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Startseite@mediasresNeue Blütezeit mit Problemen30.05.2019

Investigativer JournalismusNeue Blütezeit mit Problemen

Investigativer Journalismus ist im Trend - und hat gleichzeitig immer mehr Probleme, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Eine Diskussion über den aktuellen Stand der Enthüllungs-Recherche in Deutschland mit Anette Dowideit, Chefreporterin des Investigativ-Teams der Welt, und Nicolas Richter, Ressortleiter Investigative Recherche der SZ.

Anette Dowideit und Nicolas Richter im Gespräch mit Brigitte Baetz

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Bildnummer: 52451963 Datum: 19.02.2008 Copyright: imago/imagebroker Aktenstapel liegt auf einem Schreibtisch, Objekte; 2008, Symbolfoto, Büro, Büros, Akte, Akten, Stapel, gestapelt, Ordner, Aktenordner; , quer, Kbdig, Totale, , o0 Staat, Behörden (imago images / imagebroker)
Zugespielte Dokumente und Informationen: Hauptgerüst des investigativen Journalismus (imago images / imagebroker)
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Egal ob Panama Papers, Paradise Papers oder Football Leaks - der investigative Journalismus erlebt momentan eine Blütezeit. Waren es vor 44 Jahren noch die journalistischen Einzelkämpfer Bob Woodward und Carl Bernstein, die die Watergate-Affäre aufgedeckt und die Nixon-Regierung gestürzt haben, steht bei heutigen investigativen Recherchen die Teamarbeit im Vordergrund, so Anette Dowideit, Chefreporterin im Investigativ-Team der Welt:

"Zum einen in internationalen Recherchekooperationen, die gerade die Kollegen von der Süddeutschen sehr intensiv machen. Zum anderen aber auch in den Redaktionen - teilweise auch über Ressortgrenzen hinweg. Also dass eben nicht nur das Investigativ-Team für sich alleine irgendwas ausbaldowert, sondern dass wir sagen: Jetzt machen wir mal was zusammen mit den Leuten aus den Ressorts Politik oder Wirtschaft, und versuchen immer, die Experten zusammen zu kriegen, die das am sinnvollsten machen können."

Anette Dowideit, Chefreporterin im Investigativ-Team der Zeitung Welt, sitzt auf der Bühne der Talkshow hart aber fair. (imago images / Eibner)Anette Dowideit, Chefreporterin im Investigativ-Team der Zeitung Welt (imago images / Eibner)

Teamarbeit und Leidensfähigkeit

Neben der Teamfähigkeit müssen gute Investigativ-Journalistinnen und -Journalisten für Dowideit auch eine gewissen Leidensfähigkeit mitbringen - sehr häufig käme es zu rechtlichen Auseinandersetzungen mit den Gegenständen der Recherche.

"Man darf keine Angst davor haben, dass später jemand sauer sein wird, sondern dass man das ja eigentlich genau erreichen möchte. Bei einer investigativen Recherche möchte man ja auf keinen Fall, dass nachher alle sagen: 'Das war aber ein toller Bericht!' Dem muss man sich stellen und auch Spaß daran haben und es nicht als Belastung empfinden."

Ähnlich sieht es auch Nicolas Richter, Ressortleiter Investigative Recherche der Süddeutschen Zeitung, im Gespräch mit @mediasres. Juristische Auseinandersetzungen sind für ihn mittlerweile etwas fast Alltägliches.

"Wir sehen uns permanent konfrontiert mit Drohbriefen von Anwälten. Sobald man jemandem eine Anfrage schickt: 'Wir möchten über Sie berichten, wir haben folgenden Missstand oder folgendes Fehlverhalten mitbekommen', bekommt man sofort per Fax oder E-Mail eine Warnung: 'Wenn Sie darüber berichten, werden wir gegen Sie vorgehen' usw..."

November 21, 2017 - Munich, Bavaria, Germany - (Photo: ) Nicolas Richter. Consortium of Investigative Journalists, both groups recently released the Paradise Papers, which focuses on off-shore legal group Appleby, who has been connected to politicians, the wealthy, multi-national corporations, NGOs, and others who avoid tax burdens in their home countries. On the panel were Wolfgang Krach, SZ chief editor, Nicolas Richter, SZ investigative research, .Vanessa Wormer, SZ digital media and Burkhard Lohmann, lawyer, tax adviser and partner with Mazars Munich..Moderation by: Karsten Fischer, Professor at the Geschwister-Scholl-Institute for Political Science at Ludwig-Maximilians University. Munich Germany PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAb160 20171121_zbp_b160_005 Copyright: xSachellexBabbarx   (Sachelle Babbar / imago)Nicolas Richter, Leiter des Investigativ-Ressorts der SZ, sitzt auf einer Bühne bei einer Journalismus-Veranstaltung in München. (Sachelle Babbar / imago)

Juristische Auseinandersetzungen sind Alltag

Davon lasse sich das SZ-Investigativ-Team allerdings nicht einschüchtern, so Richter - obwohl man sich im Team bewusst sei, dass die Konsequenzen einer juristischen Auseinandersetzung gravierend sein können. 

