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StartseiteMusikjournalEin Lichtblick am Schwarzen Meer17.05.2021

Internationaler Violinwettbewerb in OdessaEin Lichtblick am Schwarzen Meer

Während die westeuropäischen Länder noch tief im Kultur-Lockdown stecken, wurde in der ukrainischen Kulturmetropole Odessa ein neuer Violinwettbewerb ins Leben gerufen. Er trägt den Namen des legendären Violinlehrers Pjotr Stoljarski, dessen 150. Geburtstag dieses Jahr gefeiert wird.

Von Anastassia Boutsko

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Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Stoljarskij-Violinwettbewerbes (Deutschlandradio/Anastassia Boutsko)
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Stoljarskij-Violinwettbewerbes (Deutschlandradio/Anastassia Boutsko)
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Odessa im Frühling ist ein Paradies: die Stadt am Schwarzen Meer ertrinkt regelrecht in der Blütenpracht von Flieder und Kastanienbäumen. Das Frühlingserwachen der Natur passt zur Stimmung in der Stadt: Den gröbsten Widrigkeiten der Corona-Zeit entkommen (Odessa gehörte lange zu der Roten Zone), erwacht die Stadt zum neuen Leben.

Musikalische Schule ist Markenzeichen der Stadt

In den Parks und am Meer wird vorsichtig flaniert, die Restaurantbesitzer schieben fleißig die Tische auf ihren Terrassen auseinander und die Kultur findet zum "Leben danach". Vor allem die Musik – ist Odessa doch die ukrainische, aber auch eine Welt-Musikmetropole per se. Die Philharmonie und das berühmte Operntheater dürfen die Säle zu 50 Prozent füllen, und da kommt gleich der Paukenschlag: der internationale Stoljarski-Violinwettbewerb. Benannt nach dem legendären Violinpädagogen Pjotr Stoljarski, wurde er von Professoren der Odessa-Musikakademie initiiert und von der städtischen Kulturverwaltung und einer Reihe privater Förderer unterstützt – die musikalische Schule von Odessa ist ein international geachtetes Phänomen und Markenzeichen der Stadt.

Nun ist es aber an der Zeit zu sagen, wer Pjotr Stoljarski war. Der Name sagt vermutlich vielen nichts. Dafür aber die Namen seiner Schülerinnen und Schüler, wie Michail Fichtengolz, Natan Milstein, Elisaveta Gilels oder David Oistrach.

Vor genau 150 Jahren, 1871, wurde Pjotr Stoljarski in einer jüdischen Familie unweit von Odessa geboren. Schon um die Jahrhundertwende leitete er eine private Violinschule, die als eine der besten im russischen Imperium galt.

Generationen von Musikern und Musikpädagogen wurden ausgebildet

Hartnäckig und souverän betrieb er seine Sache weiter – über die Revolutionen und Kriege hinweg – und bildete Generationen von Musikern und Musikpädagogen aus. Was man heute als sowjetische, später ukrainische beziehungsweise russische Violinschule kennt, ist weitgehend die Stoljarski-Schule. Auch seine Mut war legendär: So soll Stoljarski, frisch mit einem hohen Staatsorden ausgezeichnet, dem allmächtigen Joseph Stalin Ende der 30er Jahre gesagt haben, er brauche keine Geschenke, sondern eine ordentliche Schule für hochbegabte junge Musiker. Eine solche wurde ihm auch gegeben – und sie existiert bis heute. Tausende Violinisten wurden in der Ukraine, in Russland und anderen Ländern der damaligen Sowjetunion von Stoljarski-Schülern ausgebildet.

Auch der Geiger Andrii Murza - er spielt heute bei den Düsseldorfer Symphonikern und ist Professor an der Musikakademie in Odessa. Er gehörte zu den Initiatoren des Stoljarski-Violinwettbewerbs und ist dessen künstlerischer Leiter.

"Stoljarski förderte in jedem das Besondere"

"Ich hatte Glück bei einem der unmittelbaren Schülern von Pjotr Stoljarski, Michail Turschinski, zu lernen, der noch persönliche Erinnerungen an Pjotr Salomonowitsch hatte. So erzählte er, dass Stoljarski jeden neuen Schüler, der zu ihm kam, erst einmal im langen Flur seiner Wohnung laufen und hüpfen ließ, um zu sehen, wie das Kind so drauf ist. Ich glaube, da ist auch der Schlüssel zum Geheimnis von Stoljarski zu suchen: Er ging immer auf die Persönlichkeit seiner Schüler ein, förderte in jedem das Besondere. Er war selbst kein genialer Geiger, aber ein genialer Lehrer. Er wollte keine Wunderkinder produzieren, sondern konnte einem beibringen, was es bedeutet, Musiker zu sein!"

Es war also höchste Zeit, Pjotr Stoljarski ein Denkmal zu setzen – und was hätte sich da besser geeignet, als ein Wettbewerb für junge Musiker? Die ukrainischen Geiger Andrii Murza und Alexej Semenenko hatten die Idee und wurden von der Musikergemeinde von Odessa und der städtischen Verwaltung für Kultur unterstützt. Nach dem ersten nationalen Probelauf 2018 plante man einen internationalen Start für 2020. Coronabedingt verschoben, fand der erste internationale Stoljarski-Wettbewerb nun im Mai 2021 in Odessa statt.

65 Bewerbungen aus 24 Ländern

"Wir hatten mit einer solchen Anzahl der Bewerbungen nicht gerechnet. Wir haben 65 Bewerbungen aus 24 Ländern der Welt, darunter auch aus Westeuropa, USA, China und Japan. Alle waren bereit, auch nach Odessa zu kommen. Eine internationale Jury hat 24 Teilnehmer aus 12 Ländern ausgewählt, die dann nach Odessa kamen und vom 7. bis zum 13. Mai in drei Runden vorspielten. Die dritte Runde fand im großen Saal der Philharmonie statt, vor begeistertem Publikum. Ich glaube, wir waren der einzige Wettbewerb, der in unseren Zeiten nicht digital, sondern live und mit Publikum stattfand, denn seit Mai ist es in Odessa erlaubt, Kulturveranstaltungen mit 50 Prozent des Publikums durchzuführen. Das hat dem Wettbewerb natürlich eine zusätzliche Emotionalität verliehen. Denn das Publikum gehört zu einem Wettbewerb."

Endlich vor Publikum zu spielen – das war für viele junge Musiker fast wichtiger, als zu gewinnen. So auch für Jakow Pavlenko, der in Deutschland geboren wurde und in Essen studiert: "Allgemein war es aus deutscher Sicht sehr erfreulich zu sehen, dass solche Ereignisse wieder durchgeführt werden können, trotz schwieriger Bedingungen. Sogar mit einem Gala-Konzert mit dem Philharmonischen Orchester als Finale!"

Wettbewerb findet alle zwei Jahre statt

Jakow Pavlenko teilte den zweiten Preis mit der Holländerin Anna Elders. Der Russe Michail Usow landete auf Platz drei. Den ersten Preis gewann der Ukrainer Dmitro Udovychenko, ein klarer Kandidat für eine große internationale Karriere.

Der Stoljarski-Wettbewerb soll nun alle zwei Jahre durchgeführt werden, die Veranstalter hoffen auf einen festen Platz in der Familie der internationalen Musikwettbewerbe. Und vielleicht ein bisschen auf einen neuen Glanz für die Musikkultur der Stadt und das Phänomen der "musikalischen Schule von Odessa". Die Preisgelder sind bescheiden, aber ein Besuch der "Perle am Schwarzen Meer" lohnt sich allemal.

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