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StartseiteCorsoSolidarität mit dem Whistleblower09.09.2014

Internationale LesungSolidarität mit dem Whistleblower

Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Verräter: Edward Snowden sitzt in Russland fest. Das Internationale Literaturfestival in Berlin hat daher zu einer internationalen Lesung für Snowden aufgerufen. Auf der ganzen Welt wurden Interview-Statements des Whistleblowers vorgetragen.

Von Oliver Kranz

Snowden-Plakate in Köln, 2014 (picture-alliance / dpa / Henning Kaiser)
Snowden-Plakate in Köln, 2014 (picture-alliance / dpa / Henning Kaiser)
Weiterführende Information

Spionage - Drei Schichten Lauschangriff (Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 08.09.2014)
Kongress Kiel - "Datenschutz wird von der Politik nicht umgesetzt" (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 26.08.2014)
Kontrollverlust im Netz - "Der Netzwerkeffekt erschwert den Facebook-Ausstieg" (Deutschlandfunk, Kultur heute, 20.08.2014)
IT-Sicherheit - Sinn und Unsinn der Mail-Verschlüsselung (Deutschlandfunk, Kultur heute, 19.08.2014)
Datenschutz - Verbraucherorganisationen sollen mehr Klagerechte bekommen (Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 19.08.2014)

"Mein einziges Motiv liegt darin, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, was in ihrem Namen getan wird und gegen sie eingesetzt wird. Die amerikanische Regierung hat in einer Verschwörung mit ihren Satellitenstaaten, insbesondere mit den Five Eyes – Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland –, der Welt ein System geheimer, alles durchdringender Überwachung aufgezwungen, vor dem es kein Entrinnen mehr gibt."

"Viele werden mich dafür verdammen, dass ich nicht den nationalen Relativismus teile und die Probleme [meiner] Gesellschaft ignoriere, um den Blick auf ferne Übel im Ausland zu richten, die weder unserer Zuständigkeit noch unserer Verantwortung unterliegen. Doch es entspricht der staatsbürgerlichen Pflicht, zuerst das Tun der eigenen Regierung zu überprüfen, ehe man danach trachtet, andere zu verbessern."

Die Texte sind eigentlich längst bekannt

Die Texte sind eigentlich längst bekannt. Die meisten stammen aus dem Snowden-Buch des Journalisten Glenn Greenwald. Die Schriftstellerin Priya Basil hat sie zusammengestellt.

"Klar kann man sagen: "Das hat alles schon in der Zeitung gestanden. Warum sollen wir noch mal darüber nachdenken?" - aber man kann die Lesung auch als Zusammenfassung des Diskurses sehen, der nach den Snowdens Enthüllungen entstanden ist. Wir diskutieren die Fakten, indem wir seine Worte nutzen."

"Selbst wer sich nichts zuschulden kommen lässt, wird beobachtet und aufgezeichnet. Die Speicherkapazität der Systeme steigt drastisch von Jahr zu Jahr, sodass man nicht einmal etwas Unrechtes getan haben muss, um sich in ihnen wiederzufinden. Es genügt ein einfacher Verdacht, selbst wenn dieser auf einem Irrtum beruht. Das System kann genutzt werden, um in die Vergangenheit zurückzugehen und jede Entscheidung zu berücksichtigen, die man jemals getroffen hat."

Gelesen wurde in den meisten europäischen Ländern, in Kolumbien, Südafrika, Neuseeland und in den USA – das Internationale Literaturfestival hatte die Texte in deutscher und englischer Sprache zur Verfügung gestellt. In Deutschland fanden mehr als 40 Lesungen statt – in Klubs und Bibliotheken, in Kulturhäusern und Parteibüros. Snowdens Enthüllungen haben die Menschen berührt. Das war gestern auch bei der zentralen Veranstaltung im Haus der Berliner Festspiele zu spüren. Dort meldete sich nach der Lesung die dänische Schriftstellerin Janne Teller zu Wort.

"Die Bedeutung der Enthüllungen von Edward Snowden wird uns wohl erst nach und nach bewusst werden. Es sieht so aus, als ob die bürgerlichen Rechte und Freiheiten, die über viele Generationen hinweg erkämpft wurden, im digitalen Zeitalter ihre Bedeutung verlieren. Im Internet gibt es keine Privatsphäre. Das mögen manche auch schon vor Snowden vermutet haben – aber man hatte keine gesicherten Erkenntnisse darüber."

Janne Teller hat einen Appell formuliert, in dem sie ein digitales Selbstbestimmungsrecht für jeden Menschen fordert – inklusive des Rechts, illegal erhobene persönliche Daten wieder löschen zu lassen. 562 Autoren aus 80 Ländern haben den Aufruf unterzeichnet – darunter fünf Nobelpreisträger. Nun ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass die Diskussion weitergeht. In Nordamerika hat es nach Snowdens Enthüllungen nur eine kurze Welle des Protests gegeben, wie der kanadische Autor Brian Bett berichtet.

"Besonders die jungen Leute haben kein Gefühl dafür, welche Informationen man im Internet preisgeben sollte und welche nicht. Nicht nur die Geheimdienste sammeln Daten über uns, sondern auch private Unternehmen. Auf vielen Websites gibt es Tracker, die unser Nutzerverhalten analysieren. Die Regierung spioniert uns nicht nur mithilfe der Geheimdienste aus, sondern sie lässt sich auch die Tracking Daten geben."

Auf die Kooperation von Firmen wie Google oder Facebook mit dem amerikanischen Geheimdienst NSA hat ja auch Edward Snowden hingewiesen. Man sollte seine Daten nur solchen Unternehmen anvertrauen, die sich juristisch einklagbar dazu verpflichten, die Privatsphäre ihrer Kunden zu wahren...

"Wenn sich nur ein Konzern dazu entschließt, wird sich die Sicherheit der globalen Kommunikation ein für alle Mal ändern. Wenn kein Unternehmen den ersten Schritt macht, überlege, ob nicht du ein solches Unternehmen gründest.

Impulse müssen aus der Politik kommen

Die entscheidenden Impulse müssen natürlich trotzdem aus dem Bereich der Politik kommen. Doch von dort hört man wenig - auch in Deutschland. Die Bundesregierung möchte dem Whistleblower nicht einmal die Einreise gestatten. Dabei wäre das juristisch kein Problem – darauf wies gestern Snowdens Anwalt Wolfgang Kaleck hin...

"Wenn Russland das Reich des Bösen ist (und als solches wird es heute ja von vielen gesehen) sollte man Snowden dort herausholen. Das ist auch im Interesse unserer Sicherheit – schließlich könnte er den Russen geheime Informationen weitergeben. Aber unsere Politiker denken nicht mal daran. Wir sollten ihnen klarmachen, dass es so nicht weitergeht."

Man müsse Snowden ja nicht gleich Asyl gewähren, sagte Kaleck, eine Aufenthaltsgenehmigung oder sicheres Geleit in andere Länder würden auch schon helfen. Auf jeden Fall braucht der Whistleblower unsere Solidarität. Die gestrige Lesung darf noch nicht alles gewesen sein.

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