Sonntag, 22.09.2019
 
Seit 06:10 Uhr Geistliche Musik
StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Auto aus den Städten verbannen10.09.2019

Internationale AutomobilausstellungDas Auto aus den Städten verbannen

In Zukunft brauchen wir eine andere Mobilität, kommentiert Silke Hahne. Eine grundlegende Verkehrswende sei notwendig. Auf die Autoindustrie solle die Politik bei diesem gigantischen, gesellschaftspolitischen Unterfangen weniger Rücksicht nehmen als bisher.

Von Silke Hahne

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein 1.400 Kubikmeter großer schwarzer Ballon mit der Aufschrift "CO2" symbolisiert eine Abgaswolke (dpa/Lennart Stock)
Die Umweltorganisation Greenpeace demonstriert vor dem IAA-Gelände (dpa/Lennart Stock)
Mehr zum Thema

Stadtgeländewagen SUV Problemauto oder nicht?

Diskussion über SUVs "Klimakiller steuerlich in Haftung nehmen"

Internationale Automobil-Ausstellung 2019 "Die IAA ist auf Schrumpfkurs"

Nach dem Unfall in Berlin Obergrenze für SUVs gefordert

Es ist eine lieb gewonnene Tradition: Auf der Internationalen Automobil Ausstellung in Frankfurt stellt die Industrie schon seit einigen Jahren gerne die sparsamen Modelle und Elektromobile ganz vorne ins Schaufenster. Für die Zeit der Messe erweckt sie fast schon den Eindruck, niemandem läge die Umwelt mehr am Herzen als ihr.

Zurück im Alltagsgeschäft war es damit bisher allerdings immer schnell wieder vorbei. Insbesondere seit der letzten IAA ist quasi das Gegenteil aller grünen Auto-Träume wahr geworden: Noch immer dümpelt der Anteil der Elektroautos bei den Neuzulassungen in Deutschland im einstelligen Prozentbereich vor sich hin, noch immer ist der CO2-Ausstoß der Pkw-Flotte nicht signifikant gesunken und die besonders schweren, teils auch überdimensional großen Stadtgeländewagen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit - und zwar mit Diesel- und Benzinantrieb.

Die Debatte ist polarisiert

Das sowie die verschärfte Debatte um den Klimawandel haben dazu geführt, dass die IAA in diesem Jahr so stark unter gesellschaftspolitischem Druck steht wie noch nie. Und immerhin unternimmt die Branche den Versuch zum Dialog. Die Gespräche zeigen allerdings, wie groß die Differenzen zwischen Autobranche und Teilen der Gesellschaft gerade sind; wie polarisiert die Debatte.

Beide Seiten fahren ganz schön groß auf: Die Autoindustrie sieht die individuelle Mobilität und damit die Freiheit eines jeden Einzelnen bedroht. Klima- und Verkehrsaktivisten sehen ohne einen sofortigen Ausstieg aus dem System Auto eher morgen als übermorgen die Welt auf eine globale Erwärmung zusteuern, die den letzten Sommer harmlos erscheinen lässt.

Und beide haben auf ihre Weise Recht: Der Verkehrssektor muss nach fast 30 Jahren Stillstand in Sachen CO2-Ausstoß endlich einen Beitrag zu mehr Klimaschutz leisten. Und ja, das bedroht den Lebensstil, den wir bisher pflegen. Es bedeutet im Zweifelsfall: Weniger Routine, mehr Flexibilität im ohnehin schon für viele stressigen Alltag. Das mögen aus Sicht von Umweltschützern Luxussorgen sein im Vergleich zu einer bevorstehenden Klimakatastrophe. Eine Verkehrswende lässt sich aber auch nicht erzwingen.

Die Politik muss handeln, auch gegen die Automobilindustrie

Es ist die Aufgabe der Politik, diesen enormen Dissens zu moderieren. Das gilt im Großen wie im Kleinen: Der Bundesverkehrsminister muss Räume in der Straßenverkehrsordnung schaffen, die Radikaleres zulassen als mehr Fahrradstraßen. Und die Oberbürgermeister der Großstädte müssen diese Räume nutzen, um das Auto aus den Städten zu verbannen.

Auf die Autoindustrie sollte man bei diesem gigantischen, gesellschaftspolitischen Unterfangen weniger Rücksicht nehmen als bisher. Damit sind explizit die Gewinne der Unternehmen, nicht ihre Mitarbeiter gemeint. Die IAA eignet sich in diesem Sinne für einen Schaufenster-Bummel. Für mehr aber auch nicht.

Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, Redakteurin für Wirtschaft und Gesellschaft. (Deutschlandradio / Bettina Fuerst-Fastre)Silke Hahne, geboren bei Köln. Studium Kommunikationswissenschaft und Hörfunkjournalismus in Münster und Leipzig, jeweils mit dem Schwerpunkt Wirtschaft/Finanzen. Freie Mitarbeiterin bei mehreren MDR-Hörfunkwellen, Volontariat beim Deutschlandradio. Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk