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StartseiteMusikjournalDie große Vielfalt der Blasmusik 20.01.2020

Internationaler Blasmusik-KongressDie große Vielfalt der Blasmusik

Blasorchester sind extrem beliebt. Fast nirgendwo sonst sind so viele Laien musikalisch aktiv wie in diesen Ensembles. Der Internationale Blasmusik-Kongress in Neu-Ulm bot Amateuren nun die Gelegenheit, gemeinsam mit Profis zu musizieren und sich dabei fortzubilden.

Von Claus Fischer

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Waldhörner bei den Blechbläsern des BBC Philharmonic Orchestra. (picture alliance / Dave Thompson)
Aus der Atmung entsteht der Ton, daher der Begriff Blasmusik - auch zur richtigen Atemtechnik gab es Workshops beim IBK (picture alliance / Dave Thompson)
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"Als ich hier in den Saal gekommen bin und überall diese Riesenausstellungen gesehen hab von lauter glänzenden Blechblasinstrumenten, da schlägt mein Herz natürlich höher!"

Ein absoluter Star der Opernszene ist der Tenor Klaus Florian Vogt. Dass er vor seinen Erfolgen, unter anderem als Lohengrin in Bayreuth, einmal Hornist im Philharmonischen Staatsorchester Hamburg gewesen ist, wissen nur wenige. So war der Besuch des internationalen Blasmusik-Kongresses in Neu-Ulm für ihn ein spannender Ausflug in sein "früheres Leben". Öffentlich spielt er allerdings kein Blasinstrument mehr.

"Das kann ich Niemandem mehr zumuten!"

Mahler-Lieder mit Blasorchester

Vor zwei Jahren bekam Klaus Florian Vogt eine Anfrage aus Friedrichshafen am Bodensee. Das Stadtorchester wollte seinem Publikum einen Zyklus von Liedern Gustav Mahlers vorstellen, vom japanischen Komponisten Yasuhide Itō für Blasorchester arrangiert.

"Die Idee fand ich einfach sehr reizvoll - und dann konnten wir das vor zwei Jahren in Friedrichshafen einmal aufführen. Und einmal ist natürlich immer schade wenn es dabei bleibt und deshalb war ich ganz dankbar für diese andere Möglichkeit."

Die zweite Aufführung des Zyklus war zweifellos ein Höhepunkt im Rahmen der Konzerte beim Blasmusik-Kongress in Neu-Ulm. Und Klaus Florian Vogt hat ihn sichtlich genossen.

"Man kriegt natürlich einen viel stärkeren, kräftigeren Teppich geliefert als mit Streichern, ist ja klar. Trotzdem find ich das erstaunlich, die Klarinetten und Flöten und Oboen imitieren ja so ein bisschen die Streicher, ich finde, das funktioniert eigentlich relativ gut!

Der Auftritt mit einem Prominenten der Klassikszene war selbstverständlich auch für den Dirigenten des Stadtorchesters Friedrichshafen eine spannende Sache. Aber Pietro Sarno sah es locker.

"Also mit einem Bariton oder mit einem Bass wäre das Ganze viel schwieriger, weil da einfach die Lagen zu ähnlich sind im Blasorchester. Also der Itō hat das so großartig arrangiert, dass wirklich, wenn er singt, die Instrumente also möglichst weit über ihm sind oder unter ihm, so dass es selten Stellen gibt, wo man aufpassen muss, dass es zudeckt."

Der Tenor Klaus Florian Vogt mit Musikern des Stadtorchesters Friedrichshafen. (Deutschlandradio / Claus Fischer)Führten Mahler-Lieder auf, arrangiert für Blasinstrumente: Klaus Florian Vogt mit dem Stadtorchester Friedrichshafen (Deutschlandradio / Claus Fischer)

Die Mitglieder des Stadtorchesters Friedrichshafen, fast alles Laien, waren äußerst konzentriert bei der Sache. Kerstin Scheffer ist im Hauptberuf Kinderkrankenschwester.

"Mit einem Sänger zu arbeiten stellt einfach nochmal ganz andere Anforderungen ans Orchester wie die übliche Blasorchesterliteratur."

"Für ein Konzert eines sinfonischen Blasorchesters ist es natürlich eine zusätzliche Farbe, wenn da ein Sänger dazukommt. Und dann kann man eben auch zeigen, dass man begleiten kann!"

Anregungen und Weiterbildung

So sei sein Konzert, sagt Florian Vogt, auch beispielgebend gewesen. Den zahlreichen Dirigenten von Amateurblasorchestern im Saal wollte er eine Anregung für ihre Arbeit mitgeben, nach dem Motto: "Leute, macht mehr Klassik und arbeitet doch mal mit Gesangssolisten!"

Anregungen geben - das war auch die Intention der zahlreichen Instrumentalworkshops beim Kongress, sagt Miriam Tressel, eine der beiden Organisatorinnen.

"Mit Profis, die dann eben an die Amateurszene ihr Wissen weitergeben und denen für ihre tägliche Arbeit dann auch wieder Material an die Hand geben."

Für die intensive Weiterbildung junger Dirigenten sorgte Toni Scholl mit einem Meisterkurs. Er ist Akademischer Mitarbeiter am "Landeszentrum Dirigieren" der Musikhochschule Mannheim und unterrichtet eine spezielle Klasse für die Leitung von Blasorchestern.

"Also es ist nicht so, dass man automatisch, wenn man Streicher dirigiert hat, auch ein Blasorchester in den Griff kriegt. Man muss sich ein wenig umstellen, wir müssen sehr auf die Atmung achten."

Die vorher ausgewählten Kursteilnehmer konnten sich dabei am lebenden Objekt, sprich der etwa hundert Mitglieder starken "Bläserphilharmonie Baden-Württemberg" ausprobieren. Unter ihnen Andreas Seger aus Kempten im Allgäu. Das Dirigieren unter fachkundiger Aufsicht war für ihn eine hervorragende Möglichkeit zur Selbstkontrolle.

"Funktioniert das, was ich zeige? Bekomme ich das zurück, was ich hören möchte?"

Zunehmend mehr Frauen am Pult

Andreas Seger wirkte entspannt und souverän. Dennoch riet ihm Toni Scholl, nicht alles im Orchesterapparat unter Kontrolle haben zu wollen. "Die Klarinetten finden ihren Einsatz schon allein", meint er mit Augenzwinkern.

Leider haben nur wenige Frauen am Meisterkurs teilgenommen, die Leitung von Blasorchestern scheint immer noch eine Männerdomäne. Auch wenn es beispielsweise im Bereich der Heeresmusikkorps inzwischen auch hauptamtliche Dirigentinnen gibt, die im Rahmen des Kongresses auch zu erleben waren. Meisterkursteilnehmerin Lena Herber aus dem Saarland reizt vor allem eines an der Aussicht, später einmal ein sinfonisches Blasorchester zu dirigieren.

"Das ist der Klangfarbenreichtum! Also ich glaub, das hat sonst kein anderes Orchester! Wir haben tiefes Blech, wir haben hohes Blech, wir haben Holzbläser, dann ein wahnsinnig umfangreiches Schlagwerk, das ist super faszinierend!"

Im Rahmen der Workshops beim Kongress beschäftigte man sich auch mit dramaturgischen Fragen. Jens Weismantel, Gymnasiallehrer aus dem hessischen Hasselroth, leitet mehrere Amateurblasorchester.

"Den Spruch "Es ist für jeden was dabei", den hab ich so oft gehört, dass ich den irgendwann nicht mehr hören konnte, und dann probiert habe, in eine ganzheitliche Richtung bei der Programmgestaltung zu arbeiten."

Ein thematischer roter Faden sei das A und O für einen gelungenen Konzertabend. So kann man dem Publikum mit Hilfe der gespielten Stücke eine Geschichte erzählen. Es empfiehlt sich dabei auch einen Moderator oder eine Moderatorin zu engagieren.

Zu wenig Nachwuchs für die Blasmusik

Zur Sprache kamen beim Kongress auch die Schwierigkeiten, die Laienorchester auf dem Gebiet der Blasmusik in Deutschland haben. Toni Scholl:

"Das größte Problem ist natürlich in der heutigen Zeit, in der Ausbildung genügend Jugendliche dazu zu bringen, dass sie neben dem, was so an Elektronik zu Hause geboten wird einfach auch noch bereit sind, ein Instrument zu lernen."

Eine Möglichkeit, den Einstieg ins Musizieren zu erleichtern, sagt Kongress-Organisatorin Miriam Tressel, sind spezielle Instrumente für Kinder. Sie wurden im Rahmen der Ausstellung auch präsentiert.

Dritte Auflage für 2022 geplant

"Beispielsweise eine Klarinette, die mit der Handspanne eben für die Klarinettisten eben passt oder bei der Posaune, dass das mit dem Zug funktioniert, da hat sich auch bei dem Instrumentalherstellern wahnsinnig viel getan in der Szene."

Die Bilanz des Zweiten internationalen Blasmusik-Kongresses in Neu-Ulm fällt von Seite der Organisatorinnen Miriam Tressel und Alexandra Link rundweg positiv aus. Im Vergleich zur ersten Ausgabe vor zwei Jahren konnte man die Zahl der Teilnehmer von 1.500 auf 2.000 erhöhen.

"Wir haben da eine Riesensteigerung und freuen uns, dass dieses Konzept so gut aufgeht und angenommen wird."

Und das lag sicher auch an der prominenten Unterstützung durch Startenor Klaus Florian Vogt.

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