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StartseiteForschung aktuellDer begrenzende Faktor sind die Medikamente 17.04.2020

Intensivmedizin bei COVID-19 Der begrenzende Faktor sind die Medikamente

Werden COVID-19-Patienten künstlich beatmet, geht das nicht ohne Spezialmedikamente. Die Lage ist nicht bei allen Mitteln entspannt, obwohl die deutschen Kliniken noch lange nicht an ihre Belegungsgrenze stoßen. Eine Taskforce soll sie nun auf wachsende Fallzahlen vorbereiten.

Von Dagmar Röhrlich

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18.07.2018, Bayern, München: Perfusoren mit Propofol und Remifentanil sind während einer Knie-Operation in der Sana Klinik (OCM - Orthopädische Chirurgie München) in einem Operationssaal zu sehen. Bei der Operation wurde dem Patienten eine Knietotalendoprothese (Knie-TEP) eingesetzt. Foto: Sven Hoppe/dpa | Verwendung weltweit (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)
Das Narkotikum Propofol, welches bei künstlicher Beatmung benötigt wird, ist nicht ausreichend lieferbar (dpa / picture alliance / Sven Hoppe)

Wenn schwerkranke COVID-19 Patienten künstlich beatmet werden müssen, dann brauchen Ärzte eine Vielzahl von Medikamenten: zur Narkose etwa, zur Beruhigung, Kreislaufstabilisierung. Ohne sie geht es nicht. In Frankreich mit seinen hohen Fallzahlen ist der Mangel bei einigen Mitteln gravierend: bei Muskelrelaxantien etwa, Schmerzmitteln und Antibiotika, schreibt Alain Astier per Mail. Der Pharmazeut leitete fast vierzig Jahre lang die Apotheke des Universitätsklinikums in Créteil. In Deutschland ist die Lage vergleichsweise entspannt.

Ohne die Spezialmedikamente geht es nicht

"Trotzdem gibt es einige Medikamente, die weiterhin von Lieferengpässen und Verknappung betroffen sind. Das ist ein Mittel zur Narkose, Propofol, was schon seit langer Zeit nicht ausreichend lieferbar ist. Es ist auch ein Beruhigungsmittel, ein Benzodiazepin, Midazolam. Aber es sind auch Schmerzmedikamente und Antibiotika, die möglicherweise, wenn der Bedarf wieder steigen sollte, dringend benötigt werden und nicht ausreichend geliefert werden können."

Wolf-Dieter Ludwig ist Vorsitzender der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft. Auf der Liste der Lieferengpässe tauchen inzwischen auch Mittel aus der Intensivmedizin auf, die Anfang des Monats noch nicht knapp waren. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – kurz BfArM - hat reagiert: mit Kontingenten für Krankenhausapotheken.

"Das heißt, die Krankenhäuser können nur den Bedarf decken für einen gewissen Zeitraum. Bei den Krankenhäusern sind es in der Regel acht Wochen."

Was heißt schon "normaler Bedarf" in Krisenzeiten?

In Deutschland decken die Krankenhausapotheken ihren Bedarf direkt bei den Pharmaunternehmen. Deshalb fordert das BfArM, die Firmen sollten an sie – Zitat – "Arzneimittel nicht über den normalen Bedarf hinaus" liefern. Was der "normale Bedarf" in diesen Krisenzeiten ist, darüber diskutieren nun manche Apotheker mit der Industrie. Sorgen bereitet auch, wie zuverlässig die Unternehmen über die nächsten Monate liefern werden.

"Ob sie ihre Produktionskapazitäten gewährleisten können, auch steigern können und ob die Logistik, das heißt die Vertriebswege funktionieren. Das heißt, die Herausforderung für die pharmazeutischen Hersteller in dieser Situation ist sehr groß, und ich hoffe sehr, dass sie diesen Herausforderungen gewachsen sind."

Die Produktion mit Blick auf die knappen Medikamente hochfahren, wie von der EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides gewünscht, ist nicht immer einfach. Bork Bretthauer, Geschäftsführer des Verbands Pro Generika.

"Weil Pharmaproduktion im Regelfall mit sehr viel langem Vorlauf stattfindet, und natürlich die Produktionskapazitäten fest eingeplant sind für die Produktion von bestimmten Arzneimitteln. Aber hier haben eben Unternehmen auch versucht, wo immer möglich, Produktionsstrecken quasi umzuwidmen. Im Grunde eine Priorisierung: Wie man im Bereich der Krankenhäuser gesagt hat, wir brauchen mehr Intensivbetten, haben Hersteller natürlich versucht, frühestmöglich auch die Produktion anzupassen und hochzufahren."

Taskforce gegründet

Derzeit ist in Deutschland nur etwas mehr als die Hälfte der Intensivbetten belegt – sprich: etwas mehr als 11.000 sind frei. Doch diese freien Kapazitäten erfüllen bei stark steigenden Fallzahlen nur dann ihren Zweck, wenn auch die entsprechenden Medikamente verfügbar sind. Ein Krankenhausapotheker ließ im Gespräch mit dem Deutschlandfunk durchblicken: Bei Vollbelegung könne er die Versorgung wohl nicht gewährleisten. Noch ist Zeit, sich vorzubereiten:

"Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat eine Task Force etabliert, die eine Wirkstoffliste erarbeiten soll von in der Intensivmedizin dringend benötigten Arzneimitteln, also versorgungsrelevanten Arzneimitteln. Diese Liste wird voraussichtlich etwa 20 Wirkstoffe enthalten. Und wenn wir diese Liste haben, kann man natürlich dann auch gezielter noch planen, welche Arzneimittel unbedingt vorrätig gehalten werden müssen."

Eine solche Liste wird auch von den Pharmaunternehmen begrüßt – und sie hoffen auf noch mehr Informationen, um die Verteilung der Medikamente zu optimieren.

"Was wird wirklich benötigt, welche Medikamente? Wie viele davon werden benötigt? Und wo? In welchen Krankenhäusern liegen die Covid-19 Patienten, die jetzt vorrangig beliefert werden sollten?"

In Frankreich fehlen die Medikamente

In Frankreich ist die Lage sehr viel brisanter: Krankenhausapotheker fragen bei ihren Kollegen im Ausland nach, ob sie ihnen helfen können. Und Alain Astier schreibt, dass in einigen Kliniken manche Medikamente so knapp seien, dass es Anweisungen gebe, sie "sparsam" einzusetzen. Das bedeute nichts anderes, als dass man nahelege zu entscheiden, wer die Mittel erhalte und wer nicht.

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