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StartseiteKultur heute"ION": Musiktheater von Param Vir17.10.2003

"ION": Musiktheater von Param Vir

Erstaufführung bei den Berliner Festwochen

"Gnõti seautón". Der Imperativ auf dem Tempelfries von Delphi – das "erkenne Dich selbst" – hat es dem anglo-indischen Komponisten Param Vir angetan. Es ist der Kernsatz auch des Euripideischen Schauspiels um den Spross der athenischen Königin Kreusa. Vir hat daraus eine Oper geschrieben, die bei den Berliner Festwochen uraufgeführt wird.

Haus der Berliner Festspiele (Berliner Festspiele)
Haus der Berliner Festspiele (Berliner Festspiele)
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\"Ion\" - Berliner Festspiele

Es ist die Geschichte einer Frau, die ihre Wunde heilen möchte, sagt der Komponist Param Vir. Es wurde als Tragödie gespielt, obwohl es glücklich endet. Und als sie ihren Sohn wieder findet, ist das ein ganz besonderer Moment.

Der Orakelspruch "erkenne Dich selbst" hat es dem anglo-indischen Komponisten Param Vir angetan. Die athenische Königin Kreusa hatte sie nach einer intimen Begegnung mit dem Gott Apollon einen Sohn empfangen. Aus Scham setzte sie ihn aus auf einem Felsen. In Delphi entdeckt sie ihn wieder. Kinderlos geblieben, sucht sie Rat bei der Pythia, wie sie zu einem Erben kommen könnte. Und die Apollo-Sprecherin orakelt: sie habe schon einen Sohn. Als Diener lebe er genau hier im Tempel. Es wird eine schmerzliche Begegnung und Aufarbeitung der Vergangenheit beider.

Mein Gefühl von Zeit trennt nicht Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft; für mich ist das alles Gegenwart, so Param Vir. Wirkliche Kunstwerke transzendieren Zeit und Ort. Auch ION ist für mich nicht eine griechische, sondern eine kraftvolle menschliche Tragödie.

Eine auch gestisch kraftvolle Musik hat Param Vir geschrieben. Plastisch sind die Figuren in seiner Musik gezeichnet. Ein Chor von fünf Frauen kommentiert das Geschehen. Zentrales Intervall von Virs Komposition ist die Quinte als Zeichen für das Licht der Erkenntnis, das das ganze Stück durchleuchtet. Mehr als konventionell ist indes die szenische Realisierung von ION in der Regie von Michael McCarthy. Man sieht hilflos antiquiertes Hälse-und-Hände-Reck-Theater in einem höchst bescheidenen Bühnen-Design.

Das "Musiktheater Wales" hat die Produktion für die Opéra-du-Rhin- Strassbourg erarbeitet. Mit Michael Bennett in der Titelpartie hat man zwar einen Tenor von der stimmlichen Wärme eines Peter Pears. Michael Rafferty dirigiert die "musikFabrik NRW" mit Verve. Die Schwächen dieser Oper beginnen indes schon in der dramaturgischen Umsetzung des Schauspiels. David Lan hat in seiner englischen Adaptation des Euripides ein lineares Erzähltheater vorgegeben, dem der Komponist in geradezu naiver Weise folgt. Was die Autoren mit ihrer Nacherzählung eigentlich heute wollen, wird nirgends klar. Ein ernsthaftes Problem mit ihren Musiktheater-Importen bekommen allmählich die Berliner Festwochen. Kaum etwas hielt bisher den hohen Erwartungen und Anforderungen stand. Neues Musiktheater? Da haben die Programm-Verantwortlichen wohl selbst einigen Nachholbedarf an Selbsterkenntnis.

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