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StartseiteCampus & KarriereZu wenig Vorbereitung auf das Arbeitsleben 08.01.2015

Integrationskurse in DeutschlandZu wenig Vorbereitung auf das Arbeitsleben

Mehr als eine Million Menschen haben in den letzten zehn Jahren in Deutschland an Integrationskursen teilgenommen. Doch mit dem "Deutschtest für Zuwanderer", mit dem die sechsmonatigen Kurse enden, seien die Teilnehmer noch nicht auf das Berufsleben vorbereitet, kritisieren Experten.

Von Katja Hanke

Eine türkische Frau schreibt im Schulungsraum der interkulturellen Frauenbegenungsstätte "verikom" in Hamburg-Wilhelmsburg das Wort "Integration" an die Tafel. (dpa / picture alliance / Patrick Lux)
Ein Integrationskurs besteht aus 600 Stunden Sprachunterricht und 60 Stunden Orientierungskurs: aber sind die Teilnehmer danach wirklich fit für den Beruf? (dpa / picture alliance / Patrick Lux)
Weiterführende Information

Deutsch in Migranten-Familien - "Es geht nicht um Pflicht und Zwang"
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(Deutschlandfunk, Aktuell, 01.12.2014)

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(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 23.11.2012)

"Wer hier lebt, muss Deutsch können!"
(Deutschlandfunk, Interview mit Grünen-Politikerin Renate Künast, 28.10.2010)

- "Wie heißt das Verb, Alexio? Sich ...?"
- "Sich ruhen, sich ausruhen."

Ein Integrationskurs an der Volkshochschule Neukölln in Berlin. Seit drei Monaten lernen die Teilnehmer hier Deutsch, jeden Vormittag von 8.30 bis 12.30 Uhr. An diesem Tag geht es um reflexive Verben.

-"Und Jacob, wann ruhst du dich aus?"
-"Ich weiß nicht, was bedeutet ausruhen."

Ein Integrationskurs besteht aus 600 Stunden Sprachunterricht und 60 Stunden Orientierungskurs, in dem es um deutsche Politik, Geschichte und Kultur geht. Sprachkurse für Migranten gab es schon vor 2005. Neu an den Integrationskursen war, dass sie breitflächig angeboten werden, und Migranten auch zur Teilnahme verpflichtet werden können. Die Meisten kommen aber freiwillig.

"Ah, ich verstehe, ich ruhe mich am Wochenende aus."

Im Beruf stoßen die Absolventen schnell an sprachliche Grenzen

Nach sechs Monaten legen alle den "Deutschtest für Zuwanderer" ab. Mit ihm enden die Integrationskurse auf dem Sprachniveau B1, also an der Schwelle vom Anfänger zum Fortgeschrittenen. Auf das Arbeitsleben vorbereitet, seien die Lernenden damit allerdings nicht, sagt Jochen Mainka, Programmbereichsleiter für Deutsch als Zweitsprache an der Volkshochschule Neukölln:

"Also, sie können Zeitung lesen und sich hier in Deutschland bewegen, Ämter aufsuchen, das ist alles möglich, aber so ganz differenzierte Aufgaben können sie halt noch nicht wahrnehmen sprachlich."

Um die Teilnehmer wirklich fit für den Beruf zu machen, müssten die Kurse auf das Niveau B2 ausgeweitet werden, so Mainka. Dass Deutschlerner auf B1-Niveau im Beruf schnell an ihre Grenzen stoßen, meint auch Elke Montanari, Professorin für Deutsch als Zweitsprache an der Universität Hildesheim. Zum Beispiel in Beratungssituationen:

"Das kann in der Krankenpflege sein, das kann aber auch in jedem anderen Fall sein. Also, wenn jemand kommt und ein Anliegen schildert und der Lerner soll darauf reagieren. Sowie das individuell wird, ist es problematisch, das mit B1 zu lösen. Das heißt, das Lernen muss unbedingt nach dem Integrationskurs weitergehen."

Integrationskurse brauchen Verbindung in den Berufsalltag

Ein großes Problem für den Lernerfolg sieht sie außerdem darin, dass der Kurs für die meisten Lernenden der einzige Ort ist, an dem sie Deutsch sprechen.

"Und hier wäre eigentlich ein Ansatz, wo ich denke, dass man noch mal gezielter darüber nachdenken könnte. Also, wie könnte im Integrationskurs eine Brücke in den Alltag gemacht werden. Es gibt dazu verschiedene Ideen, zum Beispiel sollte ein Praktikum zum Integrationskurs gehören. Das finde ich eine spannende Überlegung."

Die Lernenden sollten also nicht nur vormittags im Unterrichtsraum sitzen, sondern die Sprache auch nachmittags in verschiedenen Projekten in authentischen Situationen anwenden. Außerdem:

"Aus unserer Befragung zeigt sich so eine Tendenz, dass Lernende eigentlich den Bereich Alltag sich recht gut selbst erschließen können, beziehungsweise, dass sie dafür eigentlich gar nicht so viel Deutsch brauchen."

Themen wie Einkaufen oder Wohnen sollten also kürzer und andere wie Beruf oder Ausbildung ausführlicher behandelt werden. Dann würde schon der Integrationskurs mehr Wortschatz vermitteln, den die Lernenden im Beruf brauchen.

- "Eve, kannst du einen Satz machen mit deinem Verb?"
-"Ich bedankt mich, ja, ich bedanke mich."

Offizielle Angaben dazu, wie viele Personen nach einem Integrationskurs in den Beruf wechseln, gibt es bisher noch nicht. Ob eine Kursteilnahme wirklich in einen Beruf führt, hängt nicht nur vom Bewerber ab, sondern auch von seinem Umfeld:

"Das heißt, wenn ich ein Umfeld verlange, bei dem ein Bewerber nach Abschluss des Integrationskurses 100 Prozent verstehen soll, dann wird der Bewerber scheitern. Wenn ich allerdings sage: Das sind Menschen, die eine Basis haben, wenn ich als Arbeitgeber weitere Angebote machen kann, dann können diese Menschen sich natürlich sehr gut integrieren. Hier sind auch Arbeitgeber gefragt, noch mal Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen."

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