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StartseiteForschung aktuellInzucht ohne Reue23.12.2011

Inzucht ohne Reue

Die Eroberungsstrategien der Bettwanzen

Entomologie. - Bettwanzen sind wieder auf dem Vormarsch - und sie sind offenbar durch herkömmliche Insektizide nicht zu beseitigen. In New York und anderen Ostküstenstädten der USA machen sich die winzigen Blutsauger breit, offenbar dank Inzucht ohne Reue. Einzige Gegenmaßnahme: frühzeitige Entdeckung und Bekämpfung.

Von Arndt Reuning

Manhattan, das selbsternannte Zentrum der westlichen Welt, ist auch der Ausgangspunkt einer neuerlichen Wanzenplage. (AP)
Manhattan, das selbsternannte Zentrum der westlichen Welt, ist auch der Ausgangspunkt einer neuerlichen Wanzenplage. (AP)

Weihnachtsstimmung in Manhattan. Doch einige der Touristen auf den Straßen werden womöglich eine Überraschung erleben, wenn sie mit Geschenken beladen auf ihr Hotelzimmer zurück kehren. Denn dort könnte auf sie schon jener Blutsauger warten, den Zoologen als Cimex lectularius bezeichnen: die Gemeine Bettwanze. Bis zu vierzig Millionen Dollar im Jahr kostet die Bekämpfung dieses Parasiten allein in der Stadt New York, die als Brennpunkt der Plage gilt.

"Meistens sind es die Medien, die eine Stadt zum Brennpunkt erklären. Und offenbar wurde New York in dieser Hinsicht viel Aufmerksamkeit zuteil – mit all den Menschen dort, den Touristen und den Geschäften und Hotels, die befallen sind."

Doch New York City ist nicht die einzige Stadt, in der die Bettwanzen prächtig gedeihen, erklärt der Entomologe Coby Schal. Zusammen mit seinen Kollegen von der North Carolina State University in Raleigh hat er die gesamte US-Ostküste unter die Lupe genommen – von Maine im Norden bis nach Florida im Süden. Die Forscher wollten nachvollziehen, wie sich die Winzlinge in den vergangenen zehn Jahren dort wieder neu ausbreiten konnten.

"Natürlich können wir die Geschichte nicht wieder aufleben lassen. Also haben wir uns dem Problem mit forensischen Methoden genähert – wir haben uns die DNA der Bettwanzen angeschaut und daraus unsere Schlüsse gezogen."

Die Forscher nutzen dabei Abschnitte auf der DNA, die häufig zufälligen Veränderungen unterworfen sind. An dem Muster dieser Mutationen kann man daher bestimmen, wie nahe zwei Populationen miteinander verwandt sind. Wäre bloß eine einzige Wanzenfamilie nach New York gelangt und hätte sich von dort aus entlang der Küste ausgebreitet, sollten alle Nachkommen ein ähnliches Muster aufweisen.

"Tatsächlich finden wir aber, dass sich alle Populationen genetisch deutlich voneinander unterscheiden. Viele von ihnen sind miteinander überhaupt nicht verwandt. Und das legt nun nahe, dass die Ostküste der USA mehrmals von Bettwanzen unterschiedlicher Abstammung besiedelt wurde und nicht nur von einer einzigen Gruppe, die sich anschließend ausgebreitet hat."

Im nächsten Schritt fokussierten die Entomologen ihren Blick auf einzelne Wohnkomplexe, die von Bettwanzen befallen waren. Diesmal fanden sie ein anderes Bild vor: die genetischen Muster der Insekten ähnelten sich in der gesamten Anlage.

"In ein Gebäude hier in North Carolina sind die Bettwanzen wohl nur einmal eingefallen. Sie gehörten alle zum selben Stammbaum. Und offenbar sind sie aus einer sehr kleinen Gruppe heraus entstanden. Genetisch unterschieden sie sich kaum voneinander, ihr Verwandtschaftsgrad war sehr hoch. Wir glauben, dass die ganze Population auf ein einziges Pärchen zurück geht, dessen Nachwuchs das Gebäude in Besitz genommen hat."

Coby Schal glaubt daher, dass Inzucht der Schlüssel für die exponentielle Ausbreitung der Bettwanzen ist. Normalerweise geht so etwas nicht lange gut, weil zunehmend Mutationen im Erbgut auftreten – und die Population irgendwann zusammenbricht. Mit welchem genetischen Mechanismus die blutsaugenden Parasiten das verhindern, wissen die Forscher aus North Carolina noch nicht. Aber dafür lässt sich eine ganz handfeste Empfehlung aus ihren Untersuchungen ableiten.

"Entscheidend ist, dass die Bettwanzen frühzeitig aufgespürt werden. Wenn das nicht geschieht, können sie sich durch Inzucht explosionsartig vermehren. Und nicht nur das. Sie können auch recht schnell auf die Nachbarwohnungen überspringen. Das haben unsere genetischen Studien gezeigt."

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