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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenHumboldt als Pionier der Nachhaltigkeitsforschung05.09.2019

Interdisziplinäre WissenschaftHumboldt als Pionier der Nachhaltigkeitsforschung

Wie können Artensterben und Erderwärmung gestoppt werde? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine internationale Konferenz an der Humboldt Universität Berlin. Als Orientierungspunkt diente dabei Alexander von Humboldts interdisziplinärer Ansatz - der über den rein naturwissenschaftlichen Blick hinausging.

Von Andreas Beckmann

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Statue von Alexander von Humboldt vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität in Berlin (Bildagentur-online / picture alliance)
An der Humboldt Universität Berlin wurden Lösungen gesucht, wie die UN-Nachhaltigkeitsziele verwirklicht werden können (Bildagentur-online / picture alliance)
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"Das Klima der Kontinente hängt ab von den Veränderungen, welche der Mensch durch die Entwicklung großer Dampf- und Gasmassen an den Mittelpunkten der Industrie hervorbringt."

Alexander von Humboldt hat eine ganze Reihe von Einsichten hinterlassen, die erstaunlich hellsichtig wirken angesichts der heutigen Debatten über Nachhaltigkeit, findet Christoph Schneider, Professor für Klimageografie an der Humboldt Universität Berlin:

"Alexander von Humboldt können wir schon als eine der Gründungsfiguren der modernen Nachhaltigkeitsdebatte ansehen."

Vor allem an Humboldts Interdisziplinarität möchte Christoph Schneider wieder anknüpfen. Moderne Nachhaltigkeitsforschung müsse über Naturwissenschaften hinausgehen und auch gesellschaftliche Strukturen in den Blick nehmen. So wie Humboldt es tat, der sich nahezu für alles interessierte: für Flora und Fauna, für Geografie und Klima, aber auch für die Lebensweisen und -weisheiten der Menschen, die er auf seinen Forschungsreisen rund um den Globus traf:

"Alexander von Humboldt selber war ein sehr politischer Mensch und auch da ist er ein gutes Beispiel. Er hat sich zu Lebzeiten mit Tausenden von Briefen, mit Statements, mit Aussagen in Vorträgen und in seinen Büchern auch politisch eingesetzt. Zum Beispiel gegen die Sklaverei. Oder gegen Auswüchse des Kolonialismus."

Nachhaltigkeitsforschung als Teil des Systems

"Das Glück des Weißen ist aufs Innigste mit der kupferfarbenen Rasse verbunden."

So sehr er den Kolonialismus kritisierte, so sehr profitierte Humboldt auch von ihm, schränkt Christoph Schneider ein. Ohne Unterstützung durch die Spanische Krone hätte er niemals Mittel- und Südamerika bereisen und erforschen können:

"Die wissenschaftliche Agenda ist nie losgelöst von einer politischen oder sozialen Agenda. Wir können nicht einfach aus der Zeit fallen und Humboldt konnte nicht aus der Zeit fallen. Völlig klar, dass er von kolonialen Strukturen bei seiner Arbeit, in seinem Leben auch profitiert hat. Obwohl er sie kritisiert hat."

Ebenso wie Humboldt sind auch moderne Nachhaltigkeitsforscher unweigerlich Teil des Systems und können es kaum verändern. Längst haben sie Politikern genug Informationen an die Hand gegeben, damit die eine Politik gegen den Klimawandel einleiten können, sagt Christine Bismuth vom Geoforschungszentrum Potsdam, die sich lange mit Fragen der Wasserwirtschaft und Agrarentwicklung beschäftigt hat. Trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts gingen gesellschaftliche Veränderungsprozesse nur schleppend voran:

"Es ist immer so, Entscheidungen tun jemandem weh, die wir jetzt treffen. Und die Erfolge sind aber erst in zwei, drei Generationen zu verzeichnen. Und der einzelne Politiker oder der einzelne Entscheidungsträger hat definitiv davon nichts mehr."

