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StartseiteFirmenporträtTragbare Orgeln zum Preis eines Gebrauchtwagens24.01.2014

InstrumentenbauTragbare Orgeln zum Preis eines Gebrauchtwagens

Die kleine Schwester der Orgel ist die Portativ-Orgel. Verwendet wird diese vor allem in der mittelalterlichen Musik. Orgelbauer "Wolkenstayn" stellt die kleine Königsschwester her. Portative sind die kleinsten manuell spielbaren Pfeifenorgeln.

Von Simon Schomäcker

Nur 35 Silbermannorgeln sind bis heute erhalten, vier davon allein im sächsischen Freiberg. (Domgemeinde Freiberg)
Orgeln werden oft als Königinnen unter den Musikinstrumenten bezeichnet. (Domgemeinde Freiberg)
Weiterführende Information

Hinweis zur verwendeten Musik: Sämtliche Musiktitel in diesem Beitrag sind Autorenmitschnitte. Sie entstanden während eines Portativ-Spielkurses, den Stefan Keppler vom 18. bis zum 20. Oktober 2013 im Lemberghaus in Schwäbisch Hall veranstaltete. Die ausführenden Musiker Catalina Vicens, Bernhard Witzke, Ronald Blum und Oliver Michel haben eigens für diese Aufnahmen gespielt. Die Veröffentlichung erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Musiker.

"Portativ" heißt zunächst einmal eine tragbare Orgel von lateinisch "portare". So eine Orgel ist vielleicht 80 cm bis einen Meter hoch und wiegt etwa fünf bis zehn Kilo je nach Größe und Ausführung, damit sind Portative die kleinsten manuell spielbaren Pfeifenorgeln. Stefan Keppler aus Kötz bei Günzburg baut diese außergewöhnlichen Instrumente:

"Das ist eigentlich eine sehr lustige Geschichte gewesen. Wir sind seit vielen Jahren Mittelaltermusiker, meine Frau und ich. Ich komme ursprünglich aus der Druckindustrie. Und im Zuge unserer Mittelaltermusik-Tätigkeit war es für uns wichtig, eine Portativorgel unser Eigen zu nennen. In Zusammenarbeit mit einem Orgelbauer aus St. Petersburg ist unser erstes Instrument entstanden. Und nach einem Konzert kamen die Leute: Mensch, wo hast denn du das her, ist so etwas zu erwerben? So entstand eben die Idee, diese Instrumente auch anzubieten, um sie weiter zu verkaufen."

Als immer mehr Anfragen kamen, wagte Stefan Keppler den Ausstieg aus der Druckindustrie. Seitdem konzentriert sich der 45-jährige, gemeinsam mit seiner Frau Annette, ausschließlich auf den Bau von Portativen. In Anlehnung an den Namen ihrer Mittelalterformation nannten sie ihre Firma "Wolkenstayn". Keppler lebt mit seiner Familie in einem historischen Bauernhaus mitten in Kötz. In der ehemaligen Scheune des Hauses befinden sich auf gut 200 Quadratmetern Orgelbauwerkstatt und Ausstellungsraum. Hier riecht es nach Holz und Leim. Der Orgelbauer nimmt ein Portativ aus dem Regal und erklärt dessen Spielweise:

"Das Instrument wird normalerweise im Sitzen gespielt. Man stellt es auf den linken Oberschenkel. Der linke Arm bedient den Balg und die rechte Hand die Tastatur. Nun haben wir die Besonderheit, dass die Tastatur nicht, wie beim Klavier, direkt vor uns ist. Sondern die Tastatur zeigt jetzt eher von uns in Richtung Publikum. Und da ist die Handhaltung eine etwas andere."

Klangvariationen können beim Portativ, anders als bei der Kirchenorgel, über die Änderung des Winddrucks erreicht werden:

"Man kann den Klang beeinflussen durch die Kraft, die ich mit der Hand auf den Balg ausübe. Ich kann sehr stark drücken, das gibt einen scharfen, auch zum Oktavieren neigenden Ton. Wenn ich sehr schwach drücke, dann habe ich einen sehr geringen Winddruck, der die Pfeife vielleicht gerade zum Wispern, zum Säuseln bringt."

Bis auf die Pfeifen und einige Kleinteile fertigt Wolkenstayn Orgelbau alle Teile seiner Instrumente selbst. Ein Portativ besteht aus etwa 1.000 Einzelteilen. Um diese möglichst zeiteffizient zusammenfügen zu können, arbeiten Stefan und Annette Keppler nach einer besonderen Methode:

"Wir fangen selten an, ein Instrument von A bis Z fertigzubauen, weil einfach manche Dinge in größerer Stückzahl von Nöten sind. Das bedeutet, wenn wir etwa Pfeifenventile machen, dann machen wir die nicht für ein Instrument, sondern für mehrere."

Dennoch variiert die Bauzeit stark. Für Stefan und Annette Keppler sind nämlich nicht nur Klang und Bespielbarkeit ihrer Instrumente wichtig,

" so dass wir dann durchaus mal sechs bis acht Wochen nicht in der Werkstatt sind, um uns nur der Planung hinzugeben, Quellen zu studieren, Museen aufzusuchen, Kontakt aufzunehmen mit Künstlern, die auch ihre Ideen haben hinsichtlich Tonumfang und Klanggestaltung. So kann man schlecht sagen, wir bauen im Jahr zwei Instrumente oder sind es zwölf oder zwanzig."

Zum jährlichen Umsatz von Wolkenstayn Orgelbau möchte sich Stefan Keppler nicht äußern. Als Richtwert für ein kleineres Instrument kann nach seinen Angaben der Preis eines guten Gebrauchtwagens dienen.

Der Musikenthusiast ist stolz darauf, mit dem Portativbau eine Marktnische entdeckt zu haben:

"Aufgrund der Erfahrung, dass sich der klassische Orgelbau mit diesen kleinen Instrumenten etwas schwertut wegen der Tatsache, dass hier sehr spezielle Dinge zu berücksichtigen sind. Wir sprachen schon über die wechselnden Winddrücke, die wir benötigen, um ein dynamisch spannendes Spiel zu haben. Wir erleben sehr oft, dass Leute sagen: Das ist schön, dass es das tatsächlich gibt. Ich habe es bisher immer nur auf Bildern gesehen. Und so gibt es eben Musikliebhaber, Museen, Sammler, aber auch professionelle Musiker, die solch ein Instrument ihr Eigen nennen möchten, um eben authentisch Mittelaltermusik machen zu können."

Dementsprechend ist der Kundenkreis von Wolkenstayn verhältnismäßig klein, und es bedarf keiner großen Werbung:

"Der wichtigste Faktor ist mittlerweile sicherlich die Mund-zu-Mund-Propaganda. Gleichwohl sind wir auch selbst als Musiker immer noch fleißig aktiv, kennen viele Leute und die suchen uns dann einfach auf, besuchen uns in der Werkstatt. Aber sehr wichtig ist sicherlich auch das Medium Internet."

Somit sind Kepplers Portative längst weltweit zu finden:

"Wir haben Instrumente in Brasilien stehen, es gibt auch Instrumente woanders in der Welt, in Japan oder Australien zum Beispiel."

 

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