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StartseiteFirmenporträtTango aus dem Erzgebirge 09.03.2018

Instrumenten-Manufaktur in SachsenTango aus dem Erzgebirge

Das Bandonion ist heute das wichtigste Instrument im Tango - erfunden wurde es im sächsischen Carlsfeld. Fast alle alten Bandonions, die in Südamerika gespielt werden, stammen aus einer Manufaktur im Erzgebirgskreis. Seit einigen Jahren produziert sie wieder neue Instrumente.

Von Iris Milde

Mann mit einem Meisterbandonion (Instrument) (Iris Milde)
Robert Wallschläger mit seinem Meisterbandonion (Iris Milde)
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Vor den Fenstern der Werkstatt hält sich hartnäckig der Winter. Drinnen bringt Robert Wallschläger das Herz des Tangos zum Schlagen – das Bandonion. Das Bandonion ist ein Balginstrument ähnlich dem Akkordeon, aber kleiner und statt Tasten hat es an beiden Seiten Knöpfe, in der Regel 142 oder 144 Stück.

Wallschläger: "Die Knöpfe sind nicht geordnet wie bei einem Klavier. Es ist vergleichbar mit einer Schreibmaschine, in der Mittellage sind so die meisten Töne, für was das Instrument gedacht wurde. Aber theoretisch ist das Instrument voll chromatisch wie ein Klavier spielbar. Nur dass Sie sich da die Knöpfe bei Zug und Druck rechter Seite merken müssen und bei Zug und Druck linker Seite merken müssen zueinander von links nach rechts die Seiten sind auch noch unterschiedlich. Also müssen Sie vier Schreibmaschinen aus dem Kopf lernen, wenn man es so sagen will."

Robert Wallschläger ist Handzuginstrumentenbauer. In seiner Werkstatt in Carlsfeld, einem kleinen Dorf auf dem Kamm des Erzgebirges, baut und repariert er nicht nur Bandonions, sondern auch Konzertinas, Akkordeons, Harmonikas und Mundharmonikas. Lässig mit Kapuzenpulli und Jeans bekleidet, sitzt der Mittdreißiger an seiner Werkbank.

Die Wiege des Bandonions

Der Organist Carl Friedrich Zimmermann entwickelte 1843 im sächsischen Carlsfeld das erste Bandonion. Von Deutschland aus trat es seinen Siegeszug nach Argentinien an. Dort bestand Ende des 19. Jahrhunderts das klassische Tango-Orchester noch aus Gitarre, Violine und Querflöte.

Tatsächlich ist es so, dass es also in den 20er Jahren eine große Auswandererbewegung gab von Deutschland nach Argentinien. Und dort hat sich natürlich diese Kultur vermischt. Der Deutsche mit seinem Bandonion, der Argentinier mit seinem Tango. Und dann hat sozusagen dieses Bandonion die Querflöte verdrängt.

Doch in Argentinien gab es niemanden, der die neue Seele des Tangos bauen konnte. In Carlsfeld hingegen waren aus der Werkstatt von Carl Friedrich Zimmermann inzwischen zwei Unternehmen mit je 150 Mitarbeitern hervorgegangen – die Firma Ernst Louis Arnold und die Firma Alfred Arnold. So verließen in den 20er- und 30er-Jahren rund 60.000 Bandonions Carlsfeld in Richtung Südamerika.

Monopolist aus vergangenen Zeiten

Carlsfeld hatte tatsächlich das Monopol. Das heißt, alle Instrumente, die in damaliger Zeit nach Südamerika gegangen sind, kamen aus Carlsfeld.

Mit der Enteignung der Familie Arnold folgte zu DDR-Zeiten der Niedergang des Musikinstrumentenbaus in Carlsfeld. Nach über 40-jähriger Pause, im Jahr 2007, eröffnete der frischgebackene Meister Robert Wallschläger mit blutjungen 23 Jahren wieder eine Werkstatt für Handzuginstrumente in Carlsfeld.

"Wir selber fertigen also weniger für Argentinien. Aber tatsächlich sind die 50 Prozent Einfuhrzölle ein Punkt. Das heißt also, wenn ein Instrument so 5000 Euro kostet, sind allein 2500 Euro Gebühren, die anfallen, damit man das Instrument nach Argentinien importieren kann."

Alles in Handarbeit

Als 2010 der Sitz der ehemaligen Bandonionmanufaktur Ernst Louis Arnold abgerissen werden sollte, kaufte der Instrumentenbauer kurzentschlossen das marode Gebäude, renovierte es und zog dort mit seiner Werkstatt ein.

Entlang der Wände im Obergeschoss steht eine Werkbank an der anderen, darauf Maschinen, wie sie der Modellbauer benötigt: Eine kleine Kreissäge für die Gehäusebrettchen, eine Teller- Schleifmaschine für die perlmutt-besetzten Knöpfe, eine Decoupiersäge für die durchbrochenen Schmuckbrettchen mit dem Motiv der Lyra. Sogar die filigranen Einlegearbeiten führt Wallschläger mit seinen zwei Mitarbeiterinnen selbst aus.

Der größte Teil der Aufträge entfällt auf die Reparatur von Altinstrumenten. Aber auch sechs bis zehn neue Bandonions verlassen die Werkstatt pro Jahr. Die Preise für ein neues Bandonion der Marke Wallschläger beginnen ab 5000 Euro. Zu dem Kundenkreis zählen Freizeitspieler, Liebhaber, aber auch Profi-Bandonionspieler wie Christian Gerber, Karin Eckstein oder der Norweger Per Arne Glorvigen.

Im Erzgebirge erklingt wieder der Tango

Nicht nur der Bandonionbau ist mit Robert Wallschläger wieder in Carlsfeld eingezogen. Viele Carlsfelder haben von ihm das Bandonionspiel wieder erlernt. Inzwischen gibt es sogar zwei kleine Orchester. Im Repertoire haben sie auch Tango, aber vor allem die traditionelle Weise aus des Erzgebirge.

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