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StartseiteVerbrauchertippDas Geschäft mit dem Schamgefühl01.03.2019

Internet-ErpressungDas Geschäft mit dem Schamgefühl

Hackerangriffe sorgen immer wieder für Schlagzeilen und verunsichern viele Computernutzer. Das machen sich auch zunehmend Computerkriminelle zunutze und versuchen mit geschickten Spam-Mails Gelder zu erpressen. Eine aktuelle Spam-Welle setzt dabei vor allem auf das Schamgefühl der Betroffenen.

Von Stefan Römermann

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Ein junger Mann hält in Hannover (Niedersachsen) ein Smartphone, auf dem ein erotisches Foto einer jungen erwachsenen Frau zu sehen ist.  (dpa / Julian Stratenschulte)
Internet und Sex ist oft ein heikles Thema. Kriminelle spielen in Spam-Mails mit dem Schamgefühl der Computernutzer. (dpa / Julian Stratenschulte)
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Die Vorstellung ist beängstigend: Hacker dringen in mein Smartphone oder meinen Laptop ein, durchsuchen Mails und persönliche Dokumente – und überwachen mich vielleicht sogar mit der eingebauten Webcam. Seit vergangenem Jahr kursieren immer häufiger E-Mails, in denen die Absender mit genau solchen Ängsten spielen. Anfangs nur auf Englisch – inzwischen nehmen die Kriminellen auch deutschsprachige Internet-Nutzer ins Visier, erklärt Andre Wolf vom Verein Mimikama, der über Internet-Missbrauch informiert. Die Drohungen in den Mails zielen dabei vor allem auf das Schamgefühl der Empfänger. 

"Dass man angeblich gefilmt worden wäre, während man am Computer am Masturbieren war und dieses Material jetzt eingesetzt werde gegen einen – wenn man nicht eine bestimmte Summe bezahlen würde."

Gezahlt werden soll in der Regel mit der Krypto-Währung Bitcoin. Kommt kein Geld, werde das Video im Internet veröffentlicht.

"Da wird auch explizit gedroht, dass man den Ehepartnern Bescheid sagen würde, dass man dem Arbeitgeber Bescheid geben würde und dem gesamten Freundeskreis Bescheid geben würde. Denn man hat ja angeblich Zugriff auf den Rechner und somit auch Zugriff auf die Kontakte."

Erpresser haben überhaupt keine persönlichen Informationen

Wer ganz genau hinschaut, merkt allerdings: Die Mails enthalten überhaupt keine persönlichen Informationen. Die haben die Erpresser auch nicht. Denn sie haben sich nie in die Computer ihrer potenziellen Opfer gehackt. Trotzdem fühlen sich viele Empfänger ertappt, erklärt Wolf.

"Viele haben eine Webcam, gerade auch am Notebook, und wahrscheinlich auch nicht abgeklebt. Der nächste Punkt ist: Natürlich besuchen auch viele Menschen Pornowebsites. Das passiert nun mal. Und deswegen hat man natürlich ein großes Feld von Menschen, die sich betroffen fühlen. Und viele haben natürlich aus Schamgefühl dann überwiesen."

Wer das bereits getan hat, sollte unbedingt Anzeige erstatten. Das Geld ist zwar vermutlich verloren. Aber unter Umständen lassen sich doch irgendwelche Spuren zu den Tätern finden. Ansonsten gilt: Auf keinen Fall auf die Mail antworten – und sie am besten löschen. Wer bei einer Mail doch das Gefühl hat, dass etwas mehr dahinter stecken könnte, sollte sich professionellen Rat holen. Gerade auch bei vermeintlich peinlichen Situationen, sagt Stefanie Siegert von der Verbraucherzentrale Sachsen.

"Es ist unser Job, den Leuten zu helfen. Und es ist auch egal, um welches Problem es da geht. Wir sehen ja auch die Abzocke, die dahinter steckt. Die brauchen da gar keine Angst zu haben, dass wir da lachen."

Mails von vermeintlichen Anwaltskanzleien

Tatsächlich setzen Internet-Kriminelle immer wieder auf den Peinlichkeitsfaktor und das Schamgefühl der potenziellen Opfer. Manche Mails werden gar von vermeintlichen Anwaltskanzleien verschickt. Beispielsweise als Rechnungen für die Nutzung von tatsächlich oder vermeintlich kostenlosen Internet-Pornoseiten.

"Dass die Leute sich irgendwie bei Pornhub Videos angeguckt haben, nichts bezahlt haben etc., jetzt der Kanzlei Geld überweisen müssen. Und das ist natürlich ein empfindliches Thema. Und manchmal zahlt man lieber, als mit seiner Ehefrau oder seinem Ehemann darüber zu sprechen."

Und selbst ganz analog per Briefpost versuchen Kriminelle, mit vermeintlich peinlichen Rechnungen das Schamgefühl auszunutzen, erzählt Siegert. Immer wieder landen bei den Beratern in der Verbraucherzentrale auch Rechnungen für die angebliche Nutzung von Telefon-Sex-Nummern. Aber auch hier gilt der Rat: Auf keinen Fall bezahlen – und sich im Zweifelsfall Rat beim Anwalt oder der Verbraucherzentrale holen. 

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