sich die drei zusammengetan; die erste Veröffentlichung war ein Jahr später die EP "Italian Ghosts", es folgen Cover-Version von Carly Rye Jepson und Kendick Lamar und schließlich 2013 das erste Album" French Ghetto" - der Beginn einer stilistischen Evolution.

Zachary Garren: Unser erstes Album hätte ich wahrscheinlich als "Progressive Rock" bezeichnet, da hab ich uns gesehen. Inzwischen bin ich nicht mehr so sicher, was wir sind. Vielleicht melodischer Instrumental-Rock? In letzter Zeit sage ich meistens einfach instrumentaler Rock.

Musik: "Tasmanian Glow"

Zachary Garren: "Dieses Album war das erste, das wir nicht alle zusammen in einem Zimmer geschrieben haben. Unser Schlagzeuger ist weggezogen und lebt jetzt zehn Stunden entfernt in Oregon. Früher haben wir als live-Band geschrieben, aber diesmal nicht. Was wir allerdings in den letzten sieben oder acht Jahren gemacht haben, ist beim Jammen Riffs aufzunehmen; alles was uns gefallen hat. Die hab ich mir angehört und hab aus denen, die mir am besten gefallen haben, Songs gemacht."

Keine Zeit für Schnörkel

Die Musik von den Strawberrys Girls ist auf dem neue Album deutlich straighter und auf den Punkt, weniger verspielt. Für Schnörkel hatte das Trio aber noch nie Zeit. Anders als die meisten Instrumental-Bands - und Bands überhaupt - gibt es in ihren Songs keine Gitarrensoli. Oder fast keine.

Zachary Garren: "Auf diesem Album gibt es endlich ein Solo, in einem Song namens "Baby Sprite".

Musik: "Baby Sprite"

Drei Männer in schwarzen T-Shirts sitzen vor einer grünen Wand und blicken in die Kamera. (angefragt)Die Minimal-Besetzung der Strawberry Girls entspricht der Philosophie der Band. (angefragt)

Zachary Garren: "Ich weiß nicht, ich bin kein großer Fan von Gitarrensoli. Ich stehe mehr auf Grooves, auf Melodien, auf das, was in Erinnerung bleibt. Natürlich gibt es Soli die ich mag, aber auch viele die mir gar nicht gefallen. Die wo es um Technik geht, ums schnell Spielen. Mir gefällt es, wenn ein Solo eine Melodie hat, an die man sich erinnert, und die man singen kann. Also nicht die "schau mal ich spiele so schnell ich kann" - Art."  

Schnelle Riffs spielt Zach Garren aber schon und auch die Bass-Linien haben es in sich. Es geht nie darum, das Publikum mit Technik zu beeindrucken, sondern alles ordnet sich dem Groove unter. Und der ist manchmal schnell und mitreißend; trotzdem klingt die Band immer entspannt, fast bluesig. Im Jahr 2017 hat das Trio als drittes Album die Debüt EP "Italian Ghosts" erweitert und neu aufgenommen. Das Ergebnis zeigt die Entwicklung der Band. Sechs Jahre später klingen die Songs geschliffener, mit klareren Arrangements und druckvollerem Sound. Es fehlen die Synthesizer, und obwohl die Musik schneller gespielt ist, klingt sie entspannter und selbstbewusster.

Musik: "Black Night, Golden Circus"

Das aktuelle Album der Strawberry Girls "Tasmanian Glow" setzt die Entwicklung der Band konsequent fort und muss sich qualitativ nicht hinter dem Vorgänger verstecken. Außerdem sollte die Musik diesmal noch mehr aus einem Guss sein, sagt Gitarrist Zach Garren.

Die Wiederentdeckung alter Songs

Zachary Garren: "Es gibt Musik die wir vor fünf oder sechs Jahre geschrieben haben und jetzt wiederentdeckt. Insgesamt hab ich für das neue  Album zwischen 30 und 40 Songs als Demo aufgenommen, alle stilistisch sehr unterschiedlich. Wir hatten also eine große Auswahl. Ich bin dann hoch nach Oregon gefahren und hab mit unserem Schlagzeuger Ben alles durchgehört. Also, was gefällt dir, was findest du auf Anhieb aufregend. Ich hab ein paar meiner Favoriten ausgewählt, aber viele die ich mochte, haben es nicht aufs Album geschafft und klingen ganz anders als die Musik auf dem Album. Die Auswahl hat jetzt eher einen melodischen R&B Vibe, viel entspannter als unsere älteren Sachen und auch poppiger."

Musik: "Lovetrip"

Zachary Garren: "Wir haben auch Songs, die mehr reinhauen, die fast nach Metal klingen, und irgendwann veröffentlichen wir die auch. Das hoffe ich wenigstens. Viele der anderen Songs sind genauso gut, nur eben anders. Das war auch keine bewusste Entscheidung, ich glaube unser Schlagzeuger hat einfach mehr Lust auf die entspannteren Songs, und das hat das Album geformt. Es sind ein paar Tracks drauf, mit denen ich nicht gerechnet hätte, und bei anderen überrascht es mich, dass sie nicht auf dem Album sind. Die Musik ist zu etwas ganz eigenem geworden und warum nicht..."

Musik: "Mini Ripper"

Nach zehn Jahren haben die drei Kalifornier ihren Groove gefunden; nicht nur in den Songs, sondern auch als Band. "Tasmanian Glow" hat manchmal Anklänge von R&B und sogar Lounge-Musik, ist aber im Herzen ein Rock-Album. Zach Garren sagt, es macht viel Spaß, an der Musik zu basteln, aber noch mehr, sie zu präsentieren.

