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StartseiteForum neuer Musik 2015Die Sprengkraft von "Ostasien Modern"18.04.2015

InterviewDie Sprengkraft von "Ostasien Modern"

Es gab und gibt neben dem Westen weitere wichtige Weltzentren, sagt der Soziologe Boike Rehbein von der Berliner Humboldt Universität. Es geschehe aktuell eine Durchmischung der europäischen Moderne mit ganz anderen Entwicklungsmodellen. Westliche neue Musik werde etwa in Dörfern in Laos nicht als solche wahrgenommen.

Boike Rehbein im Gespräch mit Tim Schauen

(Bild: Deutschlandradio / Thomas Kujawinski)
Der deutsche Soziologe Boike Rehbein befasst sich va. mit der Globalisierung und Südostasien. (Bild: Deutschlandradio / Thomas Kujawinski)

Herr Rehbein, was fällt Ihnen als Soziologe zu der Thematik "Ostasien Modern" ein, was ist daran für Sie interessant?

Boike Rehbein: Zunächst mal ist es nicht selbstverständlich, dass Ostasien modern sein kann, weil wir als Soziologen immer davon ausgegangen sind, dass es eine europäische Moderne gibt, die durch den Kolonialismus oder durch die sozusagen Naturkraft des Kapitalismus oder auch einfach durch innere Bewegungsgesetze der Geschichte über die Welt verbreitet wird. Ostasien modern heißt also entweder, dass die europäische Moderne in Asien angekommen ist, oder es heißt, dass Ostasien eine eigene Moderne hat. Und weder das eine noch das andere ist selbstverständlich, und die Veranstaltung wird möglicherweise zeigen, dass eine der beiden Varianten richtig ist oder dass etwas ganz anderes zutrifft. Meine Vermutung geht dahin, dass wir möglicherweise auch noch etwas Neues lernen, was die Soziologie überrascht und was nicht in die beiden Schubladen passt, die ich gerade genannt habe.

Die Idee ist eben, dass sich die europäische Moderne auch über Nordamerika auf dem ganzen Erdball verbreitet hat, und dass es deshalb nur eine Moderne geben könne. Die Frage ist, ob es eben sozusagen heutzutage überhaupt noch eine Moderne gibt, und nicht schon eine Postmoderne, gleichzeitig stellt sich aber auch die Frage, ob vielleicht die Vorstellung einer Moderne überhaupt verfehlt ist, dergestalt, dass die verschiedenen Kontinente, die verschiedenen Kulturregionen, vielleicht sogar verschiedene Nationalstaaten eigene Geschichten mit eigenen Entwicklungsmodellen durchlaufen haben, die sich nicht nach dem Schema Tradition und Moderne kategorisieren lassen, und dass wir heute etwas erleben, was sozusagen eine Durchmischung der europäischen Moderne mit ganz anderen Entwicklungsmodellen und daher auch nicht unbedingt Entwicklungsstufen am besten vielleicht zu fassen ist. Wie gesagt, die Vorstellung "Ostasien Modern" birgt eine gewisse Sprengkraft und es ist eben nicht klar, ob wir etwas erleben, was wir schon kennen, oder ob wir nicht gar überrascht werden. Die Bekanntheit von so einer Komposition wie "Ostasien Modern" einerseits des asiatischen Kontinents und andererseits der Moderne kann natürlich bedeuten, dass wir Kultur geboten kriegen, die eigentlich westlichen Ursprungs ist und nur von Asiaten aufgeführt wird.

"Die Periode des Dreiklangs ist überholt"

Für uns ist klar, dass es eine Periode gab des Dreiklangs in der westlichen Musik, und das diese Periode jetzt überholt ist und man zumindest Zwölftonmusik eher serielle Musik und vielleicht sogar noch was Neueres machen muss. Und dass eben Faktoren wie Tempo und Harmonie und so weiter die Musik bestimmen, es kann aber sein, dass in anderen Musiktraditionen auch in anderen Musikmodernen, wenn wir diese Gegenüberstellung überhaupt bemühen wollen. Ganz andere Aspekte von Musik im Vordergrund stehen, die wir gar nicht hören, weil wir sie gar nicht wahrnehmen, so wie der Hund beispielsweise, in der Luft Dinge riecht, die uns vollkommen verborgen bleiben, und Dinge hört, die wir gar nicht hören können. So kann es sein, dass eben andere Kulturräume für Aspekte sensibilisiert sind, die wir gar nicht kennen, und die wir dementsprechend beim Hören von "Ostasien Modern" eben auch nicht wahrnehmen und deshalb die Musik vielleicht vollkommen fehlinterpretieren, weil wir sie nach dem Raster des Dreiklangs, der seriellen Musik oder vielleicht der Zwölftonmusik beurteilen.

Die Antwort wird auch das Forum geben, inwiefern die Konzeption von Musik als universeller Sprache, als Weltsprache auch funktioniert. Wenn man europäisch zentriert gedachte Musik konsumiert oder interkontinental Unterschiede hört. Was wir aus dem asiatischen Raum hören klingt anders als das, mit dem wir groß geworden sind.

