Die Nachrichten
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20. Oktober 2020Die internationale Presseschau

Themen sind die Entwicklungen der Corona-Pandemie in Europa und China sowie die Proteste gegen Polizeigewalt in Nigeria. Zunächst aber zur Präsidentschaftswahl in Bolivien, bei der der linksgerichtete Kandidat Arce gewonnen hat.

Luis Arce hat die Präsidentschaftswahl in Bolivien gewonnen. (AFP/RONALDO SCHEMIDT / AFP)
Luis Arce hat die Präsidentschaftswahl in Bolivien gewonnen. (AFP/RONALDO SCHEMIDT / AFP)

"Gleich mehrere Lektionen haben die Bolivianer ihrer politischen Elite damit erteilt", analysiert der STANDARD aus Österreich: "Zum einen ist es eine klare Absage an die rechte Interimsregierung, die mit rassistischen Sprüchen ebenso unangenehm auffiel wie mit dem Zusammenstreichen sozialer Errungenschaften, Korruption und einem inkompetenten Pandemie-Management. Zum anderen muss derjenige, der in Bolivien regieren will, die indigene Bevölkerung repräsentieren oder zumindest einbeziehen. Die Bolivianer haben Ja gesagt zu einem Sozialismus, der ihnen im Gegensatz zu den Bruderländern Kuba, Venezuela und Nicaragua wirtschaftliches Wachstum und sozialen Aufstieg gebracht hat. Sie haben Nein gesagt zur Vetternwirtschaft und zum autoritären Abdriften eines Evo Morales", beobachtet der STANDARD aus Wien.

"Als Morales 2005 die Präsidentschaftswahlen gewann, war das eine Sensation", erinnert die norwegische Zeitung AFTENPOSTEN und erklärt: "Die Mehrheit der Bevölkerung sind Ureinwohner, aber nie zuvor hatte einer von ihnen den Präsidenten gestellt. Unter Morales wuchs die Wirtschaft, die Armut ging zurück, und es herrschte politische Stabilität. Aber leider klammerte sich Morales länger als die zwei von der Verfassung vorgesehenen Amtsperioden an die Macht, und 2019 musste er wegen Wahlbetrugs zurücktreten und das Land verlassen. Zum Glück haben sich die Befürchtungen bislang nicht bewahrheitet, wonach das Militär die Macht übernehmen oder ein Präsident von der äußersten Rechten das Land in eine autoritäre Richtung führen könnte. Die Wahlen gingen friedlich vonstatten, und die Mehrheit der Bevölkerung hat sich erneut für die linke MAS ausgesprochen. Hoffentlich kann nun auch der Machtwechsel ohne Unruhen über die Bühne gehen", notiert AFTENPOSTEN aus Oslo.

Die mexikanische Zeitung LA CRONICA DE HOY befürchtet: „Der Sieg von Luis Arce birgt die Gefahr einer Rückkehr von Evo Morales. Berauscht vom Sieg des Kandidaten der linken MAS erklärte Morales bereits, er werde früher oder später nach Bolivien zurückkehren, um sich als Landwirt zu betätigen. Abgesehen davon, dass ihm Letzteres kaum jemand abnehmen dürfte, forderten ihn seine Parteifreunde auf, nichts zu überstürzen. Seine Person spaltet das Land, und die Staatsanwaltschaft wirft ihm unter anderem Terrorismus und Völkermord vor. Es verdient Anerkennung, dass Übergangspräsidentin Áñez und Oppositionsführer Mesa das Wahlergebnis umgehend anerkannt haben, während Morales im vergangenen Jahr das Land an den Rand eines Bürgerkriegs geführt hat“, betont LA CRONICA DE HOY aus Mexiko-Stadt.

Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG aus der Schweiz konstatiert: "Bolivien gehört seit seiner Unabhängigkeit vor fast 200 Jahren wegen seiner geografischen und ethnischen Spaltung zu den instabilsten Staaten Lateinamerikas. Will das Land wieder zum Wachstumskurs zurückfinden, ist es unumgänglich, dass nun die großen Gräben in der Gesellschaft zugeschüttet werden."

Ähnlich sieht es auch die bolivianische Zeitung OPINION: „Arce hat bereits erklärt, er wolle Präsident aller Bolivianer sein und das Land zusammenführen. In der Tat benötigt das Land eine Regierung, die in der Lage ist, die Wunden zu heilen und eine neue friedliche Etappe einzuleiten. Bolivien macht eine kritische Phase durch, vor allem wegen der Corona-Pandemie und der Konflikte infolge der annullierten Wahlen vom Oktober 2019. Beides hat das Land in eine wirtschaftliche Krise gestürzt und die tiefe Spaltung der Gesellschaft deutlich gemacht, zwischen Stadt und Land, zwischen Hoch- und Tiefland und zwischen Arm und Reich. Arce steht vor einer schweren Aufgabe." So weit die Zeitung OPINION aus Cochabamba.