Zachary Garren: "Du hast dieses aufregende Gefühl, die neue endlich Musik mit Leuten teilen zu können, sie deinen Freunden und deinen Fans vorzuspielen. Ich finde es immer spannend, einen neuen Song zu veröffentlichen und zu sehen, wie die Leute reagieren. So wie Moonwalker. Ich dachte mir schon, der wird live bestimmt Spaß machen. Und tatsächlich ist es einer der Höhepunkte des Konzerts. Wir holen dabei immer unseren Verkäufer vom Merchandising-Stand auf die Bühne. Er spielt am Ende des Songs Kuhglocke und das Publikum flippt dabei aus."

Musik: "Moonwalker"

Die Minimal-Besetzung der Strawberry Girls, ein Schlagzeug, ein Bass, eine Gitarre entspricht der Philosophie der Band: Schlank, mit keiner Note zuviel. Außerdem hat das Trio-Format aber noch einen anderen, sehr greifbaren Vorteil, sagt Zach Garren.

Zachary Garren: "Wenn ich mir Bands ansehe mit zwei Gitarren, Schlagzeug und Sängern, dann kann ich die Gitarristen oft nicht hören. Sie liegen auf derselben Frequenz wie der Sänger und deshalb werden sie leiser gedreht, damit der Sänger noch durchzuhören ist. Es klingt also nach zu lautem Schlagzeug mit ein bisschen Gesang und dann noch Soundbrei vom Bass darunter. Bei uns hat aber jeder seine eigene Frequenz, und das mag ich an der Band. Oft funktioniert das live extrem gut. Der einzige Haken daran ist, dass man jeden Verspieler hören kann und davon gibt es bei mir einige." 

Gemalte Cover geben eine Identität

Die Band Strawberry Girls - Zach Garren, Ian Jennings und Ben Rosett - hat sich eine klare Identität geschaffen, ein greifbares Profil: Jedes ihrer vier Alben hat ein Land im Titel, French Ghetto, American Graffitti, Italian Ghosts und Tasmanian Glow und auch die Albencover, verlassene Stadtlandschaften in gedeckten Farben, die letzen drei gemalt von derselben Künstlerin, erzeugen eine sehr spezifische Atmosphäre.

Zachary Garren: "Wir kannten dieses Mädchen aus einem Online-Forum, hatten aber seit Jahren nichts von ihr gehört. Und irgendwann schrieb sie uns einfach an, hey ich male übrigens auch, das hier ist meine Instagram-Seite, wenn ihr meine Bilder sehen wollt. Und ich dachte, wow, das ist wirklich gut. Wir arbeiten gerade an einem neuen Album, hast du Lust, das Cover zu machen? Und das war super. Und seitdem heißt es jedes Mal: Hey, hast du Zeit? Wir machen ein neues Album. Wir geben ein bisschen die Richtung vor, die Farbpallette die wir uns vorstellen - zum Beispiel sollte "Tasmanian Glow" futuristisch aussehen, ein bisschen nach Cyberpunk. Also pink, lila. Sie tobt sich dann aus und schickt es uns."

Zach Garren erhofft dadurch, eine Einheit zu schaffen, eine Art Markenzeichen. Ähnlich wie Roger Deans bunte Fantasy-Landschaften auf den Covern der Band Yes.

Zachary Garren: "Das geht Hand in Hand. Man kauft ein neues Album und weiß schon, man bekommt außerdem ein cooles Gemälde dazu. So fühlt es sich auch viel mehr wie ein komplettes Paket an, und eben nicht wie, "ach ja, hier ist wieder ein Album mit ein paar neuen Songs und dazu gibt's auch irgendein zufälliges Bild auf dem Cover".

Die Band Strawberry Girls ist mit ihrem Erfolg mehr als zufrieden. Schlagzeuger Ben Rosett betreibt neben der Band ein Studio; aber insgesamt können die drei inzwischen von der Musik leben. Und ausgerechnet Streaming-Dienste wie Spotify, oft zu Recht dafür verurteilt, dass Künstler kaum Geld bekommen, sind für Garren der Schlüssel zu ihrem Erfolg, einer der Gründe warum die Musik so viele Fans gefunden hat. Gerne mal wird die Band als Prog bezeichnet, als Experimental- oder als Math-Rock. Zwischen den zwanzigminütigen, verschnörkelten Tracks diverser anderer Bands passt die kompakte, riffbetonte Musik aber in keine so klare Schublade. Bleibt nur eine Frage. Warum Strawberry Girls?

Zachary Garren: "Der Name Strawberry Girls kommt aus einem Song aus den 80ern, "Christine" von Siouxie and the Banshees, aus dem Refrain. Wir waren auf der Suche nach einem Bandnamen und wir wollten etwas, das kein Klischee ist. Jedenfalls wollte ich etwas anderes. Alle Bandnamen klangen damals irgendwie gleich, und so haben wir uns gesagt, okay, lasst uns was nehmen, was total merkwürdig ist, aber leicht auszusprechen. Also was dann nicht immer falsch ausgesprochen wird, wie bei vielen anderen Bands. Das ist für mich kein gutes Zeichen, wenn niemand weiß wie die Band wirklich heißt. Deshalb haben wir uns von Anfang an auf Strawberry Girls geeinigt. Das ist ziemlich eigen, vielleicht bleibt es ja hängen. Leicht zu merken, leicht auszusprechen. Und so wollen wir auch als Band sein. Also kein Sound, der von allen Seiten auf Dich einhämmert. Nur drei Leute, die verschiedene Instrumente spielen. Ganz einfach." 

Musik: "Spanish Bay"

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