Rehbein: Das ist ein guter Punkt, ich habe einen Freund, der neue Musik komponiert, und der Meinung ist, das Anton von Webern doch recht hat, und es so etwas wie universelle Naturgesetze des Musikalischen gibt, das habe ich ausprobiert, in dem ich Musik Anton von Weberns in Dörfern in Laos vorgespielt habe und es aus meiner Perspektive selbstverständlich nicht das geringste Interesse an dieser Musik gab, ja noch nicht mal wahrgenommen wurde, dass es sich um Musik handelt. Das ist jetzt kein Argument gegen den Universalismus, aber es zeigt die Schwierigkeit, sich untereinander musikalisch zu verständigen, wenn die Kriterien, die man an Musik heranträgt, völlig unterschiedliche sind.

In der Germanistik wird ja von der Generativen Grammatik gesprochen, die Frage ist, ob es auch diese gemeinsame DNA einer Weltmusiksprache gibt oder nicht gibt. Sie sprechen in Ihren Publikationen von der multizentrischen Welt, worin besteht die Qualität der multizentrischen Welt für Sie?

Vor 1600 gab es viele Weltzentren, im 20. Jahrhundert vermutlich nur eines

Rehbein: Da müssen wir zwei Sachen voneinander unterscheiden: Deutschland gehörte in den letzten 200-300 Jahren zu den Zentren der Welt, wenn wir davon ausgehen, dass eben der Kapitalismus in seiner heutigen Form sich von Europa und Nordamerika aus über die Welt ausgebreitet hat. Der Terminus der multizentrischen Welt verweist aber auf eine Welt, die es vor dem europäischen Aufstieg eigentlich immer gegeben hat, und die meines Erachtens, wenn auch in ganz andere Form heute zurückgekehrt ist. Vor dem europäischen Aufstieg haben wir Zentren in China, in Indien, im arabischen Raum bis runter ins östliche Afrika, wir haben auch Zentren gehabt, die nicht verbunden waren mit diesen Zentren in den Amerikas, und man könnte nicht sagen, welches Land, welche Region, welches städtische Zentrum vor dem, sagen wir mal 16. Jahrhundert wirklich so etwas wie das Zentrum der Welt gewesen wäre. Sondern es gab viele Zentren. Im 16. Jahrhundert begann sich das langsam zu ändern, und Nordwesteuropa rückte immer mehr ins Zentrum, und dieses Zentrum wanderte im 20. Jahrhundert im wesentlichen über den Teich in die USA. Und die USA waren ja tatsächlich 1989 der Meinung als einziges Zentrum der Welt übrig geblieben zu sein und Kapitalismus und Demokratie nun erfolgreich über wirklich die ganze Welt verbreiten zu können. Heutzutage wissen wir, sind die USA nicht mehr das alleinige Zentrum der Welt, denken wir an die Ereignisse der letzten zwei Wochen, als die Chinesen einer eigenen Entwicklungsbank vorgeschlagen haben und alle Welt, auch die Europäer, sofort hingerannt sind, um sich daran zu beteiligen, die USA aber versucht haben, das zu boykottieren, und gemerkt haben, dass sie im Hintertreffen sind, und eigentlich eine Chance verpasst haben, sodass das Kräftegleichgewicht eigentlich jetzt eher in Richtung China geneigt ist, zumindest in diesem Bereich und ganz und gar nicht mehr die Verhandlungsmacht bei den USA liegt.

Was versprechen Sie sich als Soziologe vom Forum neuer Musik 2015?

Rehbein: Wenn wir jetzt diese Feststellung, dass die multizentrische Welt zurückgekehrt sein könnte, auf die Musik übertragen, bedeutet es, dass die Vorstellung einer unlinearen Höherentwicklung von Musik im europäischen Kontext eben über die Dreiklangmusik hin zur seriellen und vielleicht darüber hinaus, fragwürdig geworden ist - bis jetzt war es klar, dass es eben nur ein Zentrum gibt, beziehungsweise vielleicht auch einen zentralen Zusammenhang, nämlich den Nordatlantik, und dass man in diesem Kontext bestimmt, was eben entwickelt ist und was nicht, was rational ist und was nicht, was überlegen ist und was nicht, und falls jemand daran zweifeln sollte, hätte man ihn mit Gewalt, sei es militärischer oder wirtschaftlicher Gewalt überzeugen können. Diese Optionen bestehen heute so nicht mehr, und daher können die Chinesen oder Inder oder Brasilianer mit gleichem Recht behaupten, dass ihre Kultur aber auch ihre Musik nicht weniger modern oder entwickelt ist, als die europäische. Das sehen wir in der Musik in dieser Form noch nicht wirklich, aber vielleicht überzeugt uns ja diese Veranstaltung eines Anderen. Möglicherweise sehen wir Formen des Musikalischen, von denen wir etwas lernen können, was wir noch nicht wissen.

In jedem Fall! Vielen Dank für das Gespräch!

 

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