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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine aus der Zeit gefallene Veranstaltung09.03.2021

IntegrationsgipfelEine aus der Zeit gefallene Veranstaltung

Der inzwischen 13. Integrationsgipfel wird nichts daran ändern, dass diese Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet, kommentiert Luise Sammann. Denn wir als Gesellschaft haben weder ein klares Konzept von Integration noch von den angeblich zu Integrierenden.

Ein Kommentar von Luise Sammann

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, r-l) und Annette Widmann-Mauz (CDU), Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, nehmen am Integrationsgipfel im Kanzleramt teil. (dpa / AFP POOL / Tobias Schwarz)
Integrationsgipfel im Kanzleramt (dpa / AFP POOL / Tobias Schwarz)
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Nationaler Aktionsplan Integration – das klingt nach Taskforce, nach alles unter Kontrolle, nach wir haben einen Plan. Tatsächlich aber bleibt man nach 13 Integrationsgipfeln in 15 Jahren eher ratlos zurück. Einzelne Akzente, die durchaus auch heute wieder gesetzt wurden, ergeben alles andere als ein klares Gesamtbild. Vor allem liegt das daran, dass der Grundbegriff, der hinter dieser Veranstaltung steht, nie wirklich geklärt wurde. Integration – was genau ist das denn nun eigentlich? Ist die Integration in eine Gesellschaft etwas, das man wie eine Ausbildung erfolgreich abschließen kann? Und wen genau wollen wir eigentlich wo hinein integrieren?

In dieser Gesellschaft als fremd wahrgenommen

In Zeiten, in denen Gegner von Corona-Maßnahmen mit Reichsflaggen vor Regierungsgebäuden demonstrieren, steht fest: Anhand von Haarfarbe und Herkunft lässt sich schon lange nicht mehr klären, wer in diesem Land gut integriert ist und wer nicht. Genau das aber, die rein äußerliche Kategorisierung und damit auch Fremdmachung von Menschen, steht bis heute im Raum, wenn wir das Wort Integration nur in den Mund nehmen. Die Phasen des nun abgeschlossenen Nationalen Aktionsplans, in denen es mal um Integrationskurse im Herkunftsland für Menschen geht, die noch nicht einmal in Deutschland angekommen sind – mal aber auch um Partizipation in Parteien oder die Interkulturelle Öffnung des öffentlichen Dienstes vor allem für diejenigen, deren Eltern und Großeltern einst nach Deutschland kamen, belegen das.

Was die hier geborenen Enkel türkischer Arbeitskräfte, die heute teilweise lautstark mehr Teilhabe und Chancengleichheit fordern, mit der vietnamesischen Krankenschwester verbindet, die von einer Zukunft in Deutschland träumt und dafür zunächst mal einen guten Sprachkurs braucht? Die schwarzen Haare vielleicht. Ansonsten eigentlich nichts. Ach doch, da wäre noch etwas. Nämlich das gemeinsame Schicksal, in dieser Gesellschaft als fremd wahrgenommen zu werden.

Die Gesellschaft driftet immer weiter auseinander

Genau diese Wahrnehmung ist es auch, die uns auf die Idee bringt, all diese unterschiedlichen Menschen beim Integrationsgipfel über einen Kamm scheren und in die verschiedenen Stadien eines Aktionsplans einordnen zu wollen. All jene, die nicht Anna Schmidt oder Michael Müller heißen, müssen auf die ein oder andere Weise integriert werden, so die Grundannahme. Schade, dass wir im Jahr 2021 noch nicht weiter sind.

Fazit: Bei seiner Gründung vor 15 Jahren war der Integrationsgipfel ein innovatives und durchaus sinnvolles Instrument, durch das zum ersten Mal Menschen und Themen an den Tisch geholt wurden, die zuvor zu lange ignoriert worden waren. Heute aber wirkt das Ganze wie aus der Zeit gefallen. Und so erweckt die Veranstaltung den Anschein, es würden wichtige Schritte bei einem wichtigen Thema gemacht, während die Gesellschaft in Wahrheit nur immer weiter auseinanderdriftet. Ein dreistündiger Gipfel, an dem ausgerechnet der Bundesminister für Inneres und Heimat übrigens zum wiederholten Male nicht teilnahm, wird daran nichts ändern. Kann er auch nicht, solange wir als Gesellschaft weiterhin weder ein klares Konzept von Integration noch von den angeblich zu Integrierenden haben.

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