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StartseiteCorsoComputerspiel erinnert an Schah-Sturz21.04.2016

IranComputerspiel erinnert an Schah-Sturz

Vor fast 40 Jahren fand im Iran die Islamische Revolution statt. An diesen Epochenwechsel erinnert das Computerspiel "1979 Revolution: Black Friday". Entwickelt wurde es in New York vom iranischstämmigen Navid Khonsari. In seinem Heimatland selbst ist es auf nur Schleichwegen zu bekommen.

Von Tobias Nowak

Iranische Bürger protestieren im Jahr 1979 gegen den Schah. Im Vordergrund ist ein riesiges Banner mit dem Abbild von Revolutionsführer Ruhollah Khomeini (dpa / United Press International)
Das Spiel "1979 Revolution: Black Friday" greift die Anti-Schah-Demonstrationen im Iran auf. (dpa / United Press International)
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Computerspiele Vor allem bewährte Erfolgsgaranten

Das Computerspiel "1979 Revolution: Black Friday" versetzt den Spieler in die Rolle von Reza Shirazi, einem jungen iranischen Fotografen, der nach einem Auslandsjahr in seine Heimat zurückkehrt – aber Teheran ist im Herbst 1978 bereits in Aufruhr.

Krasse soziale Ungerechtigkeit und politische Repression unter dem Schah haben große Teile der Bevölkerung mobilisiert, friedliche Demonstrationen und ziviler Ungehorsam sind an der Tagesordnung. Aber nach gewaltsamen Reaktionen des Regimes droht die Stimmung zu kippen. Der Spieler steuert Reza durch dieses bedrohliche Szenario, und begegnet Verwandten, neuen Bekannten und alten Freunden: Diese wollen Reza auf die eine oder andere Weise einbinden in die sich anbahnende Revolution, Reza möchte aber nur Fotos machen.

Original Bildvorlagen der Zeit

Sich umschauen, Dialoge führen, Fotos machen: Das sind die Aktivitäten, die der Spieler steuert und durch die er Einzelheiten über die Zeit erfährt und Rezas Verhältnis zu den anderen Figuren beeinflusst. Fotografien waren den Spielentwicklern Navid und Vassiliki Khonsari besonders wichtig: Denn die im Spiel gemachten "Fotografien" von Demonstrationen, Flugblättern, Rednern, Straßenverkäufern oder Transparenten kann man dann in einer Galerie mit den originalen Bildvorlagen der Zeit vergleichen und – dank der kurzen Erläuterungen – verstehen. Auch viele andere Medien wurden für das Spiel "1979 Revolution" genutzt: Zeitgenössische Filme, Zeitungsberichte und Fernsehnachrichten, Propaganda-Kassetten Khomeinis oder auch Super-8-Filme des eigenen Großvaters. 

"Wir nennen das 'Wirklichkeits-Spiele'. Sie entstehen aus der Verschmelzung verschiedener Disziplinen der Bereiche Film, Spiel und Dokumentation. Es ist aufregend, dass neue Technologien uns neue Wege eröffnen, neue Geschichten zu erzählen, und wir damit auch ein neues Publikum erreichen können."

Inspiration: Private Erfahrungen

Neben den Bilddokumenten der damaligen Zeit, stützen sich die Spielmacher bei der Anlage von Story und Charakteren des Spiels auf die privaten Erfahrungen iranischer Zeitzeugen. Von denen haben sie über 40 ausgiebig nach ihren Erfahrungen befragt. Programmierer Navid floh selbst als Zehnjähriger mit seinen Eltern vor den Ayatollahs. Er erinnert sich, wie der Protest in Gewalt umschlug und die anfängliche Euphorie und Solidarität der Angst wich:

"Wir Neun- oder Zehnjährigen spürten die Angst nicht so sehr, aber wir hörten sie in der Stimme unserer Mutter, als sie uns vom Fenster weg rief, wenn die Soldaten Warnschüsse über die Köpfe der Demonstranten abgaben, wenn Autos brannten, wenn Panzer die Hauptstraßen entlangrollten."

Aber genau das sind die Szenen, in die "1979 Revolution" einen immer wieder wirft: Hoffnung sowie Gefahr der Zeit werden in Dialogen mit Freunden lebendig und der zersetzende Einfluss des Konfliktes auf die Familie wird beim gemeinsamen Abendessen offenbar. Natürlich gibt es auch laute Szenen, wenn beispielsweise aus einer Demonstration eine Massenpanik wird, nachdem Soldaten das Feuer eröffneten, aber vorherrschend ist der leise Ton und eine private, fast intime Perspektive auf die Ereignisse, die zum Sturz des Schahs führten.

Im Iran nur über Schleichwege zugänglich

Im Iran selbst ist das Spiel nur über digitale Schleichwege zu erhalten. Das findet Vassiliki Khonsari schade, denn:

"Für junge, computerspielende Iraner ist es erhebend, endlich selbst Charaktere in einem Spiel zu sein, nicht als Terroristen oder Propheten, sondern als normale Menschen, die ihren Alltag in den verschiedensten Grau-Schattierungen erleben. Darüber freuen wir uns sehr."

Wenn das Spiel auch ein kommerzieller Erfolg werden sollte, sind Übersetzungen in andere Sprachen geplant, an erster Stelle natürlich: Farsi. Vielleicht gibt es auch eine deutsche Fassung. Das Computerspiel ist seit dem 5. April als Download erhältlich.

 

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