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InvestigativliteraturDie Mauscheleien des ADAC

Auf der Hauptversammlung am Wochenende signalisierte der ADAC, transparenter und wieder glaubwürdiger werden zu wollen. Bastian Obermayer ist Investigativ-Journalist und war an der Enthüllung der Skandale des Vereins beteiligt. Insider-Informationen wie die Expressversorgung von Vertragskunden hat er in seinem Buch "Gott ist gelb. Wie der ADAC Deutschland belügt" zusammengetragen.

Von Michael Watzke

August Markl Portrait (dpa/picture alliance/Andreas Gebert)
Der ADAC-Präsident August Markl bleibt erst einmal im Amt (dpa/picture alliance/Andreas Gebert)
Weiterführende Information

Die schwierige Reform des Automobilclubs (Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 07.05.2014)

ADAC: "Auf jeden Fall den Vereinsstatus erhalten" (Deutschlandradio Kultur, Interview, 10.05.2014)

Bastian Obermayer zählt in seinem Buch alle Skandale auf, die den ADAC seit vier Monaten erschüttern. Vom "Gelben Engel" über Versicherungs-Abzocke bis zum Mitarbeiter-Mobbing. Im Zentrum steht für Obermayer der "Größenwahn" des gelben Clubs mit seinen einstmals 19 Millionen Mitgliedern.

"Dieser Größenwahn hatte schon lange dazu geführt, dass der Verein den Boden unter den Füßen verloren hatte. Die Interessen der Mitglieder waren mit der Zeit immer unwichtiger geworden, jedenfalls in Bezug zu den Interessen dieses wuchernden Gebildes, das sich ADAC nannte. Wuchernd deswegen, weil aus dem Pannenhilfeverein ein Konzern geworden war, der nach und nach immer weiter ausgebaut wurde, bis Tochtergesellschaften des ADAC e.V. einen Umsatz von mehr als einer Milliarde pro Jahr machten. Der ADAC verkauft inzwischen auch Autoversicherungen und Kredite, er verkauft Outdoor-Jacken und Handy-Verträge, er verkauft Kreuzfahrten, verleiht Mietwagen und verdient bei einer Vielzahl von Provisions-Geschäften mit – auch zum Nachteil seiner Mitglieder."

Um diese Mitglieder, so fordert Obermayers SZ-Kollege Hans Leyendecker im Vorwort des Buches, sollte sich der ADAC doch eigentlich am meisten kümmern. Denn das Motto des Vereins laute ja: "Im Mittelpunkt das Mitglied". Doch Obermayer, dessen Recherchen den ADAC-Skandal erst ins Rollen brachten, will beweisen, dass es dem ADAC nicht um seine Mitglieder geht, sondern:

"... dass der ADAC seit Jahren vor allem versucht, überall Geld zu verdienen. Die wollen in jedes Geschäft im automobilen Sektor mit rein. Die schauen überall: wo können wir noch ne Provision abstauben? Wie können wir unsere Mitglieder noch mal abziehen? Das ist wirklich ein Problem. Dafür braucht man keine Medienkampagne. Dafür muss man nur aufschreiben, was Sache ist."

Aufschreiben, was Sache ist – das tut Obermayer in dem gelben Büchlein, das bisweilen als Service-Ratgeber daherkommt. Mit ganz praktischen Tipps z. B. für ältere ADAC-Mitglieder:

"Nur ein Beispiel: es gibt einen sogenannten Treue-Tarif. Für langjährige Mitglieder über 60, die nicht mehr so viel Auto fahren. Von diesem Tarif erfährt man aber nur, wenn man selber kündigt. Dann wird gefragt: ‚Sagen Sie mal, bevor Sie uns ganz verlassen – wollen Sie nicht in den Treue-Tarif wechseln? Der kostet nur 30 Euro.' Da haben wir Leute, die uns sagen: Wir wurden 25 Jahre lang beschissen. Denn die sind jetzt 85 und hatten so lange schon das Recht auf diesen Tarif – von dem wurde ihnen aber nie etwas gesagt!"

