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StartseiteCorsoDiskurspirouetten mit pathetischem Orchestersound13.03.2015

Inszenierung "Von einem, der auszog ..."Diskurspirouetten mit pathetischem Orchestersound

René Pollesch macht postdramatisches Diskurstheater, Dirk von Lowtzow ist als Sänger der Band Tocotronic ein King des Diskurspop. Nun haben sich die beiden zusammen getan, um an der Berliner Volksbühne eine Oper herauszubringen: "Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte".

Von Oliver Kranz

Weiterführende Information

Die geniale Stelle - Pfaller favorisiert was von Pollesch
(Deutschlandradio Kultur, Rang I, 14.02.2015)

Pollesch fälscht Pollesch
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 12.01.2011)

Hinten ein schwarzer Glitzervorhang, vorn ein riesiges Orchester. Mit Pauken und Trompeten beginnt die Show. Pollesch und Lowtzow meinen es ernst. Das Stück soll groß und wuchtig wirken – daher haben sie ein ganzes Filmorchester gemietet. Eine Oper haben sie aber nicht geschrieben. Es gibt kein Drama, das von Sängern erzählt wird, und keine Musik, die Gefühle vermittelt. Gesungen wird nur sehr wenig. Wenn die Schauspieler auftreten, herrscht meist Ruhe im Orchestergraben.

Stangenberg: "Das Begehren. Sie fragen sich vielleicht auch, wie ich, was das ist. Ob es einen Baum gibt, von dem wir es pflücken können, ob es ein Organ ist, das außerhalb von uns existiert als reiner Lebensinstinkt."

Es geht um Liebe und Begehren, um ein Nachdenken darüber, was Identität ausmacht – typische Pollesch-Themen. Der Autor hat sich aber nicht die Mühe gemacht, um sie herum eine Geschichte zu stricken. Drei Schauspieler treten auf. Wen sie darstellen bleibt unklar.

"Wenn du Konflikte in Figuren abfüllst, hast du immer das gleiche Theater. Das fiel mir schon vor zehn Jahren auf. Da hat jemand gesagt, er will was über Globalisierung machen und hat ein Szenario entworfen, das mich erinnert hat, an die alten Franz-Xaver-Kroetz-Stücke. Die Globalisierung äußert sich in einem abgetakelten Wohnzimmer. Der Mann trinkt, die Frau ist Heimarbeiterin und die schlagen sich dann. Was das mit Globalisierung zu tun haben soll, verstehe ich nicht."

Statt hinkende Vergleiche zu produzieren, bleibt Pollesch lieber abstrakt. Sein Text ist eine Art innerer Monolog, der von einzelnen Schauspielern vorgetragen werden kann, aber auch von Gruppen oder Chören. In der Volksbühne treten drei Akteure auf: Was ist Realität, was Realitätsverlust, fragt Martin Wuttke:

"Ich kann das nicht verstehen, was hier los ist. Mir kommt das vor, als würden tote Gegenstände zu mir sprechen, als würde Musik tote Gegenstände sprechen lassen. Plötzlich sprechen die Gegenstände. Die Umstände sprechen zu mir, nicht mehr die Person."

Keine Oper, keine Geschichte, keine Gentrifizierungskritik

Pollesch zitiert Lacan, aber auch Filme von Monty Python und Alfred Hitchcock. Er lässt einen riesigen hölzernen Wal aus dem Bühnenhimmel herabschweben, in dessen Maul die Schauspieler verschwinden. Im Bauch des Tieres lässt sich bestens über Innen- und Außenwahrnehmung philosophieren.

Die Musik hat lediglich die Funktion, den Textfluss ab und zu zu unterbrechen. Es dauert gut 20 Minuten, bis ein Song zu hören ist, der entfernt nach Tocotronic klingt.

Der Song ist witzig, bewegt sich aber auf einer völlig anderen Reflexionsebene als das Stück von René Pollesch. Und dann noch der bombastische Orchestersound. Er verleiht der Musik ein Pathos, das ihr gar nicht guttut. Alles wirkt übertrieben und aufgeblasen. Ein Kinderchor huscht über die Bühne und am Ende tritt auch noch ein klassischer Bariton auf.

Martin Gerke hat im Rumpf des hölzernen Wals eine Luke geöffnet und singt ins Freie – für sich genommen ein schönes Bild, doch die Aufführung fällt völlig auseinander. Das Premierenpublikum reagierte ratlos:

- "Es war nicht das, was ich von dem Abend erwartet habe. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie es anfing, wo es aufhörte, wie der Weg funktionierte. Ich könnte jetzt gar nicht sagen, worum es ging."
- "Ich fand den Unterschied zwischen der theoretischen Komplexität der Texte und der ästhetischen Naivität der Musik ziemlich schwer zu managen."
- "Man würde sicher mit dem Namen Oper den Anspruch verbinden, dass die Musik diskursiv im Zusammenhang mit dem Bühnengeschehen reagieren würde. Davon war wohl nichts zu spüren."

Keine Oper, keine Geschichte, keine Gentrifizierungskritik. Das Thema, das im Stücktitel angedeutet wird, taucht nur in einem Nebensatz auf. Die Inszenierung hat tolle Schauspieler, doch das kann den Abend auch nicht retten. Der pathetische Orchestersound walzt Polleschs Diskurspirouetten platt.

 

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