Wer Verbote verhängt oder Steuern erhöht, muss befürchten, beim nächsten Mal weniger Stimmen zu bekommen. Da helfen auch die besten umwelt- oder klimapolitischen Argumente wenig. Es sei denn, meint Christine Bismuth, Politikerinnen oder Politiker treffen genau den richtigen Zeitpunkt:

"Wenn wir einen Schock haben, also tote Fische im Wasser oder jetzt brennende Urwälder, mobilisiert das und spricht auch gleichzeitig unsere Gefühle an und öffnet Möglichkeiten für die Politik, Handlungen durchzusetzen, die vorher nicht akzeptiert worden wären. Ich nenne zum Beispiel den Ausstieg aus der Atomenergie nach Fukushima. Ich nenne als Beispiel nach dem Sandoz-Unfall am Rhein die Einführung strengerer Abwasserstandardsregelungen."

Die Unbeweglichkeit fossiler Gesellschaften

Doch solche gesellschaftlichen Schockmomente sind selten. Und sie treten meist erst ein, wenn es eigentlich schon zu spät und das Unglück eingetreten ist. Erderwärmung oder der Verlust an Artenvielfalt sind aber Prozesse, die sich schleichend vollziehen. Im Alltag bleiben sie für die meisten Menschen unmerklich. Und dieselben Menschen verbrauchen weiter ganz selbstverständlich fossile Rohstoffe, ergänzt Helmut Haberl von der Universität für Bodenkultur Wien. Sie nutzen Kohlestrom, betanken ihr Auto mit Benzin, heizen mit Öl und leben in einer Welt voller Kunststoffe, die auf Erdölbasis produziert sind:

"Die fossile Energie ist ja in die Gesellschaftsstrukturen eingeschrieben, in denen wir leben. Die ist in den ganzen Praktiken des täglichen Lebens enthalten, wie unsere Jobs organisiert sind, wie unser Zusammenleben organisiert ist, in all das ist fossile Energie eingeschrieben."

Hinzu kommt, dass alle Volkswirtschaften immer noch auf Wachstum setzen. Kein Wunder, dass der Verbrauch an Kohle, Öl und Gas weltweit weiter steigt. Helmut Haberl beschäftigt sich daher mit der Frage, ob es vielleicht ein grünes Wachstum geben könnte, das ohne steigenden Rohstoffverbrauch möglich wäre. Ermutigende Beispiele hat er bisher kaum gefunden:

"Das beobachtet man sehr selten und wenn dann meistens nur relativ kurz und in speziellen Situationen wie in Deutschland die Vereinigung nach dem Fall der DDR. Da wurde die auf Autarkie getrimmte, sehr ineffiziente Braunkohle-Wirtschaft mehr oder weniger still gelegt, durch ein westliches System mit modernen Energieträgern ersetzt. Da ist tatsächlich der Energieeinsatz deutlich gesunken und die Wirtschaft gleichzeitig gewachsen."

"Grünes Wachstum" als Ausnahmefall

Einen vergleichbaren Strukturwandel hat es in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts in vielen Ländern gegeben, auch wenn er im Westen langsamer ablief als im Osten. Das hat dazu geführt, dass die Treibhausgasemissionen eine Zeit lang in vielen Industriestaaten zurückgingen. Doch diese Erfolge waren nicht nachhaltig, schränkt Helmut Haberl ein:

"Ein Beispiel wäre Großbritannien. Die haben einfach immer mehr ihre eigene Industrie vernachlässigt, haben sich auf andere Wirtschaftsbereiche konzentriert und importieren dann eben die Güter, die energieintensiv sind. Und dann sieht man, dass diese Entkopplung vielleicht doch nicht so toll ist, wie sie ausschaut, weil dann die energieintensiven Produktionen halt woanders stattfinden."

Moderne Dienstleistungswirtschaften mögen auf den ersten Blick saubere Wachstums-Bilanzen ausweisen. Doch dem Klima ist damit nicht geholfen, solange in Asien, Afrika oder Südamerika bei laschen Umweltstandards für westliche Konsumenten produziert wird.

"Das Goldsuchen ist eine europäische Krankheit, welche an Raserei grenzt."