"Im Zweifel ist das Mitglied eben ein Kunde zweiter Klasse"

Zugegeben: Was Obermayer schreibt, ist nicht neu. Das meiste hat man in den vergangenen Wochen und Monaten bereits aus den Nachrichten erfahren. Es ist ein Skandal-Kompendium, das der Autor vorgelegt hat, eine ADAC-Pannen-Statistik der etwas anderen Art. Als Lektüre eignet sie sich zum Beispiel, wenn man nach einem Motorschaden am Straßenrand auf den "Gelben Engel" wartet. Das kann schon mal länger als zwei Stunden dauern – wenn man das falsche Auto fährt:

"Und zwar machen die seit Jahren eine sogenannte Mobilitäts-Garantie für große Auto-Hersteller. Das heißt: man kauft einen Volvo – wie ich beispielsweise – und dann sagen die einem: wenn Sie liegenbleiben, müssen Sie nur die Volvo-Assistance anrufen, und dann schicken wir jemanden. Und das Schicken macht der ADAC. Das heißt: Volvo ruft den ADAC an, und der schickt dann jemanden. Wenn ich jetzt aber als reines ADAC-Mitglied da anrufe, und hab 'ne Panne – und während ich anrufe, rufen auch noch drei, vier andere an, es wird knapp, die haben nicht viele Mitarbeiter - dann werden Leute, die von diesen Autoherstellern geschickt werden, normalerweise schneller dran genommen. Das sagen uns jedenfalls Insider. Weil in den Verträgen mit den Herstellern nämlich steht: wir versprechen, dass wir innerhalb einer halben Stunde im Schnitt da sind. Und wenn dieser Jahres-Schnitt nicht gehalten wird, dann drohen Strafzahlungen. Dann droht der Kunde abzuspringen. Da geht's um viel Geld, während den Mitgliedern ja nichts versprochen wird. Denen wird ja nur gesagt: wenn ihr anruft, ja, wir kommen. Das machen sie auch sehr sehr zuverlässig, das will ich gar nicht in Frage stellen. Aber im Zweifel ist das Mitglied eben ein Kunde zweiter Klasse. Und das ist ein Problem für den ADAC.

Auch dieser Vorwurf ist nicht neu. Die Süddeutsche Zeitung hat darüber bereits vor mehreren Wochen berichtet. Auch deshalb ist Bastian Obermayers ADAC-Buch kein Muss – nicht mal für verärgerte ADAC-Mitglieder. Spannend ist es immer dann, wenn der Investigativ-Journalist von seinen Recherchen berichtet, von den heimlichen Treffen mit Whistleblowern und anonymen Informanten – und von den manchmal dreisten, manchmal kleinlauten Reaktionen des ADAC auf die Vorwürfe. Der Club verstecke sich bei Recherche-Anfragen von Journalisten gern hinter seinem Vereins-Status, sagt Obermayer.

"Vor der ganzen Aufdeckung habe ich eine Mail geschrieben und wollte vom ADAC wissen: was sind denn so die Wirtschafts-Kennzahlen? Wo geht denn das ganze Geld hin, diese Milliarden? Wie viele Firmen gibt es denn? Und ich hab eine ganz schöne Abfuhr bekommen. Nämlich so ungefähr: wir sind ein Verein. Wir müssen gar nichts sagen. Was wir sagen, steht auch im Geschäftsbericht. Viel Spaß beim Lesen.

Es gibt Alternativen zum größten deutschen Automobilclub

Am Ende der Lektüre dürfte manch ein Leser den Drang verspüren, seine Mitgliedschaft umgehend zu kündigen. Autor Obermayer, der derzeit ebenfalls versucht, fristlos aus dem ADAC auszutreten, gibt praktischerweise noch Tipps für Pannendienst-Alternativen. Denn schließlich ist der ADAC nicht der einzige Automobilclub in Deutschland:

"Niemand muss in den ADAC. Auch Nicht-ADAC-Mitglieder müssen nicht nächtelang am Straßenrand warten, bis sich jemand erbarmt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: wer den ADAC verlassen will, aber gegen Pannen und andere Katastrophen abgesichert sein möchte, muss sich ein wenig informieren. Aber im Grunde gibt es das, was der ADAC anbietet, auch anderswo. Und der größte Unterschied scheint: dass es bei allen anderen erheblich günstiger ist. Man muss nur damit fertig werden, dass man nicht mehr im ADAC ist. Womöglich ist aber genau das für die meisten das größte Problem. Denn die absolute Gewissheit, dass der ADAC einen in der Not nie im Stich lassen wird, ist in Deutschland wahrscheinlich schon ins Genmaterial eingedrungen."

Der große ADAC-Skandal der vergangenen Monate und auch die Recherchen von Bastian Obermayer könnten dazu beitragen, dieses Genmaterial der Deutschen neu zu programmieren. Das wäre eine beachtliche Leistung.

Bastian Obermayer: "Gott ist Gelb. Wie der ADAC Deutschland belügt"
Rowohlt Verlag, 160 Seiten, 8,99 Euro

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