"Es hat die Süddeutsche vor einiger Zeit jemand verklagt - wegen angeblich unbotmäßiger Berichterstattung, die ihn selber ein Vermögen gekostet habe. Da ging es um bis zu 80 Millionen Euro. Die Klage wurde von den Gerichten dann abgewiesen, aber das zeigt doch, dass man sich keine Fehler erlauben kann. Und dementsprechen nimmt diese juristischen Feinarbeit auch mit unseren Justiziaren im Haus immer größeren Raum ein."

Neben juristischen Einschüchterungsversuchen haben investigative Joournalistinnen und Journalisten aber noch mit einem anderen großen Problem zu kämpfen - oft würden viele Geschichten einfach im Sande verlaufen, so Anette Dowideit.

"Es gibt ja im Grunde genommen zwei Arten der Herangehensweise an investigative Recherchen. Entweder man fängt mit einer offenen Frage an - wie funktioniert dieses oder jenes? - und sucht sich dann seine Informanten dazu. Oder ich hab als Ausgangspunkt einen Whistleblower, der sagt: 'Ich hab hier was, das ist eine Geschichte für euch - ich hab hier Dokumente oder Informationen'. Dann gehen wir dieser Geschichte nach. Und dann wird da ganz oft eben nichts daraus, weil man sagt: 'Gut, diese Person halten wir doch nicht für so vertrauenswürdig'. Vielleicht kann sie ihre Geschichte nicht so richtig belegen, vielleicht würde sie sich selbst in Gefahr bringen. Oder das jemand sagt: 'Ich hab hier einen spektakulären Fall, über den solltet ihr berichten', und wir sagen dann: 'Naja, das ist jetzt ein Einzelfall, das hat keine übergeordnete Relevanz.'"

Hälfte der Recherchen verläuft im Sand

Von zehn Themen, die man anrecherchiere, ergebe sich nur aus rund fünf eine tatsächliche Geschichte, so Dowideit. Für Nicolas Richter gehört das allerdings zu Gattung der investigativen Recherche dazu - Geschichten müssten sich sogar zwingend immer wieder im Sande verlaufen.

"Recherche muss ja ergebnisoffen sein, und manchmal stellt man dann eben nach einer Weile fest, dass der vermeintliche Skandal gar keiner ist. Und dann sollte man auch nicht beharren, dass das einer sein müsste, sondern man muss es halt dann letzten Endes beerdigen und sich um andere Sachen kümmern."

Doch auch, wenn sich aus einem Thema eine spannende Enthüllungs-Geschichte ergibt, ist das noch lange Garantie dafür, dass die Veröffentlichung auch genügend Aufmerksamkeit erregt - oder gar Konsequenzen hat.

"Mich hat in den vergangenen Jahren ein anderer Trend beunruhig. Nämlich der, dass Recherchen, die sehr sehr gut sind, gar keine Folgen haben", so Nicolas Richter von der SZ. Viele Menschen würden bestimmten Medien nämlich nicht mehr trauen. 

"Wenn Sie sich an die US-Wahl erinnern, als Donald Trump 2016 zum Präsidenten gewählt wurde, da gab es ja unglaubliche Enthüllungen - über seine Steuern, über seinen Sexismus. Für seine Fans hatte das null Konsequenzen. Weil die gesagt haben: 'Das ist eine Kampagne der linken Medien, unser armer Donald', und dann haben sie ihn trotzdem gewählt. Und das ist ein Trend, der mich beunruhigt. Wenn man am Ende Fakten enthüllt, und das hat gar keine Wirkung mehr, dann zeigt das ja, dass ein großes Stück Vertrauen in die Medien verloren gegangen ist."

Skandal-Sättigung ein Problem für Investigativ-Teams

Zu diesem Vertrauensverlust in bestimmte Medien kommt für Welt-Investigativreporterin Anette Dowideit auch das Problem eines Nachrichten-Overloads.

"Dadurch, dass wir in den Sozialen Netzwerken aktiv sind und vielleicht auch dadurch, dass es so viele Investigativ-Teams gibt. Man muss schon auch sagen, dass es so einen Wettbewerb gibt, dass man regelmäßig als Investigativ-Team eine Nachricht raushauen muss. Dass das schon auch teilweise dazu führen kann, dass man Nachrichten so groß verkauft, wie sie vielleicht nicht verkauft werden müssten. Davor ist kein Team gefeit, weil man ja schon regelmäßig Präsenz zeigen muss und sagen: 'Hey, wir machen auch was, wir recherchieren nicht nur monatelang rum, es kommt auch was dabei raus.' Ich glaube, dass das schon auch ein bisschen dazu beiträgt, dass es eine gewisse Sättigung gibt an Skandalen."

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