Die Gier der Goldsucher hatte Humboldt in Südamerika wiederholt erlebt und beschrieben. Er hat sie auch als Sinnbild interpretiert für den an materiellem Reichtum orientierten europäischen Lebensstil, der inzwischen zum Vorbild für die ganze Welt geworden ist - obwohl in den westlichen Ländern selbst zumindest viele Wissenschaftler längst an ihm zweifeln:

"Dass Bruttoinlandsprodukt-Wachstum und Wachstum von Geldeinkommen glücklicher macht, dafür gibt es nicht wirklich gute Evidenz. Meine Meinung auf Grund dessen, was ich so lese und worüber ich nachdenke, ist, dass die Verringerung von sozialer Ungleichheit ein viel besseres Mittel wäre, um soziales Wohlergehen zu ermöglichen und dass der absolute Level gar nicht so wesentlich ist."

Soziale Gerechtigkeit und Umwelt

Größere soziale Gleichheit könnte tatsächlich ein Mittel sein, um eine ökologisch nachhaltige Entwicklung anzustoßen. Das bestätigt auch der Soziologe Jens Jetzkowitz, der am Naturkundemuseum Berlin zum Themenkomplex Biodiversität und Umweltschutz forscht:

"Es gibt Studien, die zeigen, dass in Gesellschaften mit extremen ökonomischen Ungleichheiten 15 Jahre später der Artenverlust signifikant höher ist als in Gesellschaften, die mehr durch ökonomische Gleichheit geprägt sind. Das lässt sich statistisch belegen."

Und zwar durch vergleichende Untersuchungen, die kanadische Wissenschaftler in weltweit 48 Ländern durchgeführt haben. Wie fast jede Erkenntnis gilt aber auch diese mit Einschränkungen. In den Staaten des Sozialismus war die soziale Gleichheit bis 1989 weitgehend durchgesetzt und dennoch fiel die ökologische Bilanz dieser Gesellschaften noch verheerender aus als die kapitalistischer Industrienationen. Die oft verschlissenen Anlagen der Betriebe ließen Umweltschutzmaßnahmen kaum mehr zu. Eine Gesellschaft muss sich Ökologie auch leisten können. Deshalb, betont Christoph Schneider von Humboldt Universität, gehört ein angemessenes Wirtschaftswachstum ja auch zu den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen.

"Natürlich gibt es Teile der Erde, wo wir Entwicklung brauchen, auch ökonomische Entwicklung, wo die Lebensbedingungen der Menschen so schlecht sind, dass wir ohne ökonomische Entwicklung nicht in der Lage sein werden, die Armutsprobleme in den Griff zu kriegen. Und es gibt auf der anderen Seite Gesellschaften, da würde ich auch Deutschland dazu zählen, wo die Idee permanenten Wirtschaftswachstums sich nur noch schwer mit Nachhaltigkeitszielen in Übereinstimmung bringen lässt."

Größter ökologischer Fußabdruck

Weil sie mehr konsumieren, hinterlassen Bürger der reichen Länder immer noch den größten ökologischen Fußabdruck. Und der wird nicht etwa kleiner, sondern wächst nach wie vor, wie Jens Jetzkowitz am Beispiel des Reiseverhaltens der Deutschen zeigt:

"Es sieht so aus, als wenn die bundesdeutsche Bevölkerung als Reiseweltmeister dazu neigt, stärker Kurzreisen, dafür aber öfter zu machen. Für die Tourismusindustrie ist das toll, für die Umwelt ist natürlich die Nutzung vom Flugzeug als Verkehrsmittel mit CO2-Emissionen verbunden."

Und gerade bei Kurzreisen wird es gern genutzt, denn die gehen oft in Städte und die haben meist gute Fluganbindungen. Außerdem will, wer nur kurz Urlaub nimmt, nicht viel Zeit mit der An- und Abreise verbringen. Und so wächst die Zahl der Flugreisen in Europa und Amerika immer noch, obwohl so viele Leute mittlerweile von Flugscham reden. Dabei müssten gerade die Konsumenten aus den reichen Ländern ihr Verhalten ändern, fordert die Wirtschaftswissenschaftlerin Beatrice Crona vom Stockholm Resilience Center. Vor allem Männer sollten sich hier angesprochen fühlen:

"Es gibt eine ganze Reihe von Studien zum Konsumverhalten, die zeigen, dass sich Männer im Durchschnitt viel weniger Gedanken machen über die ökologische Verträglichkeit ihrer Kaufentscheidungen. Frauen bevorzugen kleine Autos mit wenig Verbrauch, Männer Geländewagen. Männer essen deutlich mehr Fleisch. Viele halten so etwas für einen Ausdruck von Männlichkeit. Deshalb sollten wir die Geschlechter-Unterschiede genauer anschauen. Sie spielen eine Rolle, wenn es darum geht, ob sich unsere Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit verändern kann."

