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StartseiteTag für TagBahá'i betreiben geheimes Bildungsnetzwerk24.06.2015

IranBahá'i betreiben geheimes Bildungsnetzwerk

Bildung ist ein Menschenrecht. Doch im Iran gilt das nicht für jeden. Die Anhänger der Bahá'í-Religion - der größten religiösen Minderheit im Land - wird das Recht auf Bildung systematisch verwehrt. Deshalb haben die Bahá'í mit dem "Institute for Higher Education" ein eigenes geheimes Bildungsnetzwerk aufgebaut.

Von Frank Aheimer

Im Juni 2011 demonstrierten Anhänger der Bahà'ì-Religion in Rio de Janeiro für die Freilassung von sieben inhaftierten Glaubensbrüdern im Iran. (AFP - ANA CAROLINA FERNANDES)
Die Bahá'i erfahren Unterstützung auf der ganzen Welt: Im Juni 2011 demonstrierten Anhänger der Bahà'ì-Religion in Rio de Janeiro für die Freilassung von sieben inhaftierten Glaubensbrüdern im Iran. (AFP - ANA CAROLINA FERNANDES)
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Nach der Islamischen Revolution 1979 wurden im Iran Tausende Bahá'í von Ämtern und Arbeitsstellen entlassen, ihr Eigentum beschlagnahmt und ihre Renten nicht mehr ausgezahlt. Unter Ihnen auch Professoren, Dozenten und Hochschulmitarbeiter. Seitdem ist es Angehörigen der Bahá'í-Religion - der größten religiösen Minderheit im Iran - verboten, akademische Berufe auszuüben oder zu studieren. Neysan Rafat, Leiter der Stammzellforschung am Universitätsklinikum Heidelberg.

"Im Iran ist das so, dass man an einer zentralen Prüfung, ähnlich dem französischen Concours teilnehmen muss. Und abhängig von dem Ergebnis dieses Testes erhält man eine Hochschulzugangsberechtigung und wird auch den jeweiligen Studiengängen und Hochschulen zugeordnet. Und in diesem Tests fallen die Bahá'í regelmäßig durch, weil im Rahmen dieses Testes die Religionszugehörigkeit abgefragt wird und dadurch werden die Bahá'í rausgefiltert und systematisch sozusagen ausgeschlossen."

1993 gelangte ein geheimes Memorandum der iranischen Regierung an die Öffentlichkeit. Darin hieß es: Bahá'í sollen als Analphabeten und ungebildet gehalten werden. Auf niedrigstem Existenzniveau lebend und stets voller Angst, dass ihnen Inhaftierung oder noch Schlimmeres drohe! Wie der Physiker und Iran-Experte der Deutschen Bahá'í-Gemeinde, Ingo Hofmann berichtet.

"Der Ausschluss aus Bildung trifft natürlich die jüngere Generation besonders hart. Nun ist natürlich das Lernen für einen späteren Beruf gerade in einem Land, in dem es diese unglaubliche Jugendarbeitslosigkeit gibt, die einzige Chance später Fuß zu fassen. Allerdings muss man sagen, haben die Bahá'í sich nicht die Chance nehmen lassen, Notlösungen dafür zu finden. Sie haben im Laufe der Jahre eine eigene Selbsthilfe-Erziehungseinrichtung geschaffen, das Bahá'í-Institut für höhere Bildung: 'Bahá'í Institute of Higher Education', oder kurz 'BIHE' genannt."

Hilfe von Akademikern in aller Welt

Die Gründung dieses informellen Bildungsnetzwerk ist eine kreative und gewaltfreie Antwort auf die anhaltenden Bestrebungen der iranischen Regierung, den Bahá'í eine Hochschulbildung vorzuenthalten. Seit 1987 wird unter großen Schwierigkeiten unterrichtet. Anfangs per Brief, später mithilfe von Email und Internet. Die Studenten kennen nicht einmal die Namen ihrer Professoren, weil es zu gefährlich ist. Immer wieder kommt es zu Verhaftungen. 2011 werden sieben Dozenten festgenommen. Ein Jahr später der Rektor, alle Dekane und Fakultätsleiter. Ein Revolutionsgericht in Teheran verurteilt sie zu Haftstrafen von vier bis fünf Jahren. Neysan Rafat:

"Es kam immer wieder zu Stürmungen von Gebäuden, wo man Schul- oder Universitätsmaterial gelagert hatte und hat diese konfisziert. Sodass die kompletten Materialien, Labore, Chemielabore ausgeräumt und konfisziert wurden. Momentan sind weitere Dozenten in Haft nur weil sie einen ganz normalen Unterricht, sei es in Mathematik, sei es in Biologie, in Chemie, oder auch anderen Fächern, angeboten haben."