Thema in vielen Zeitungen sind auch die Entwicklungen rund um die Corona-Pandemie. Die polnische RZECZPOSPOLITA blickt auf die steigenden Zahlen im eigenen Land: „Selbst die Gesundheitssysteme viel reicherer Länder - wie Italien, Frankreich und Großbritannien - haben der Pandemie nicht standgehalten. Daher wäre es illusorisch zu hoffen, dass das unterfinanzierte polnische System besser mit Covid-19 umgehen könnte. Es wächst das Risiko, dass wir im Falle einer Infektion Probleme haben, einen Termin beim Arzt oder einen freien Platz im Krankenhaus zu bekommen. Natürlich ist es gut, dass die Regierung mit dem Bau von Feldkrankenhäusern beginnt - doch stoppen können die Pandemie nur wir selbst, indem wir die Regeln befolgen und Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen“, unterstreicht die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.

In Japan werden derzeit einige Hundert Neuinfektionen pro Tag registriert. Anders ist die Situation in Europa, wie die japanische Zeitung YOMIURI SHIMBUN beobachtet: "Dort überschreitet die Zahl der Neuinfektion pro Tag die Schwelle von 100.000 und damit das Niveau vom Frühjahr. Gründe sind mehr Kontakte der Menschen in der Urlaubszeit und mehr Tests. Die Regierungen sind alarmiert. Die Maßnahmen der europäischen Länder haben aber etwas gemeinsam: Es gibt keine landesweiten, sondern regionale Einschränkungen. Im Frühjahr führten viele Länder strenge Lockdowns mit Ausgangssperren und Geschäftsschließungen durch. Die Nebenwirkungen waren groß. Deshalb ist es verständlich, dass die Regierungen dieses Mal sehr bedachte Maßnahmen treffen, um den gerade begonnenen Wiederaufbau der Wirtschaft nicht zu stoppen", meint YOMIURI SHIMBUN aus Tokio.

"Während Europa und Amerika noch mühsam gegen das Coronavirus kämpfen, hat sich Chinas Wirtschaft erholt", heißt es in der chinesischen Zeitung JIEFANG RIBAO. "In der ersten Oktoberwoche sind 630 Millionen Menschen innerhalb des Landes gereist - ohne neue Corona-Infektionen entstehen zu lassen. Was sind die positiven Erfahrungen der Chinesen? Ein effektiver Schnelltest kostenfrei für Jedermann ist das Instrument Nummer eins. Strenge lokale Isolierungsmaßnahmen und die radikale Reduzierung sozialer Kontakte, insbesondere die Vermeidung großer Familienfeiern, haben einen wesentlichen Beitrag geleistet. An dritter Stelle steht die breite Akzeptanz der Bevölkerung, einen Mundschutz an öffentlichen Plätzen zu tragen", erklärt JIEFANG RIBAO aus Schanghai.

Die britische THE TIMES ist froh, dass... "mit China wenigstens eine Lokomotive der globalen Wirtschaft unter Dampf steht. Während man sich in Großbritannien mit einem dreistufigen System lokaler Lockdowns herumschlägt, gibt es ähnliche Auseinandersetzungen auch in Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und den Niederlanden. Das hat Folgen für die Wirtschaft und für das Vertrauen von Unternehmen und Verbrauchern. Die gute Nachricht ist, dass Chinas Erholung Hoffnungen stärkt auf eine robuste Wiederbelebung sobald die Pandemie - wie in China und anderen Teilen Asiens - unter Kontrolle gebracht wurde", hält THE TIMES aus London fest.

Zum Schluss ein Blick nach Nigeria, wo bei Protesten gegen Polizeigewalt bereits mehrere Menschen getötet wurden. Dazu schreibt die nigerianische Zeitung VANGUARD: "Die Bewegung erschüttert das Land in seinen Grundfesten. Die herrschende Klasse kann nicht begreifen, was derzeit passiert. Sie kann nicht begreifen, dass die Wut über die Exzesse der Sondereinheit gegen Raubüberfälle, SARS, eigentlich die Frustration über ein schlecht verwaltetes Land ist. Die Anti-SARS-Kampagne offenbart die Spaltung in Nigeria, die von der Regierung aufrechterhalten wird. Die Anti-SARS-Proteste zeigen, dass Nigeria nicht mehr auf die alte Art und Weise regiert werden kann. Wir nähern uns einem 'Nigerianischen Frühling' früher als erwartet. Ob die Regierung aus der Revolution einen Bürgerkrieg machen wird, bleibt abzuwarten." Mit diesem Kommentar der Zeitung VANGUARD aus Lagos endet die internationale Presseschau.