Gleichberechtigung als Umweltschutz

Weiße Männer sind die Gruppe mit dem höchsten Durchschnittseinkommen weltweit. An ihren Konsumvorstellungen orientieren sich Unternehmen, wenn sie entscheiden, welche Produkte sie wie produzieren und anbieten wollen. Und an der Spitze dieser Unternehmen stehen wiederum in erster Linie weiße Männer:

"Es gibt deutlich messbare Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Unternehmensvorständen. Frauen interessieren sich deutlich häufiger dafür, welche ökologischen Konsequenzen die Herstellung oder der Verbrauch eines Produkts nach sich zieht. Insofern wäre es ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit, wenn wir den Anteil von Frauen unter den Vorstandsmitgliedern von Unternehmen steigern würden."

Damit Unternehmen und Konsumenten umsteuern, muss aber auch der Staat Anreize schaffen, fordert Max Franks vom Potsdam Institut für Klimafolgeforschung. Der Ökonom plädiert dafür, dass auf CO2-Emissionen in Zukunft eine stetig steigende Steuer erhoben werden sollte. Wer große MengenTreibhausgase verursacht, solle dafür zahlen. Treffen werde des vor allem finanziell besser gestellte Menschen, die mehr konsumieren können, größere Wohnungen beheizen und schnellere Autos fahren, einfach weil sie es sich leisten können. Max Franks ist sich aber bewusst, dass eine CO2-Steuer auch sozial ungerecht sein kann:

"Wer mit Öl heizt und auch, wer auf das Auto angewiesen ist und Berufspendler ist, der ist ganz klar im Nachteil."

CO2-Steuer mit sozialer Komponente

Alle, auch weniger begüterte Menschen, sollten aber einen wirtschaftlichen Anreiz haben, etwa umweltfreundlicher zu heizen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Soziale Härten könne und solle der Staat dabei ausgleichen:

"Eine ganz einfache Idee, die in der Schweiz übrigens erfolgreich umgesetzt wird, ist, dass alle CO2-Steuern in einen Topf kommen. Wer viel verschmutzt, muss auch viel zahlen, wer umweltfreundlich lebt, hat keine so großen Steuerausgaben. Dieser Topf wird dann am Ende des Jahres wieder zurückbezahlt. Pro Kopf kriegt jeder gleich viel und so kommt dann im Schnitt für einkommensschwache Haushalte sogar ein Plus dabei heraus."

Solche positiven Modelle müssten Wissenschaftler vermehrt entwickeln und Politiker dann umsetzen, meint Johan Rockström, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung:

"Wenn von Nachhaltigkeit die Rede ist, verbindet das die breite Mitte der Gesellschaft immer mit dem Gefühl, sie müsste Opfer bringen. Andererseits sind die Leute grundsätzlich schon für Klimarettung. Wir können sie also gewinnen, aber wir haben nicht mehr viel Zeit. Wir sollten weniger von Risiken reden, als von den Chancen und den Leuten Lust machen, dabei zu sein."

Problematische Gleichgültigkeit

Das größte Problem, mit dem Nachhaltigkeitsforscher zu kämpfen hätten, sei die Gleichgültigkeit vieler Bürger und Politiker:

"Das Problem sind nicht Leute, die den Klimawandel leugnen. Die sind eine Minderheit. Lassen Sie es mich in Anlehnung an Albert Einstein so sagen: Die Welt wird nicht von denen zerstört, die Böses tun, sondern von denen, ihnen dabei zusehen, ohne dagegen einzuschreiten."

Die junge Bewegung "Fridays for future" macht Johan Rockström Hoffnung, dass die Menschheit doch noch zu einem nachhaltigen Entwicklungspfad findet. Und dass dann auch künftige Generationen eine Artenvielfalt erleben könnten, die jener ähnelt, die Humboldt beschrieben hat:

"Welche Farben der Vögel, der Fische, selbst der Krebse (himmelblau und gelb!). Ich fühle es, dass ich hier glücklich sein werde und dass diese Eindrücke mich auch künftig noch erheitern werden."

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