Trotz aller Rückschläge wird der Betrieb immer wieder aufgenommen. Die Lehrkräfte sind Professoren und Dozenten, die von der iranischen Regierung seit Jahrzehnten aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit zur Bahá'í-Religion an der Ausübung ihres Berufes gehindert werden. Sie lehren - ohne dafür bezahlt zu werden - junge Bahá'í, um Ihnen eine Hochschulbildung zu ermöglichen. Hilfe bekommen sie von Akademikern aus aller Welt. Auch aus Deutschland. Neysan Rafat vom Universitätsklinikum Heidelberg gehört zu einem kleinen Team, das Bahá'í-Studenten bei ihrer Bewerbung an Deutschen Universitäten unterstützt.

"Als wir angefangen haben BIHE Studenten nach Deutschland zu lotsen, hat fast jeder Student eine Absage sofort bekommen. Mittlerweile, als die erste Universität, das war seinerzeit 2009 die Universität Bonn, als erste Universität einen Abschluss des Bahá'í Institute of Higher Education akzeptiert hat - auch mithilfe des dortigen Dekans der Theologischen Fakultät – der die Bahá'í-Religion und die Bahá'í-Problematik im Iran sehr gut kannte. Seitdem ist es einfacher geworden, sodass viele andere Universitäten nachgerückt sind und auch Studenten von der Bahá'í Institute of Higher Education eine Chance geben wollen."

"Bildung ist der einzige Weg zur Emanzipation der Menschen"

Der Erfolg des Programms spricht für sich. Immer mehr Universitäten - in vielen Ländern der Welt - ermöglichen den Absolventen einen erfolgreichen Studienabschluss im Ausland. Und dass, obwohl Ihnen der Iran den Zugang zur Höheren Bildung verwehrt und sie keine anerkannte Hochschule besucht haben.

"Wir haben viele Unterstützungsschreiben von Professoren renommierter Universitäten, sowohl in Nordamerika und in Europa, die immer wieder überrascht sind über die Qualität der BIHE Studenten und die Ausbildung, die sie vor Ort erhalten haben, trotz der schwierigen Umstände. Der Großteil der Studenten geht zurück in den Iran. Und viele der Studenten nehmen das in Kauf, dass sie nach Hause kommen und wieder wirtschaftlichen Problemen ausgesetzt sind, weil dort das Erhalten eines Berufes, die Anstellung als Bahá'í einfach sehr, sehr schwierig - fast unmöglich ist. Dementsprechend ist es mit sehr vielen Opfern verbunden. Aber aufgrund dessen was BIHE ihnen ermöglicht hat, sehen sie das als ihre heilige Pflicht und Lebensaufgabe, wieder zurückzugeben und dabei zu unterstützen die nächste Generation an Studenten, eine höhere Bildung zu ermöglichen."

Bahá'u'lláh selbst - der Stifter der Bahai-Religion - hat es im 19. Jahrhundert allen Menschen zur Pflicht gemacht: Wissen zu erlangen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und selbstständig nach der Wahrheit zu suchen.

"Also, Bildung ist letzten Endes der einzige Weg, der zur Emanzipation der Menschen führt und sie aus einer Abhängigkeit herauslöst. Das ist ja nun ein Prozess der weit über das eigentliche religiöse Umfeld hinausgeht und letztlich die Basis für eine gesellschaftliche Weiterentwicklung. Darum geht es ja eben auch hier. Damit also der Bildungsprozess, den ich persönlich eingehe, dann auch im Einklang mit meinem Menschenbild mit meinen Wertevorstellungen passiert. Insofern ist eben Bildung ein viel breiteres Feld als nur die reine berufliche Bildung."

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